Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Gucia, Ali Pascha

Gucia, Ali Pascha, albanischer Politiker und Militärführer, * Plav, † Peć 1887.

Leben

G. entstammte der alten und angesehenen Familie der Shabanagaj (Šabanagić) aus Plav (heute Montenegro), die einige Paschas hervorgebracht hat. Er besaß Çiftlik-Güter in der Nahiye Vasojevići; diese Güter verlor er allerdings nach 1858, als dieses Gebiet an Montenegro fiel und dort das osmanische Feudalsystem zu bestehen aufhörte.
Ab 1845 war G. Kaymakam der Kaza Gusinje (Gucia). Während des ersten türkisch-montenegrinischen Krieges führte Ali Bey G. (den Paschatitel erhielt er erst später) 5000 albanische „Başıbozuk“ (Freiwillige). Im zweiten Krieg gegen Montenegro (1877) nahm er mit den türkischen Truppen an der Schlacht an der Moraca vom 11. Juni 1877 teil. Nach dem Kriege wurde G. dann einer der wichtigsten Organisatoren der Liga von Prizren.
Die Liga begann ihre Tätigkeit, als die Großmächte auf dem Berliner Kongreß darangingen, die Bestimmungen des Präliminarfriedens von San Stefano zu revidieren. Albanischerseits bemühte man sich jetzt, eine politische und militärische Organisation zum Schutz des albanischen Territoriums zu schaffen. Als Resultat dieser Bemühungen begann am 23. Mai 1878 der Kongreß von Prizren. Von Anfang an zeigten sich dort zwei Gruppierungen: Der radikale Teil der politischen Führungsschicht der Albaner drängte auf Selbständigkeit und völlige Loslösung vom Osmanischen Reich; die Gemäßigten gaben sich mit innerer Autonomie innerhalb des osmanischen Staatsverbandes zufrieden. An der Spitze dieser Gemäßigten, die in erster Linie albanisch besiedeltes Gebiet gegenüber den serbischen und montenegrinischen Ansprüchen zu verteidigen bemüht waren, stand G. Er wurde vom Kongreß zum Oberkommandierenden der albanischen Truppen ernannt. Als auf dem Berliner Kongreß beschlossen wurde, Plav (G.s Geburtsort) und Gusinje (wo er seine Besitzungen hatte) an Montenegro abzutreten, erhob die Liga einmütigen Protest. Freiwilligenverbände unter dem Kommando von G. sollten die Ausführung dieses Beschlusses verhindern.
Während dieser Zeit reiste G. mehrmals nach Istanbul, um mit Abdülhamid II. und den albanischen Politikern in der Hauptstadt zu verhandeln. Damals erhielt er auch den Titel Mir-i miran (Pascha). G. galt als ein enger Vertrauter des Sultans. Das änderte sich erst, als am 19. August der Müşir (Marschall) Mehmed Ali Pascha in Prizren auftauchte. Mehmed Ali Pascha, einer der beiden türkischen Vertreter auf dem Berliner Kongreß, hatte die Aufgabe, Plav und Gusinje den Montenegrinern zu übergeben. G. kam aus Gusinje nach Prizren und verhandelte zusammen mit anderen albanischen Führern mit dem Marschall. Die Verhandlungen führten zu keinem Erfolg; Mehmed Ali Pascha wurde am 6. September 1878 in Djakovica getötet. Damals befanden sich im Bezirk von Plav und Gusinje etwa 10 000 bewaffnete Albaner unter dem Kommando von G.
Von November 1879 bis Januar 1880 versuchten montenegrinische Truppen unter dem Befehl von Marko Miljanov die beiden Orte zu besetzen. Dieses Unternehmen blieb erfolglos; die Montenegriner erlitten Niederlagen bei Velika und Pepič. Montenegro gab es daraufhin auf, das Gebiet mit Gewalt in Besitz zu nehmen. Nach langen Verhandlungen zwischen der Pforte, den Großmächten und Montenegro einigte man sich darauf, ein Gebiet am Flußlauf der Cijevna, das von katholischen Albanern der Stämme Hoti, Gruda und Këlmendi bewohnt war, an Stelle von Plav und Gusinje abzutreten. Auch dieses scheiterte am Widerstand der Albaner. Schließlich beschloß man, Ulcinj den Montenegrinern zu geben. Auf diese Nachricht hin erschien im Juli 1880 G. mit 3500 Albanern in Ulcinj, um die Übergabe der Stadt zu verhindern. G. selbst reiste nach Prizren und Peć und schickte Delegierte nach Debar, um Freiwillige zur Verteidigung von Ulcinj zu werben. Jedoch dieses Mal war der Widerstand der Albaner zwecklos; am 26. November 1880 wurde Ulcinj durch Derviş Pascha den Montenegrinern übergeben.
