Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Garašanin, Milutin

Garašanin, Milutin, serbischer Politiker, * Belgrad 22.02.1843, † Paris 21.02.1898, Sohn des Politikers Ilija G.

Leben

G. erhielt seine Schulbildung in Belgrad und Paris, besuchte dann das Polytechnikum in Paris und die Artillerieschule in Metz. 1874 wurde er erstmals zum Abgeordneten gewählt, an den Kriegen gegen das Osmanische Reich 1876 und 1877/78 nahm er als höherer Offizier teil.
G. gehörte mit Stojan Novaković einer neuen Generation konservativer Politiker an, die sich die liberalen Forderungen nach Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Gerichte und Ministerverantwortlichkeit zu eigen gemacht hatten, in ihren verfassungsrechtlichen Konzeptionen jedoch von der Annahme ausgingen, die breiten Schichten des Volkes seien noch nicht fähig und reif, politische Fragen zu entscheiden. Die Leitung der Politik sollte demzufolge auch in Zukunft bei dem Fürsten, den Gebildeten und dem Beamtenapparat liegen, d. h. die Kompetenzen des Parlaments sollten beschränkt und damit die Bedeutung der Wahlen gemindert werden. So trat auch G. bis ans Ende seiner Karriere gegen die ihm zu liberal erscheinende Verfassung von 1869 auf. Von Milan Obrenović und den Behörden unterstützt, gründete G. mit gleichgesinnten Jungkonservativen die Fortschrittspartei (Napredna stranka) als Gegengewicht gegen die wachsende Radikale Partei. Im Unterschied zu den Liberalen, die sich um die Anpassung der als vorbildlich geltenden Errungenschaften und Einrichtungen der mittel- und westeuropäischen Länder an die serbischen Verhältnisse bemühten, wollten die Progressisten sie möglichst rein und direkt übernehmen. Anhänger fand diese Partei um G. vor allem unter Beamten, Intellektuellen und wohlhabenden Grundbesitzern. 1880-1883 war G. Innenminister im Kabinett von Milan Piroćanac. Zu dieser Zeit trat G. noch für eine Reformpolitik ein; erst der Drude der Radikalen ließ die Progressisten weiter nach rechts rücken und zur Hofpartei der Dynastie Obrenović werden. In einem neuen Verfassungsentwurf schlugen die Progressisten um Piroćanac und G. 1881 die Einführung des Zweikammer-Systems und des Zensus-Wahlrechts vor; die politischen Freiheitsrechte sollten jedem garantiert sein, doch dem demokratischen Prinzip staatsbürgerlicher Gleichheit stellten sie den Grundsatz der „Überlegenheit des Geistes über die Zahl“ entgegen. Außenpolitisch hielt G. wie alle anderen serbischen Politiker an dem Gedanken der Einheit aller Serben fest, glaubte aber, diesem nationalen Interesse an der Seite Österreichs-Ungarns am besten zu dienen; mit dem 1881 ausgehandelten Geheimabkommen zwischen Belgrad und Wien, das die außenpolitische Manövrierfähigkeit Serbiens stark einschränkte, konnte er sich allerdings erst nach abschwächenden Erläuterungen Milans und der Wiener Diplomaten abfinden. Nach der Niederlage der Progressisten 1883 ging G. als Gesandter nach Wien, trat jedoch im Januar 1884 nach den Unruhen im Timok-Gebiet (Timočka buna) für drei Jahre an die Spitze der Regierung. Bis 1886 leitete er gleichzeitig das Außen-, 1886/87 das Innenministerium. Unter seiner Leitung führte Serbien 1885 einen unglücklichen Krieg gegen Bulgarien, G. selbst redete König Milan nach der Niederlage Rücktrittsabsichten aus. 1886 konnte er im Streit mit Piroćanac die Partei auf seine Seite bringen und den Rivalen in der Parteiführung ablösen. 1887 kam es zum Bruch mit Milan, weil G. in dem durch politische Meinungsverschiedenheiten und die Untreue des Königs verursachten Konflikt zwischen dem Herrscherpaar die Partei der russophilen Königin Natalija ergriff und sich weigerte, auf Milans Geheiß dessen Gemahlin an der Einreise nach Serbien gewaltsam zu hindern: Im Juni 1887 wurde G. entlassen. Zunächst trat er mit Artikeln in dem von ihm selbst redigierten Blatt „Videlo“ (Das Licht) hervor, propagierte 1888 in den Diskussionen über die Verfassungsreform das Zweikammer-System, die Zulassung nurmehr Gebildeter zu den Abgeordneten-Mandaten sowie Regelungen zum Schutz der parlamentarischen Minderheit. 1889 floh er ins Ausland, zog dann 1890 als einziger Abgeordneter seiner Partei in die Skupština ein. Nach kurzer Amtszeit als Gesandter in Paris (1894) war er 1895/96 als Parlamentspräsident tätig. Nach dem Sturz des Kabinetts Stojan Novaković verkündete G. am 18. Dezember 1896 die Auflösung der Fortschrittspartei. Anschließend kehrte er auf seinen Pariser Gesandtenposten zurück. Aufgrund seiner beachtlichen schriftstellerischen Tätigkeit (Hauptwerke: Dokolice. Belgrad 1892, 1939(2); Dva namesništva, Belgrad 1892; Jedno namesništvo. Belgrad 1894) wurde er Mitglied der Serbischen Königlichen Akademie.

Literatur

Prodanović, Jaša M.: [Vorwort zu] Milutin Garašanin: Dokolice. Beograd 1939(2), 7-29.

Verfasser

Gunnar Hering (GND: 1078119694)

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Empfohlene Zitierweise: Gunnar Hering, Garašanin, Milutin, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 13-14 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=852, abgerufen am: (Abrufdatum)

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