Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

In den Suchergebnissen blättern

Treffer 
 von 1526

Frashëri, Abdyl

Frashëri, Abdyl, albanischer Nationalführer, * Frashëri (Südalbanien) 1839, † Istanbul 11.10. 1892.

Leben

F.s Vater Halid Bey kam aus Berat, wo die Familie ein Lehen (timar) innehatte, nach Frashëri (Kaza Permeti, Wilajet Janina) in Südalbanien; mütterlicherseits entstammte er der Familie Koca Imrahor Iljas Beys, des Stifters der „Imrahor-Moschee“ in Istanbul. 1865 siedelte die Familie nach Janina über. Hier besuchte F. mit seinen jüngeren Brüdern Naim und Sami die Schule und war danach als Kaufmann, später auch als Unternehmer tätig, was ihm die Möglichkeit zu Auslandsreisen und damit zum Kennenlernen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse in anderen Ländern gab. Bald darauf trat er in den Staatsdienst. Anfang 1877 wurde er - nach einer Nachricht aus der Istanbuler Zeitung „Tercüman-i Şark“ - zum Direktor des Zollamtes von Janina ernannt. Am 7. März 1877 wurde er Abgeordneter des ersten türkischen Parlaments. Seine eigentliche politische Tätigkeit begann nach dem Präliminarfrieden von S. Stefano, auf dem weite albanisch besiedelte Gebiete Bulgarien, Serbien und Montenegro zugesprochen worden waren. Am 9. April 1877 analysierte er in einem umfangreichen Artikel in der Istanbuler Zeitung „Basiret“ die Situation in den albanischen Wilajets; im „Tercüman-i Şark“ vom 22. Mai 1877 polemisierte er mit der griechischen Zeitung „Neologos“ über die Frage der türkisch-griechischen Grenze in Epiros. Durch diese Artikel wurde die türkische Öffentlichkeit erstmals auf die albanische Frage aufmerksam gemacht.
F. beschränkte sich jedoch nicht nur auf die journalistische Tätigkeit: bereits im Frühjahr 1877 fand in Janina auf seine Initiative hin eine Versammlung der albanischen politischen Führungsschicht statt, die von der türkischen Regierung die Bildung eines albanischen Wilajets mit albanischem Beamtenapparat und nationalen Schulen forderte. Als Abgeordneter von Janina ging F. nach Istanbul, wo er zusammen mit seinem Bruder Sami und einigen anderen Albanern das „Zentralkomitee zur Verteidigung der Rechte des albanischen Volkes“ (Komiteti qendror për mbrojtjen e të drejtave të kombësisë shqiptare) begründete, dessen Bestreben es war, den Albanern im Rahmen des Osmanischen Reiches eine gewisse nationale Autonomie zu verschaffen. Mit Hilfe einiger im Hofdienst tätiger Albaner gelang es auch, daß der Sultan die Bildung albanischer Heimwehren gestattete.
Der Beginn des Berliner Kongresses veranlaßte F. zu verstärkter politischer Aktivität. In den verschiedensten Gebieten Nordalbaniens und Kosovos begann sich Widerstand gegen beabsichtigte Gebietsabtretungen an Serbien und Montenegro zu regen. Am 10. Juni 1878 versammelten sich Abordnungen aus ganz Albanien in Prizren. Zu den beiden südalbanischen Delegierten gehörte F. Nachdem er aus Prizren in sein Heimatgebiet zurückgekehrt war, begann F. überall in Südalbanien Komitees zu organisieren, die die Forderungen der „Liga von Prizren“ unterstützten. Unter der Führung des von ihm geleiteten Liga-Komitees von Janina begann in den südalbanischen Gebieten eine politische Aktivität, die die der Nordalbaner bei weitem übertraf. Der Kontakt zu Prizren wurde durch das Komitee von Elbasan aufrechterhalten. In Südalbanien nahm man sich besonders der Frage der Grenzziehung zu Griechenland an. Zahlreiche Protesttelegramme gegen vorgesehene Grenzänderungen wurden den Vertretern der Großmächte zugesandt; im Januar 1879 äußerte F. gegenüber dem Leiter der türkischen Delegation bei der Grenzfestsetzungskommission in Preveza, Gazi Ahmed Muhtar Pascha, daß man „in Epiros die griechische Herrschaft niemals anerkennen“ würde. Im gleichen Monat fand in Debar eine Versammlung statt, auf der beschlossen wurde, eine neunköpfige Abordnung mit F. an der Spitze nach Istanbul zu schicken und von der osmanischen Regierung die Autonomie für Albanien zu fordern. Diese hatte mit ihren Forderungen jedoch keinerlei Erfolg. Um den Ansprüchen der philhellenischen Propaganda in Europa zu begegnen, besuchten F. und Mehmed Ali Vrioni 1879 die wichtigsten europäischen Hauptstädte und übermittelten den Regierungen der Großmächte ein Memorandum über die Forderungen des albanischen Volkes. Aus diesem Memorandum, das die europäischen Mächte für die Frage der albanischen Autonomie interessieren sollte, wird klar ersichtlich, daß F. sich in der Radikalität seiner Forderungen von denen der Nordalbaner unterschied. Nach seiner Rückkehr bemühte er sich um das Zustandekommen einer Versammlung aller politischen Führungskräfte Albaniens. Dazu kam es zwar nicht; aber am 23. Juni 1880 trafen sich in Gjirokastër die Spitzen der Nationalbewegung aus Südalbanien (einige Delegierte aus dem Norden waren ebenfalls zugegen). Vor diesem Gremium entwickelte F. ein detailliertes Autonomieprogramm für Albanien, das - als Kompromiß gegenüber den albanischen Feudalen - dem Sultan zwar ein gewisses Suzeränitätsrecht überließ, sonst aber für albanische Verhältnisse ziemlich revolutionär war. Einige Monate weilte er wegen dieser Angelegenheit in Istanbul. Im Januar 1881 war er wieder im Wilajet Kosovo und organisierte eine provisorische albanische Regierung (Kuvernë e përdorme). Binnen kurzem war das ganze Kosovogebiet, Skopje eingeschlossen, unter der Herrschaft der albanischen Liga. F. selbst begab sich nach Debar, wo er den türkischen Mutasarrıf absetzte und eine Ligaverwaltung etablierte. Erst jetzt schritt die türkische Regierung zu Gegenmaßnahmen; Ende April 1881 besetzten türkische Truppen unter dem Kommando von Derviş Pascha nach heftigen Kämpfen alle wichtigen Städte im Kosovogebiet; etwa 3000 Albaner wurden nach Anatolien verbannt. F. selbst wollte nach Südalbanien fliehen, wurde aber unweit Elbasan von einer türkischen Patrouille aufgegriffen, in Prizren inhaftiert und zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Zwei Jahre war er im Gefängnis von Balıkesir, aber bereits 1885 wurde er auf Fürsprache Gazi Osman Paschas, des heldenmütigen Verteidigers von Plevlja, begnadigt und beschloß sein Leben nach langer Krankheit in Istanbul.

