Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Grujić, Jevrem

Grujić, Jevrem, serbischer Politiker, * Darosava (Kreis Kragujevac) Oktober/November 1826/1827, † Belgrad 5.09.1895.

Leben

G. studierte 1849-1854 Rechts- und Staatswissenschaften in Heidelberg und Paris. Bereits als Schüler am Lyzeum in Belgrad war er 1847 Mitbegründer der „Družina mladeži srpske“ (Vereinigung serbischer Jugend), für deren Publikation „Nevensloge“ (Semlin 1849) er den Beitrag „Obzor države“ (Staatsanschauung) schrieb, der als erste Manifestation liberaler Ideen in Serbien gilt. 1848 schloß er sich einer Freiwilligeneinheit im serbischen Aufstand in der Wojwodina an. In Paris verfaßte er 1853 gemeinsam mit Milovan Janković die Broschüre „Slaves du sud“, die in Belgrad als beleidigende Kritik an den Zuständen in Serbien und den verantwortlichen Persönlichkeiten aufgefaßt wurde und ihm den Entzug des staatlichen Stipendiums einbrachte.
Nach Abschluß des Jurastudiums kehrte G. 1854 als überzeugter Anhänger der liberalen Ideen nach Belgrad zurück und bekleidete unter der verfassungstreuen Regierung bis 1858 hohe Beamtenposten im Außenministerium (Kneževska kancelarija), im Staatsrat (Savet) und im neuerrichteten Rechnungshof (Glavna kontrola). Als sehr geschätzter Jurist war er in dieser Zeit in zahlreichen Kommissionen führend an der Ausarbeitung wichtiger Gesetze tätig.
Unzufrieden mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Serbien, gründete G. mit anderen jungen Intellektuellen, die in Westeuropa studiert hatten, den sogenannten „Parizlije“, eine liberale Bewegung, deren engsten Kreis er mit Milovan Janković, Jovan Ilijić und Ranko Alimpić bildete. Innenpolitisch strebten sie die Einführung der bürgerlichen Freiheiten und die Durchführung liberaler Reformen an. Außenpolitisch schwebte ihnen der Zusammenschluß aller serbischen Gebiete und darüber hinaus die Errichtung eines unabhängigen Großserbien im Umfang des mittelalterlichen Reiches Dušans vor. Ein Mittel für die Erreichung ihrer Ziele sahen sie in der Nationalversammlung, deren Einberufung sie gemeinsam mit den oppositionellen Kräften in der Regierung - vor allem Ilija Garašanin - und den Anhängern der Dynastie Obrenović betrieben.
Als 1858 wegen der allgemeinen Krise der verfassungstreuen Regierung die Nationalversammlung einberufen wurde - sie nannte sich wegen ihres Zusammentritts am 30. November „Svetoandrejska skupština“ -, verbanden sich die Liberalen unter der Führung des einstimmig zum Sekretär der Skupština gewählten G. mit der Obrenović-Partei, stürzten den Fürsten Alexander Karadjordjević und beriefen Miloš Obrenović als erblichen Fürsten zurück auf den serbischen Thron. Obwohl die Liberalen nur eine kleine Minderheit in der Nationalversammlung waren, bestimmten sie als bestorganisierte, gebildetste und aktivste Gruppe deren Tätigkeit. G. war die treibende Kraft der Svetoandrejska skupština. Er entwarf und erläuterte die zur Beschlußfassung vorgelegten Gesetze und plante den Ablauf der Ereignisse. Im Auftrag Ilija Garašanins verfaßte er auch die Anklageschrift, die zur Absetzung Alexander Karadjordjevićs führte.
Unter den Fürsten Miloš und Michael Obrenović war G. 1859 stellvertretender Innenminister, 1860 stellvertretender Justizminister und Justizminister. Die despotische Regierung Milošs und der Absolutismus Michaels brachten ihn bald in Gegensatz zu den beiden Fürsten. 1861 wurde er auf einen Richterposten im Gericht zweiter Instanz (Veliki sud) versetzt und schließlich wegen des Freispruchs der Majstorović- Verschwörer 1864 mit fünf anderen Richtern zu drei Jahren Kerker verurteilt. Die unzufriedene, radikale Jugend sah in ihm einen Märtyrer für die Freiheit und wählte ihn 1867 zum Präsidenten der Versammlung der „Ujedinjena omladina srpska“ (Vereinigte serbische Jugend) in Belgrad.
Nach der Ermordung Michaels war G. 1869 zuerst diplomatischer Vertreter Serbiens bei der Hohen Pforte und dann Mitglied des Staatsrats. 1874 wurde er stellvertretender Präsident der Skupština. Als es 1875 zur Verständigung zwischen den radikaleren Liberalen des Jahres 1858 mit den gemäßigteren Liberalen des Jahres 1868 unter Jovan Ristić kam, wurde G. in den „Aktionsregierungen“ Stevča Mihailović /Jovan Ristić (1875, 1876-1878) Innenminister und Justizminister. Er trat für die Unterstützung des Aufstands in der Herzegowina und den Krieg gegen die Türken ein, der den Serben auf dem Berliner Kongreß die Ausdehnung des Staatsgebietes im Südosten und die staatliche Unabhängigkeit brachte. Seine politische Karriere beendete G. 1880-1892 als serbischer Gesandter in Istanbul, London und Paris. Die Serbische Königliche Akademie, deren Ehrenmitglied er war, gab seine gesammelten Schriften in 3 Bänden heraus („Zapisi Jevrema Grujića“, Belgrad 1922/23), die eine gute Quelle vor allem für die Svetoandrejska skupština sind.

Literatur

Srećković, P.: J. Grujić. In: God. SKA 10 (1896) 209-251.
Živanović, Živan: Politička istorija Srbije u drugoj polovini XIX veka. 4 Bde. Beograd 1923/25.
Jovanović, Slobodan: Druga vlada Miloša i Mihaila. Beograd 1923.
Ders.: Vlada Milana Obrenovića. 2 Bde. Beo grad 1926/27.
Janković, Dragoslav: O političkim strankama u Srbiji XIX veka. Beograd 1951.
Miličević, Jovan: Jevrem Grujić. Istorijat svetoandrejskog liberalizma. Beograd 1964.

Verfasser

Andreas Moritsch (GND: 123957184)

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Empfohlene Zitierweise: Andreas Moritsch, Grujić, Jevrem, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 95-96 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=912, abgerufen am: (Abrufdatum)

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