Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kossuth, Ferenc

 Kossuth, Ferenc, ungarischer Politiker, * Pest 16.11.1841, † Budapest 25.05.1914, ältester Sohn von Lajos K. und Teréz Meszlényi.

Leben

Nach der Niederlage der ungarischen Revolution von 1848/49 verbarg sich K. mit seinem Hauslehrer in Ungarn, bis ihm im Juli 1850 gestattet wurde, zu seinem Vater nach Kütahya (Türkei) zu ziehen. Er studierte danach Ingenieurwissenschaften in Paris und London, wurde italienischer Staatsbürger und heiratete eine Engländerin, Emília Higgins. Als erfolgreicher Ingenieur und Organisator wurde er 1885 von der italienischen Regierung ausgezeichnet. Während seines Aufenthaltes in Italien war K. in ungarischen Emigrantenkreisen aktiv. 1859 wurde er Sekretär des in Genua errichteten „Ungarischen Nationaldirektoriums“ (Magyar Nemzeti Igazgatóság). Nach dem Tode seines Vaters 1894 kehrte K. nach Ungarn zurück, wo er bereits am 16. November eingebürgert wurde. Er kandidierte 1895 für die Unabhängigkeitspartei und wurde nicht nur gewählt, sondern - hauptsächlich dank seines Namens - bald auch Vorsitzender dieser Partei (Dezember 1895). So begann seine zweite, politische, Laufbahn, auf die er infolge seiner früheren Tätigkeit und der langen Abwesenheit von der Heimat schlecht vorbereitet war. Während er eine aktive Rolle in den parlamentarischen Obstruktionen von 1898/99 gegen den Ministerpräsidenten Bánffy und 1903 gegen die Rekrutenvorlage spielte, wurde er erst als politische Persönlichkeit berühmt, als der leitende Ausschuß (vezérlő bizottság) der Koalition der Oppositionsparteien ihn am 18. November 1904 zu seinem Vorsitzenden wählte. Der Sieg der Koalition bei den Wahlen vom Januar 1905 machte K. somit zur potentiell wichtigsten Persönlichkeit in Ungarn während der Verfassungskrise, die bis zur Ernennung der Regierung Wekerle am 6. April 1906 andauerte. Es wurde sehr bald offensichtlich, daß K. kaum mehr als dem Namen nach Oppositionsführer war. Während er den Vorsitz in Versammmlungen führte und an Delegationen nach Wien teilnahm, waren die wirklichen Führer der Opposition die Grafen Andrássy und Apponyi.  K. war Mitglied der ungarischen Abordnung, die während der Verfassungskrise mit der neu gebildeten kroatisch-serbischen Koalition verhandelte. Aber, obwohl er seine bedeutende Stellung behielt und sogar hoffte, mit der Bildung des Kabinetts beauftragt zu werden, wurde es im Laufe der sich hinschleppenden Krise immer klarer, daß er für einen Politiker zu schwach und unentschlossen war. Als die Krise mit der Ernennung der Regierung Wekerle endete, wurde K. am 8. April 1906 Handelsminister. Als Ingenieur und Eisenbahnfachmann wandte K. nun seine Aufmerksamkeit einem Gesetz zur Reorganisation der ungarischen Eisenbahnen zu. Das Eisenbahngesetz von 1907, von der Wiener Presse bald „Lex Kossuth“ genannt, spiegelte in seiner endgültigen Fassung nicht so sehr K.s technisches Wissen als das Verhältnis der ungarischen Regierung zu Arbeiterunruhen und die Schwierigkeiten mit Kroatien wider. Das Gesetz, eigentlich ein Werk des Staatssekretärs József Szterényi, sollte eine Maßnahme gegen die Arbeiterbewegung sein, doch enthielt es auch Klauseln über die ausschließliche Verwendung der ungarischen Sprache bei den Eisenbahnen, Klauseln, gegen die sich die Kroaten in einer sechswöchigen parlamentarischen Obstruktion so heftig zur Wehr setzten, daß das Gesetz nur auf dem Verordnungswege in Kraft gesetzt werden konnte. Nach dem Sturz der Regierung Wekerle am 17. Januar 1910 hatte K. keine Ämter mehr inne, nachdem er schon früher im Jahre 1909 an Einfluß in seiner eigenen Partei verloren hatte, als die Partei über die Notenbankfrage auseinanderbrach. Nur eine Minderheit der alten Partei folgte am 11. November K., der die Führung in der kleineren „Achtundvierziger Unabhängigkeits-Kossuth-Partei“ behielt. In der am 14. Juni 1913 gegründeten „Vereinigten Unabhängigkeits- und Achtundvierziger- Partei“ teilte er den Vorsitz mit seinem früheren Gegenspieler Gyula Justh.  Zu dieser Zeit war er schon sehr krank und nahm immer weniger am politischen Leben teil. K. war intelligent, guten Willens, aber schwach und nicht auf die bedeutende politische Funktion in einer schwierigen Zeit vorbereitet, die ihm mehr wegen seines magischen Namens als um besonderer Verdienste willen aufgebürdet worden war.

Literatur

Jászi, Oszkár: Kossuth Ferenc. In: Huszadik Század 29 (1914) 793-796.
Krúdy, Gyula: A magyar sasfiók. Budapest 1944.
Dolmányos, István: Mezőfi és a koalíció. Budapest 1960.
Ders.: A magyar parlamenti ellenzék történetéből, 1901-1904. Budapest 1963.
Pölöskei, Ferenc: A koalíció felbomlása és a Nemzeti Munkapárt megalakulása, 1909-1910. Budapest 1963.
O’Connell, Brian Thomas: Croatian politics and political parties, 1905-1910. (Diss.) Seattle, Wash. 1968. [Mskr.]
Islamow, Tofik M.: Die ungarlándische Arbeiterbewegung zur Zeit der Koalitionsregierung, 1907-1909. In: Acta Hist. Acad. Sci. Hung. 16 (1970) 105-150.
Pölöskei, Ferenc: Kormányzati politika és parlamenti ellenzék, 1910-1914. Budapest 1970.
Paine, Wilmer H.: The Hungarian Constitutional Crisis of 1905-06. (Diss.) Seattle, Wash. 1972. [Mskr.]

Verfasser

Peter F. Sugar (GND: 123198526)

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Empfohlene Zitierweise: Peter F. Sugar, Kossuth, Ferenc, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 491-493 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1189, abgerufen am: (Abrufdatum)

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