Literatur

Hadži-Vasiljević, Jovan: Arbanaska liga - arnautska kongra - i sprski narod u turskom carstvu 1878-1882. Beograd 1909.
Ippen, Theodor: Beiträge zur inneren Geschichte Albaniens im XIX. Jahrhundert. In: Illyrisch-albanische Forschungen. Bd 1. München, Leipzig 1916, 342-385.
Belegu, Xhafer: Lidhja e Prizrenit. Tiranë 1938.
Skendi, Stavro: Beginnings of albanian nationalist and autonomous trends: The Albanian Leage 1878-1881. In: Amer. Slavic and East Europ. Rev. 12 (1953) 219-232.
Frashëri, Kristo: Lidhja e Prizrendit 1878-1881. Tiranë 1956.
Stuli, Bernard: Albansko pitanje. In: Rad JAZU 318 (1959) 287-391.
Hist. Shqip.:Bd 2, passim.
Senkevič, Irina G.: Albanija v period Vostočnogo krizisa. Moskva 1965.

Verfasser

Hasan Kaleshi (GND: 1084144948)

GND: 135806364


RDF: RDF

Vorlage (GIF-Bild):  Bild1   Bild2   Bild3   

Empfohlene Zitierweise: Hasan Kaleshi, Frashëri, Abdyl, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 535-537 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=833, abgerufen am: (Abrufdatum)

Druckerfreundliche Anzeige: Druckerfreundlich

Treffer 
 von 1526