Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Herzl, Theodor

Herzl, Theodor, österreichischer Schriftsteller, nationaljüdischer Staatsmann, * Pest 2.05.1860, † Edlach (Niederösterreich) 3.07.1904.

Leben

H.s Vorfahren waren spaniolische Juden, sein Großvater war aus dem Osmanischen Reicht nach Ungarn eingewandert, sein Vater hatte sich in Pest niedergelassen. Hier besuchte H. deutschsprachige Schulen. Nach der Reifeprüfung siedelte er mit seinen Eltern nach Wien über, er studierte dort Jura und wurde zum Doktor der Rechte promoviert. Als Rechtspraktikant schrieb er bereits Feuilletons, Erzählungen und Dramen, und nach ersten literarischen Erfolgen wechselte er 1891 den Beruf: Er ging als Berichterstatter der Wiener „Neuen Freien Presse“ nach Paris. 1895 kehrte er nach Wien zurück, und bis zu seinem Tod leitete er die Feuilletonredaktion seiner Zeitung. Er erlag 44jährig einer Herzkrankheit.
Vor 1895 beschäftigte sich H. kaum mit jüdischen Angelegenheiten. Seine Eltern hatten sich aus den überlieferten Formen jüdischen Lebens gelöst, er selbst war ein Mann von Welt ohne jede Bindung an die jüdische Tradition. Die Affäre Dreyfus, der plötzliche Ausbruch des Judenhasses im aufgeklärten Frankreich, wurde für H. zum auslösenden Moment radikaler innerer Umkehr. Die im 19. Jh. auf gekommene These, die Juden wären kein Volk, sondern nur religiöse Gemeinschaft, enthüllte sich ihm als Fiktion; H. war nun überzeugt, jüdisches Elend in Osteuropa und Antisemitismus im Westen seien kein mittelalterliches Relikt, das mit dem Fortschreiten der Zivilisation verschwinden würde, sondern solange unentrinnbares Schicksal, bis die Juden nicht aufhörten, überall in der Welt eine Minderheit zu sein, bis es ihnen nicht gelänge, einen Staat mit jüdischer Mehrheit zu errichten.
Ähnliches war schon vor H., u. a. auch vom Wiener Schriftsteller Nathan Birnbaum (1864-1937), verkündet worden; Birnbaum war es auch, der 1886 den Ausdruck „Zionismus“ geprägt hatte. H. wußte von den Vorläufern nichts und erarbeitete sich die neuen Einsichten selbständig. Er legte sie in einer politischen Streitschrift nieder, die er in wenigen Wochen in Paris zu Papier brachte. Das Werk erschien am 14. Februar 1896 in Wien unter dem Titel „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“. Was den Vorgängern nicht geglückt war, gelang H. Die Schrift wurde dank der scharfen Logik ihrer Beweisführung und dank der machtvollen Persönlichkeit ihres Verfassers zum Katalysator der zionistischen Massenbewegung.
In Österreich-Ungarn schlossen sich H. nur wenige Juden, meist Studenten, an, aber in der auswärtigen Judenschaft, besonders im Zarenreich, fand H.s Schrift starken Widerhall und bewirkte 1897 die Einberufung des ersten zionistischen Weltkongresses. Der in Basel tagende Kongreß beschloß die Gründung der Zionistischen Weltorganisation. Zu ihrem Präsidenten wurde H. gewählt; er behielt das Amt bis zu seinem Tode.
Anfangs schien es H. eine zweitrangige Frage zu sein, wo der Judenstaat gegründet werden sollte. Nach der Begegnung mit den ihm zuvor fremden traditionsverbundenen jüdischen Massen erkannte er, daß die Zionssehnsucht dieser Menschen eine politische Realität sei, die gebieterisch die Option für das (damals zum Osmanischen Reich gehörende) „Land Israel“, Palästina, fordere.
Als Präsident der Zionistischen Weltorganisation war H. sieben Jahre lang wie das Oberhaupt eines im Entstehen begriffenen Staatswesens tätig. Als Sachwalter seines Volkes verhandelte er mit der türkischen, der britischen, der russischen Regierung, als Wortführer der Judenschaft wurde er 1898 von Kaiser Wilhelm II., 1901 von Sultan Ahdülhamid II., 1904 von Papst Pius X. und König Viktor Emanuel III. empfangen. Der Durchbruch zum entscheidenden Erfolg blieb ihm zu Lebzeiten versagt, aber der Staat Israel wurde 1948 auf den von H. geschaffenen Fundamenten errichtet.
1902 veröffentlichte H. den zionistisch-utopischen Roman „Altneuland“; der Titel der hebräischen Übersetzung, „Tel-Aviv“, wurde zum Namen der (1909 gegründeten) jüdischen Großstadt. Eine zweibändige Sammlung wichtiger Dokumente seines politischen Wirkens wurde 1905 unter dem Titel „Zionistische Schriften“, eine dreibändige Auswahl aus seinen Tagebüchern 1922/23 in Berlin herausgegeben. Der vollständige Text der Tagebücher wurde erst später und nur in englischer Übersetzung des deutschsprachigen Originals publiziert (The Complete Diaries. 5 Bände. New York, London 1960).

Literatur

Bein, Alex: Theodor Herzl. Biographie. Wien 1934.
Rabinowicz, Oskar K.: Herzl, Architect of the Balfour Declaration. New York 1958.

Verfasser

Denis Silagi (GND: 1032871083)

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Empfohlene Zitierweise: Denis Silagi, Herzl, Theodor, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 156-158 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=958, abgerufen am: (Abrufdatum)

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