Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Lazar

Lazar, serbischer Fürst ca. 1371-1389, * Priljepac um 1329, † (hingerichtet) Amselfeld (Kosovo polje) 28. (15.)06. 1389, serbischer Heiliger (Fest am 15. Juni a. St.).

Leben

 Als Sohn des zarischen Logotheten Pribac Hrebeljanović begann L. früh den Dienst am Hofe des Zaren Dušan. Ungefähr 1353 heiratete er Milica, eine entfernte Verwandte des Zaren aus einer Nebenlinie der Nemanjidendynastie. 1362 erscheint L. zum ersten Mal in den historischen Quellen, wo er ohne Titel, jedoch als einflußreiche Persönlichkeit und Freund der Ragusaner genannt wird. Bis 1370/71 war seine reale Macht soweit gewachsen, daß er dem mächtigen Župan Nikola Altomanović vorübergehend das Gebiet um Rudnik entreißen konnte. Gemeinsam mit Ban Tvrtko von Bosnien gelang es L. 1373, Nikola Altomanović zu besiegen, zu blenden und sein Gebiet zu teilen. Als L. 1378/79 noch Braničevo eroberte, war er Herr über ein beträchtliches Reich mit bedeutenden Bergwerksvorkommen. Sein Einfluß vermehrte sich durch geschickte Heiratspolitik, indem er seine Töchter an den bulgarischen Zaren Ivan Šišman, den ungarischen Ban der Mačva Miklós II. Garai und an die serbischen Teilherrscher Vuk I. Branković und Djuradj II. Stracimirović BaTsić gab, während seine Schwester den Čelnik Musa heiratete. So war L. als Oberhaupt des herrschenden Sippenverbandes zugleich, wenn auch nicht im staatsrechtlichen Sinne, Herrscher von Serbien und damit Nachfolger der serbischen Könige. Daß L. sich dieser Stellung bewußt war und sie auszubauen trachtete, zeigen nicht nur Urkundentitulaturen wie „In Christus Gott frommer und autokratischer Herr Serbiens und der Donauländer Stefan, Fürst Lazar“ (1380 für das Athoskloster Hilandar), sondern auch seine Monumentalbilder und Münzemissionen. Seit 1371 baute L. seine Hauptstadt Kruševac bedeutend aus und errichtete dort um 1375 eine Stefanskirche (Lazarica), deren Patronat auf die Symbolbedeutung des von L. neu angenommenen Herrschernamens Stefan hinweist. Nachdem es L. 1375 gelungen war, die seit 1353 entzweite griechische und serbische Kirche zu versöhnen und die Anerkennung des serbischen Patriarchats (unter Sava IV.) zu erreichen, festigte sich sein Ansehen durch die nun uneingeschränkte Unterstützung der Kirche noch mehr. Dabei war es ohne Belang, daß Ban Tvrtko sich 1377 zum König von Serbien krönen ließ und damit nominell die Oberherrschaft beanspruchte. Außenpolitisch befand sich L. zugleich in Abwehr der Osmanen und der Ungarn. Zwar konnte er mehrere türkische Einfälle Zurückschlagen (1381, 1386) und gegenüber Ungarn sogar, nach dem Tode König Ludwigs I. 1382, eine Weile aktive Politik treiben, jedoch zwangen ihn großangelegte Rüstungen von Sultan Murad I., die ungarische Oberherrschaft 1389 anzuerkennen und sich der türkischen Hauptmacht zu stellen. Unterstützt von bosnischen und einigen kroatischen Truppen, trat L. den Osmanen am 15. Juni (a. St., Veitstag) 1389 auf dem Amselfeld (Kosovo polje) entgegen. Wenn es auch einem Serben (der Name Miloš Obilić oder Kobilić ist späterer Tradition) gelang, Sultan Murad I. zu ermorden, und zunächst Verwirrung unter den Türken zu stiften, folgte dann doch unter Sultan Bayezid I. die völlige Niederlage des christlichen Heeres, die durch die Hinrichtung L.s und seines Gefolges an der Bahre Murads vollendet wurde. Die Bedeutung der Herrschaft L.s liegt in der Abkehr von dem jahrhundertelangen Drang nach Byzanz zugunsten des Ausbaus und der inneren Festigung des ethnisch serbischen Reiches. Die wirtschaftliche und kulturelle Blüte Morava-Serbiens unter L. und seinen Nachfolgern war eine der Vorbedingungen für die Erneuerung des modernen Serbiens. Während der Türkenzeit entwickelte sich in dem mit der Amselfeld-Epik eng verknüpften Heiligenkult L.s ein nationaler Mythos, der sich gemeinsam mit dem „Svetosavlje“ zum ideologischen Fundament der serbischen Monarchie entwickelte. Die Entführung und Schändung der L.-Reliquien durch kroatische Nationalisten, ihre Rettung und Überführung nach Belgrad (1942), sowie die ungebrochene Intensität des L.-Kultes in der Gegenwart haben zwar mit dem historischen Wirken L.s wenig zu tun, gehören aber zum Nachleben dieses Herrschers.

Literatur

Ruvarac, Ilarion: O knezu Lazaru. Novi Sad 1887.
Jireček: passim.
Braun, Maximilian: „Kosovo“. Die Schlacht auf dem Amselfeld in geschichtlicher und epischer Überlieferung. Leipzig 1937. = Slavisch-Baltische Quellen und Forschungen. 8.
Trifunović, Djordje: Srpski srednjovekovni spisi o knezu Lazaru i kosovskom boju. Kruševac 1968.
Kämpfer, Frank: Der Kult des heiligen Serbenfürsten Lasar. Textinterpretationen zur Ideologiegeschichte des Spätmittelalters. In: Südost-Forsch. 31 (1972) 81-139.
Ders.: Nationalheilige in der Geschichte der Serben. In: Forschungen zur Geschichte Osteuropas 20 (1973) 7-22, 10 Abb. Mihaljčić, Rade: Kraj srpskog carstva. Beograd 1975.
Popović, Miodrag: Vidovdan i časni krst. Ogled iz književne arheologije. Beograd 1976.

Verfasser

Frank Kämpfer (GND: 129105678)


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