Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Justh, Gyula

Justh, Gyula, ungarischer Politiker, * Necpál (Necpaly, Komitat Turz) 13.01.1850, † Budapest 9.10. 1917, Bruder des Schriftstellers Zsigmond J., aus ungarischem Mitteladel.

Leben

 Nach Absolvierung des Jurastudiums war J. zunächst im Békéser Komitat als Komi- tatssekretär tätig und wurde 1876 Oberstuhlrichter des Kreises Gyula; 1878 wurde seine Neuwahl wegen seiner Zugehörigkeit zur „Unabhängigkeitspartei“ von der Regierung verhindert. Bei den Parlamentswahlen 1881 kandidierte er erfolglos in Bat- tonya (Komitat Csanád). 1884 erlangte er schließlich als Mitglied der „Achtundvierziger Unabhängigkeitspartei“ das Mandat der Stadt Makó. Abgesehen von der Wahlperiode 1892-1896 - als er Abgeordneter des Wahlbezirkes Szolnok war - behielt er sein städtisches Mandat bis zu seinem Tode. J. profilierte sich insbesondere während der 1890er Jahre in den Debatten um eine allgemeine Verwaltungsreform und wurde 1891 auch Vorsitzender jener Kommission, die sich mit diesen Fragen befaßte. Nach dem Ausscheiden der Ugron-Fraktion am 3. Oktober 1890 wählte ihn die „Achtundvierziger Unabhängigkeitspartei“ zum stellvertretenden Vorsitzenden. Am 27. September 1893 traten die Anhänger Gábor Ugrons sowie einige Anhänger von Károly Eötvös in die seit Frühjahr 1893 von J. geführte Partei zurück, die nun den Namen „Unabhängigkeits- und Achtundvierziger-Partei“ annahm. Doch ergaben sich bald interne Spannungen mit Ugrón und seinen Anhängern, so daß diese am 23. Februar 1895 die Partei wieder verließen. In J.s Partei traten am 28. Februar 1895 Eötvös und dessen an der Fusion vom 27. September 1893 nicht beteiligten Anhänger ein. Nach der Rückkehr von Ferenc Kossuth aus dem Exil legte J. den Parteivorsitz im Dezember 1895 zu dessen Gunsten nieder. J. und seine Partei unterstützten die kirchenpolitischen Reformbestrebungen des liberalen Kabinetts Wekerle. J. spielte jedoch auch weiterhin eine wichtige Rolle in der Opposition: Der Sturz der Regierung Bánffy im Februar 1899 war nicht zuletzt das Verdienst seiner Obstruktionspolitik. Am 19. November 1904 wurde J. Mitglied des leitenden Ausschusses (vezérlő bizottság) der Koalition, der den Kampf gegen die Regierungen Tisza und Fejérváry führte. Das im Januar 1905 gewählte Abgeordnetenhaus wählte J. zu seinem Präsidenten. Im kroatischen Sprachenstreit, der durch eine Verordnung von Handelsminister Kossuth über die Einführung des Ungarischen als Dienstsprache bei den staatlichen Eisenbahnen ausgelöst wurde, stellte er sich auf die Seite der Gemäßigten. Er trat hingegen für eine ungarische Notenbank ein und verfocht eine Zolltrennung von Österreich; des weiteren verlangte er die Aufstellung einer selbständigen ungarischen Armee. Als die Partei am 11. November 1909 in der Notenbankfrage J.s Forderungen zustimmte, trat Kossuth mit 73 Gesinnungsgenossen aus der Partei aus. J. dankte einen Tag später als Parlamentspräsident ab und stellte sich an die Spitze der Restpartei. Wegen der großen Verluste, die diese in den Wahlen des Jahres 1910 hinnehmen mußte, engagierte sich J. noch stärker für die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht und kämpfte für diese Zielsetzung gemeinsam mit den Sozialdemokraten und Radikalen. Er war danach maßgeblich an der Obstruktion gegen das Kabinett Khuen-Héderváry (17.1. 1910-22.04.1912) bzw. dessen Militärvorlage beteiligt und führte dessen Sturz herbei. Als die neue Regierung unter László Lukács die Obstruktion am 4. Juni 1912 mit Hilfe des Parlamentspräsidenten Graf István Tisza brach, schlossen sich die Oppositionsparteien zu einer neuen Koalition zusammen; J. verzichtete aus Protest gegen die im Parlament angewendeten Gewaltmethoden auf die Geheimratswürde, die er 1907 erhalten hatte. Er wurde am 14. Juni 1913 wieder gemeinsam mit Kossuth Vorsitzender der „Vereinigten Unabhängigkeits- und Achtundvierziger-Partei“. Geschäftsführer der Partei wurde Graf Mihály Károlyi. J. trat danach aus Gesundheitsgründen immer mehr vom aktiven politischen Leben zurück und war ab 1915 nur noch nominell Mitglied des Reichstages. Seine Reden wurden 1913 in Budapest herausgegeben.

Literatur

Horváth, Zoltán: Magyar századforduló. Budapest 1961.
Pölöskei, Ferenc: A koalíció felbomlása és a Nemzeti Munkapárt megalakulása 1909-1910. Budapest 1963.
Tóth, Ede: A Függetlenségi Párt megalapítása. In: Századok 97 (1963) 985-1016.
Mérei, Gyula (FIrsg.): A magyar polgári pártok programjai 1867-1918. Budapest 1971.

Verfasser

Moritz Csáky (GND: 142599611)

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Empfohlene Zitierweise: Moritz Csáky, Justh, Gyula, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 312-313 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1070, abgerufen am: (Abrufdatum)

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