Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Frashëri, Mehdi

Frashëri, Mehdi, albanischer Politiker, * Frashëri 28.02.1874, † Rom 25.05. 1963.

Leben

F. entstammte einem Zweig der in Südalbanien beheimateten Familie gleichen Namens, die einige der bedeutendsten Gestalten der neueren albanischen Geschichte (Abdyl, Sami, Naim F. u. a.) hervorgebracht hat. Sein Vater Raxhip besaß große Ländereien in der Umgebung von Konitsa und hatte wie seine Vorfahren (Mustafa Pascha F. befehligte der Familientradition nach den rechten Flügel der osmanischen Armee in der Schlacht am Pruth 1711, Ismail Pascha F. war als osmanischer General am Krimkrieg beteiligt) die Militärlaufbahn ergriffen. Er stand der Albanischen Liga nahe und wurde 1879 von griechischen Nationalisten getötet.
F. besuchte die Höhere Mittelschule in Bitolj (Mazedonien) und studierte dann in Istanbul; 1898 promovierte er dort in Politik und Staatswissenschaften. In der Folgezeit bekleidete F. verschiedene Posten in der osmanischen Provinzialverwaltung: Unterpräfekt in mehreren Provinzen der europäischen Türkei, Sandschakpräfekt in Samsun. 1911 wurde er Bey von Jerusalem und Gouverneur von Palästina, 1912 Unterkommissar der Türkei in Ägypten.
Nach der albanischen Unabhängigkeitserklärung 1912 übernahm F. den Posten eines Präfekten von Berat; wenig später wurde er Nachfolger Myfit Bey Libohovas als Vertreter der albanischen Regierung bei der Internationalen Kontrollkommission für Albanien. Als Fürst Wilhelm zu Wied im September 1914 Albanien verließ, begab sich F. zu seinem Vetter Midhat nach Lausanne. Im folgenden Jahr wollte er über Italien nach Valona zurückkehren, wurde aber in Bari festgehalten. Er verbrachte die Kriegsjahre in der albanischen Kolonie S. Demetrio Corone in Kalabrien.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gehörte F. zu den politischen Gruppen, die eine stärkere Anlehnung an Italien befürworteten; bis zur politischen Abhängigkeit oder gar Union sollte diese Annäherung jedoch nicht gehen. Von 1923 mit Unterbrechungen bis 1939 war F. Vertreter Albaniens beim Völkerbund in Genf. Als solcher trat er u. a. für eine Teilung Palästinas in eine jüdische und eine arabische Zone und für die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund ein. Am 21. Oktober 1935 wurde F. albanischer Ministerpräsident; am 7. November 1936 trat seine Regierung auf Veranlassung König Zogus, dem ihre Politik, vor allem gegenüber den innenpolitischen Gegnern, zu liberal war, zurück. F.s Nachfolger wurde Koço Kotta. 1939 sprach sich F. gegen die italienische Okkupation aus.
Unter der deutschen Besatzung, vom 20. Oktober 1943 bis 25. Oktober 1944, war F. Vorsitzender des albanischen Regentschaftsrates, der am 5. November 1943 eine neue Regierung unter Rexhep Mitrovica bildete. Nach der kommunistischen Machtergreifung verließ F. Albanien und lebte bis zu seinem Tode in Italien.
Im Rahmen seiner Tätigkeit als Abgeordneter war F. Leiter der Kodifikation des albanischen Rechts, befürwortete die Agrarreform und ein geregeltes Finanzwesen (Staatsbank, eigene Währungseinheit). Während seiner Regierungstätigkeit verkündete er zweimal ein fortschrittliches Programm (neue Verwaltungsgrundlagen, Gendarmerieumbildung, Budgetsanierung, Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht sowie Kontrolle des Außenhandels). Er trat auch für die bürgerlichen Grundrechte ein (Presse- und Koalitionsfreiheit). Erreicht wurde allerdings nur ein erneutes enges Zusammengehen mit Italien (Abkommen vom 19.03.1936), die Beendigung des Schulkonfliktes (1933-1936) mit Griechen und Katholiken und Hafen-, Straßen- und Brückenbauten. König Zogu wollte durch F. und dessen liberales Regime der allgemeinen Unzufriedenheit Herr werden. Der von Zogu nur halbherzig und erzwungenerweise unternommene Versuch stieß allseits auf Widerstand, so daß es dem König leicht wurde, F. abzulösen und zur Diktatur zurückzukehren.
F. verfaßte ein Vielzahl von aktuellen Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften, daneben aber auch historische Monoraphien und Dichtungen. Von seinen Dichtungen sind die Tragödie „Trathtija“ (Der Verrat) und der Roman „Nevruzi“ (Tirana 1923) zu erwähnen. Von historischem Interesse ist F.s umfangreiche Abhandlung über die osmanischen „Kapitulationen“ (Imtiyazati ecnebiyenın Tatbıkat-i Haziresi, Samsun 1325/1907 = Über die Durchführung der Privilegien und Kapitulationen der Ausländer), in der F. für die Souveränität des osmanischen Staates und gegen zu große exterritoriale Rechte der Ausländer eintritt. Mit der politischen Aktivität der Albaner in der Zeit vor und nach dem Berliner Kongreß befaßt sich F.s Untersuchung „Liga e Prizrenit dhe efektet diplomatike të saj“ (Die Liga von Prizren und ihre diplomatischen Auswirkungen. Tirana 1927). Auch in der Emigration befaßte sich F. vorwiegend mit historischen Themen. Sein erster Band einer albanischen Geschichte blieb unveröffentlicht.

Literatur

Gegaj, Athanas: Nji shqiptar i madh dhe nji epoke që vdesin së bashku. In: Shqiptari i Lire 7 (1963) Nr. 5;
Koliqi, Ernesto: Mehdi Frashëri si shkrimtar. In: Shêjzat 17 (1973) 167-173.

Verfasser

Robert Schwanke (GND: 107572419)

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Empfohlene Zitierweise: Robert Schwanke, Frashëri, Mehdi, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 537-538 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=834, abgerufen am: (Abrufdatum)

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