Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Georg I. (Georgios I.)

Georg I. (Georgios I.) Christian Ferdinand Adolf (Taufname Wilhelm), König der Griechen 1863-1913, Begründer der 2. griechischen Dynastie, * Kopenhagen 24.12.1845, † Saloniki 18.03.1913, zweiter Sohn Christians IX. (1818-1906), ab 1863 König von Dänemark aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderhurg-Glücksburg, einer Nebenlinie der dänischen Dynastie, und Luisa Friederikes (1817-1898), der Tochter des Markgrafen Wilhelm von Hessen. Von den acht Kindern aus seiner am 27.10. 1867 geschlossenen Ehe mit Olga (1851-1926), der Tochter des Zarenbruders Konstantin Nikolaevič (1827-1892) und Alexandras von Sachsen-Altenburg traten in der Geschichte ihres Landes hervor: der Thronfolger Konstantin (I.) (1868 bis 1922), und Georg (1869-1957), 1898-1906 Hochkommissar der unter osmanischer Oberhoheit stehenden autonomen Insel Kreta. Weitverzweigte Familienverbindungen mit den europäischen Dynastien gaben G. die Möglichkeit inoffizieller diplomatischer Kontakte: Durch die Heiraten seiner Schwestern Alexandra und Dagmar (Maria) wurde er Schwager Eduards VII. von England und des Zaren Alexander III.; der Sohn seines Bruders, Friedrichs III. von Dänemark, wurde 1905 als Hakon VII. zum König von Norwegen gewählt; die Tochter seines Bruders Waldemar, Margarita, war die Mutter Annas, der Gemahlin des späteren rumänischen Königs Michael; sein Sohn und Nachfolger Konstantin heiratete Wilhelms II. Schwester Sofia, eine Enkelin der britischen Königin Victoria.