Über die Stellung G.s in der kritischen Periode der Liga, als sich deren Führung spaltete, die osmanischen Behörden aus Kosovo vertrieben und durch solche der Liga ersetzt wurden, ist nichts bekannt.
Nachdem die Frage der türkisch-montenegrinischen und danach der griechisch-türkischen Grenze entschieden war und die Pforte den Aufstand der Albaner nicht mehr als Vorwand für die Nichterfüllung der Bestimmungen des Berliner Kongresses benutzen konnte, ging man türkischerseits daran, der Ligatätigkeit mit Waffengewalt ein Ende zu bereiten. Zur Befriedung Albaniens wurde Derviş Pascha mit 24 Bataillonen Nizam-Truppen und 12 Kanonen beordert. Nachdem Skopje kampflos besetzt und die albanischen Truppen bei Ferizaj (Ferizović, heute Uroševac) und Štimlje am 23. April 1881 geschlagen worden waren, drohte Prizren, dem Zentrum der Liga, unmittelbare Gefahr. Ein Teil der Ligaführung floh, ein anderer Teil mit G. an der Spitze ergab sich. Während der größte Teil der Ligaführer von Derviş Pascha in die Verbannung geschickt wurde oder für die Milde des Sultans teuer zahlen mußte, erhielt G. sogar die Reisekosten, um in Istanbul dem Sultan seine Aufwartung machen zu können. Er kehrte aus Istanbul mit der Stellung eines Mutasarrıf von Peć zurück. Dort, in Peć, fiel er 1887 einem Mordanschlag zum Opfer. Es scheint, daß der Initiator des Anschlags Haxhi Zeka war, der den radikalen Flügel der Liga vertrat und besonders mit den Feudalherren von Peć verfeindet war, während G. mit der mächtigsten Beyfamilie von Kosovo, den Mahmud Begolli (Mahmudbegovići) verschwägert war.
Vom politischen Gesichtspunkt her gehörte G. dem rechten, dem konservativen Flügel der Liga an. Er unterhielt enge Beziehungen zum Sultan; seine politischen Bestrebungen gingen über eine begrenzte innere Autonomie nicht hinaus: Das war die Stellung, wie sie die Mehrheit der Feudalherren Nordalbaniens und Kosovos einnahm. Diese Haltung G.s darf man aber nicht nur mit seiner Klassenzugehörigkeit in Verbindung bringen, als ob er etwa befürchtete, seinen Feudalbesitz zu verlieren. Angesichts der Bestrebungen von Serbien, Montenegro, Griechenland und Bulgarien, die auf von einer albanischen Mehrheit besiedelte Gebiete hinzielten und die von den europäischen Mächten unterstützt wurden, war der Bestand der Türkei und die Erhaltung des Status quo auf dem Balkan die einzige Möglichkeit für eine Selbstbehauptung der Albaner. Als Kommandant der Ligastreitkräfte und wegen seiner tapferen Haltung in den Kämpfen gegen Montenegro ist G. in die albanische Volksdichtung eingegangen; der bedeutendste epische Dichter Albaniens, Gjergj Fishta, widmete ihm ein Kapitel seines Epos „Lahuta e Malcís“.

Literatur

Cevdet Paşa: Tezakir. Bd 2. Hrsg. Cavid Baysun. Ankara 1860.
Choublier, M.: La Question d’Orient depuis le traité de Berlin. Paris 1897.
Hadži-Vasiljević, Jovan: Arbanaska Liga. Beograd 1909.
Ippen, Theodor: Beiträge zur inneren Geschichte Albaniens im 19. Jahrhundert. In: Illyrisch-albanische Forschungen. Bd 1. München, Leipzig 1917.
Senkevič, Irina G.: Albanija v period Vostočnogo krizisa. Moskva 1965.

Verfasser

Hasan Kaleshi (GND: 1084144948)

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Empfohlene Zitierweise: Hasan Kaleshi, Gucia, Ali Pascha, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 101-103 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=917, abgerufen am: (Abrufdatum)

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