Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Koçi Bey, Mustafa

Koçi Bey, Mustafa, osmanischer politischer Schriftsteller, * Görice (Korcë) und nicht Gümülcine (Komotini), wie zeitweilig angenommen wurde, † ebd. nach 1648, wohl albanischer Herkunft. Sein Beiname wird gewöhnlich von dem albanischen kuq (rot) abgeleitet.

Leben

Über das Leben von K. ist wenig bekannt. Nach der üblichen Version gelangte er durch die Knabenlese (devşirme) nach Istanbul, tat seit Sultan Ahmed I. Dienst in verschiedenen Abteilungen des kaiserlichen Palastes und wurde unter Murad IV. Beamter der Inneren Kammer (hasodali) sowie Kammerherr (musahib) und Vertrauter (mah- rem-i esrar) des Sultans. 1631/32 verfaßte er seine bekannte Denkschrift (risale) über den Verfall und die Reorganisation des Osmanischen Reiches. Nach K. setzte dieser Verfall bereits nach dem Beginn des 16. Jh.s ein, als 1503 zum erstenmal „Fremde“, d. h. nicht aus der Knabenlese Hervorgegangene, in das Jani- tscharenkorps aufgenommen worden waren. Bereits Sultan Süleyman I. nahm nicht mehr persönlich an den Sitzungen des Staatsrates teil; nach ihm wandten sich die Herrscher vollends von den Staatsgeschäften ab und vor allem der Jagd zu. Unter Murad III. begannen die Höflinge, sich in die Amtsführung des Großwesirs einzumischen. Ab 1594 wurden der Schejch ül-Islam und die Heeresrichter (kazaskerler) mehrfach ungerechtfertigt abgesetzt. Ungeeignete Personen erhielten Lehnsgüter, das stehende Heer wurde aufgebläht, die Steuern über Gebühr erhöht. Eine Erneuerung muß für K. von der Überprüfung der Lehnsinhaber ausgehen, damit diese wieder ihren militärischen Verpflichtungen nachkommen; in Albanien gebe es Männer mit 15-20 tapferen Söhnen, die alle als Kandidaten für Neubelehnungen infrage kämen. Weiterhin müssen vor allem die Mißbräuche bei der Begründung religiöser Stiftungen (evkaf) sowie Zahlung und Erhalt von Bestechungsgeldern unterbunden werden. Die Janitscharen bedürfen einer Reorganisation nach der alten Gesetzgebung.  Die Einführung neuer Praktiken stand für K. nicht zur Debatte; er sah eine Reform nur auf dem Wege einer Wiederherstellung des früheren Zustandes. Andererseits ist seine Sprache offen und schont selbst allerhöchste Personen nicht. Die Denkschrift übte, wie die folgenden Jahre zeigen sollten, auf den Herrscher einen großen Einfluß aus; in der wissenschaftlichen Literatur brachte sie K. seit Ham mer den Ruf ein, der osmanische Montesquieu zu sein. K. begleitete Mur ad IV. 1634 auf dem Feldzug nach Bagdad und behielt seine Funktionen auch unter dessen Bruder und Nachfolger Ibrahim. Diesem soll K. eine weitere Denkschrift gewidmet haben, die kurz nach dem Regierungsantritt des neuen Herrschers (1640) verfaßt wurde. Sie weicht von der ersten in vielen Punkten ab, was wohl weniger auf eine unterschiedliche Autorschaft als vielmehr auf den Charakter des Sultans schließen läßt, der ungebildet war, als einziger seiner Brüder vor dem Prinzenmord bewahrt und fast zwei Jahrzehnte in strenger Abgeschiedenheit gehalten worden war. Die Denkschrift bemüht sich, dem Herrscher in einfacher Sprache u. a. verständlich zu machen, wie der Staat aufgebaut und wie mit den hohen Beamten zu verkehren sei, wie ausländische Botschafter empfangen würden und was die kaiserlichen Fermane enthalten müßten. Der Ton gleicht dem eines Lehrers, der sich vor seinem Schüler fürchtet. Gegen Ende der Herrschaft Sultan Ibrahims oder kurz nach dem Regierungsantritt von Sultan Mehmed IV. (1648) schied K. aus dem Palastdienst aus und kehrte in seine Heimat zurück, wo er bald starb. K.s Bruder Hurrem Bey floh unter Mehmed IV. über die Krim nach Rußland, trat unter dem Taufnamen Andrej zum Christentum über, ließ sich in der Ukraine nieder und wurde in den Adelsstand erhoben. Sein Enkel Vassilij Leont’evič Kočubej ( 14. VII. 1708) war der erste in der Reihe der prominenten Mitglieder der Familie, die im Dienst des Zarenreiches während des 18. und 19. Jh.s eine große Rolle spielten.

Literatur

Hammer: Bd 2 und 3.
Behrnauer, W. F. A.: Kogabeg’s Abhandlung über den Verfall des Osmanischen Staatsgebäudes seit Sultan Suleiman dem Großen. In: Z. dt. morgenländ. Ges. 15 (1861) 272-332; 16 (1862) 271-272.
Smirnov, Vassilij Dmitrievič: Kučibej Gömjurdžinskij i drugie osmanskie pisateli XVI veka o pričinach upadka Turcii. St. Petersburg 1873.
Mehmed Tahir, Bursalı: Osmanlı müellifleri. Bd 3. Istanbul 1333/1915.
Babinger, Franz: Die Geschichtsschreiber der Osmanen und ihre Werke. Leipzig 1927.
Aksüt, Ali Kemalî (Hrsg.): Koçi Bey Risâlesi. Istanbul 1939.
Tveritinova, Anna Stepanovna: Vtoroj traktat Kočibeja: In: Učenie zapiski Instituta vostokovedenija 6 (1953) 212-268.
Danışman, Zuhuri (Hrsg.): Koçi Bey risalesi. Istanbul 1972.

GND: 138533695


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Empfohlene Zitierweise: Hans-Jürgen Kornrumpf, Koçi Bey, Mustafa, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 422-423 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1142, abgerufen am: (Abrufdatum)

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