Leben

Nach der Absetzung König Ottos aus dem Hause Wittelsbach in der revolutionären Erhebung von 1862 wählten die Griechen in einem Plebiszit zunächst den zweiten Sohn Victorias, Alfred, zum neuen König. Doch hatten die drei Schutzmächte Griechenlands (England, Frankreich, Rußland) im Londoner Protokoll vom 3. Februar 1830 die Kandidatur von Prinzen ihrer Herrscherhäuser für die griechische Königswürde ausgeschlossen, so daß nach diplomatischen Sondierungen die griechische Nationalversammlung am 30. März 1863 den dänischen Prinzen Wilhelm als Georg I. auf den Thron berief. Anläßlich des Dynastiewechsels ermächtigten Österreich, Preußen, Rußland und Frankreich die britische Regierung, auf die Schutzherrschaft über die Ionischen Inseln zugunsten Griechenlands zu verzichten (Londoner Protokoll vom 1.08.1864; griechisch-britischer Vertrag vom 29.03.1864). Während Otto von den Mächten ohne griechische Beteiligung zum Monarchen bestimmt worden war, setzte die Nationalversammlung schon durch den Akt der Berufung des G. den Anspruch auf Volkssouveränität durch, auf der auch die neue Verfassung von 1864 beruhte. Nach seiner Ankunft am 30. Oktober 1863 wurde G. am folgenden Tage vereidigt. Sein Versuch, den Abschluß der langwierigen Beratungen über die neue Verfassung durch die in scharfem Ton gehaltene Botschaft an die Nationalversammlung vom 18. Oktober 1864 zu beschleunigen, löste zwar große Erregung aus, führte aber am 29. Oktober 1864 zur Verabschiedung der Konstitution, auf die er am 28. November den Eid ablegte. Im Gegensatz zur Verfassung der konstitutionellen Monarchie von 1844 bildete sie die Grundlage des parlamentarischen Regierungssystems. Die Änderung von Ottos Titel („Von Gottes Gnaden König von Griechenland“) nach französischem Vorbild in „König der Griechen“ sollte dokumentieren, daß die Königswürde allein auf dem Willen des Volkes beruhe. Doch versuchte G., gegen Geist und Buchstaben der Verfassung, die Macht von Krone und Regierung zu erweitern, und erwog zeitweilig eine Verfassungsänderung im Wege des Staatsstreichs. Einen ersten Höhepunkt erreichten seine Konflikte mit den Parteien 1865, als er schließlich zur Entlassung seines Beraters Graf Wilhelm Karl Sponneck gezwungen wurde. G. stützte einerseits die mit Willkürakten regierende Partei des Vulgaris, beauftragte andererseits Vertreter von Splittergruppen mit der Kabinettsbildung, gewährte ihnen im Falle von Abstimmungsniederlagen die Auflösung des Parlaments und damit den Mißbrauch der Regierungsgewalt für die Wahlbeeinflussung. Mehrmals zwang er wegen politischer Meinungsverschiedenheiten von einer breiten Kammermehrheit unterstützte Regierungen zum Rücktritt. Ohne Kenntnis des Kabinetts verlobte er sich mit einer Nichte des Zaren und weckte so in einer kritischen Phase der Kreta-Frage das Mißtrauen Napoleons III. Den ungünstigen Eindruck im Lande verwischte die allgemeine Genugtuung darüber, daß der König eine orthodoxe Prinzessin zur Gemahlin erwählt und damit eine sichtbare Garantie für die Erziehung des Thronfolgers im orthodoxen Glauben gegeben hatte. Diesen ließ er 1868 entgegen dem Verbot der Verleihung von Adelsprädikaten durch die Verfassung zum „Herzog von Sparta nennen, was zu neuen Auseinandersetzungen im Parlament führte. Seinen innerlichen Abstand zu Griechenland dokumentieren auch seine offenherzig abfälligen Bemerkungen über einheimische Politiker in Gesprächen mit fremden Gesandten. Auf dem Höhepunkt der inneren Krise berief er Charilaos Trikupis, der kurz zuvor in zwei sensationellen Zeitungsartikeln die Krone für die chaotischen Zustände verantwortlich gemacht hatte und deswegen vorübergehend arretiert worden war, zum Ministerpräsidenten und akzeptierte vor dem nunmehr freigewählten Parlament das Prinzip des „erklärten“ (dedilomeni) Vertrauens der Kammermehrheit als „unabdingbare Voraussetzung für die von mir in die Regierung des Landes zu Berufenden“. Damit gab der König den Weg zur ungehinderten Entfaltung des parlamentarischen Regierungssystems frei. Erst am Ende des Jahrhunderts (1892, 1893, 1894, 1897, 1899) kehrte er wieder zu früheren Praktiken zurück. Dabei gebrauchten er und Mitglieder seiner Familie dubiose Mittel der Stimmungsmache und politischen Intrige. Die Enttäuschung der Bevölkerung über den katastrophalen Ausgang des Krieges mit der Türkei von 1897 machte sich in antidynastischen Emotionen Luft: Zu Unrecht lastete man G., der stets vor außenpolitischen Abenteuern gewarnt hatte, die Verantwortung für die Niederlage an; zu Recht wurden Zweifel an der Befähigung der Prinzen laut, die entscheidende Kommandostellen im Militär innehatten und um sich Offizierscliquen bildeten. Neuen Zündstoff lieferten ab 1898 die Konflikte kretischer Politiker mit G.s gleichnamigen Sohn, dem Hochkommissar der Insel. Der Militärputsch von 1909 erhielt entgegen den Absichten seiner Führer insofern eine antidynastische Spitze, als die Abberufung der Prinzen aus dem Heer zu den Hauptforderungen der Offiziere gehörte. Der machtlose König stand anderen Wünschen der Putschisten zwar aufgeschlossen gegenüber, ließ sich aber aus Legalitäts- und Disziplinrücksichten nicht zur Zusammenarbeit mit ihnen herbei, sondern ermöglichte dem Kreter Eleftherios Venizelos, der „Revolution“ ein Ende zu setzen, die Verfassung in einer allerdings unkorrekten Prozedur zu revidieren und die neugebildete Liberale Partei zur führenden Kraft des Landes zu machen. Nach einer Periode harmonischer Zusammenarbeit von König und Kabinett mit dem Ziel der Modernisierung des Staates und der Aufrüstung ließen die unerwarteten Erfolge Griechenlands im 1. Balkankrieg 1912/13 die Erinnerung an 1897 und die Phasen der Unpopularität des Königs verblassen. Um den griechischen Anspruch auf Saloniki zu dokumentieren, begab sich G. in die vor dem bulgarischen Bündnispartner eingenommene Stadt. Dort wurde er von dem möglicherweise geistesgestörten Alexandros Schinas aus Serres ermordet. Über die Hintergründe des Verbrechens, das infolge des Selbstmordes des Attentäters in der Haft nicht aufgeklärt werden konnte, verbreiteten sich rasch Gerüchte über bulgarische, österreichisch-ungarische bzw. deutsche Hintermänner. Beweise oder überzeugende Indizien konnte die Geschichtsschreibung, die solche Vermutungen oft aufgriff, nicht beibringen.
Im Unterschied zu seinem Vorgänger Otto wie zu seinem Sohn und Nachfolger Konstantin I. kennzeichneten kühle Skepsis, Selbstbeherrschung und Mäßigung G.s politisches Temperament. Unaufhaltsamen Entwicklungen wußte er sich immer rechtzeitig anzupassen und versuchte, sie mit dem Mut zur Flucht nach vorn zu steuern: Die Ernennungen von Trikupis und Venizelos zu Ministerpräsidenten bezeugen dieses Talent. Dem parlamentarischen Regierungssystem innerlich fremd gegenüberstehend, fügte er sich auch hier dem Druck der politischen Kräfte. Augenmaß und realistische Einschätzung der Möglichkeiten des Landes veranlaßten ihn, immer wieder mäßigend auf die Außenpolitik einzuwirken.

Literatur

Bickford-Smith, R. A. H.: Greece under King George. London 1893.
Christmas, Walter: King George of Greece. London 1914.
Driault, Édouard und Michel Lhéritier: Histoire diplomatique de la Grèce de 1821 à nos jours. Bd 3-5. Paris 1925-1926.

Verfasser

Gunnar Hering (GND: 1078119694)


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