Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Drakulis, Platon

Drakulis, Platon, griechischer Politiker, Soziologe und Publizist, * Ithaka 1858, † London 1942, Sohn des Arztes und Kommunalpolitikers Efstathios D.

Leben

Nach Absolvierung des Gymnasiums in seiner Heimat studierte D. Jura an der Universität Athen, befaßte sich aber nach seinem Studium mit Publizistik, zunächst bei der liberalen Zeitung „Äon“ (1884-1888) von Timoleon Filimon. Gleichzeitig kam er mit den Sozialisten um Stavros Kallerjis in Kontakt und gab eine eigene Zeitschrift unter dem Titel „Arden“ heraus, die, allein von ihm redigiert, mit Unterbrechungen von 1885 bis 1887 erschien und zum ersten Organ der damals in Griechenland infolge einer ersten industriellen Entwicklung einsetzenden sozialistischen Bewegung wurde. 1887 stellte er seine Zeitschrift wegen der Auseinandersetzungen mit der Kallerjis-Gruppe ein und ging nach England, wo er 1894 Lektor für Neugriechisch in Oxford wurde. Gleichzeitig unterhielt D. Beziehungen zu den Athener Sozialisten-Gruppen, so daß er diese beim Gründungskongreß der 2. Internationale (1889) vertreten konnte. 1894 reiste er nach Griechenland und hielt bei der ersten in Griechenland begangenen 1. Mai-Feier vor den im Athener Stadion versammelten Arbeitern die Hauptrede.
1899 gab D. seine Stellung in Oxford auf, um sich der publizistischen Arbeit widmen zu können. 1901 gab er in Oxford, später in London, die philosophische und soziologische Vierteljahres-, später Monatsschrift „Erevna“ heraus.
1906 kam er nochmals nach Griechenland, hielt Vorträge vor Arbeiterversammlungen, gab Instruktionen zur Organisierung der Arbeiterbewegung und informierte sich an Ort und Stelle über die Lage der Bauern in Thessalien.
Bei seinem dritten Besuch in Griechenland 1908 gründete D. die erste griechische Arbeiterorganisation, den „Verein der arbeitenden Klassen Griechenlands“ (Sindesmos ton Ergatikon Taxeon tis Ellados = STET). Als er sich im Jahr darauf wieder in Griechenland niederließ, wurde er als anerkannter Arbeiterführer empfangen. Im selben Jahr nahm er die Veröffentlichung seiner Zeitschrift „Erevna“ in Athen wieder auf (sie erschien regelmäßig bis 1917) und gründete die „Griechische Sozialistische Partei“ (Elliniko Sosialistiko Komma = ESK), deren Statut (1910) und Programm (1911) er verfaßte.
D. kandidierte bei den Wahlen vom 8. August 1910, die Eleftherios Venizelos mit großer Mehrheit gewann, und zog als unabhängiger Abgeordneter Kephallenias und Attikas ins sog. „doppelte Revisionsparlament“ ein, das sich mit der Verfassungsreform befaßte, und war somit der erste sozialistische Abgeordnete Griechenlands.
1912, im Jahre der Balkankriege, besuchte er anläßlich des sozialistischen Balkankongresses die Hauptstädte der Balkanländer und propagierte eine Balkanföderation. Nach den Balkankriegen zog er sich von der aktiven Politik zurück und wandte sich von neuem der schriftstellerischen Tätigkeit zu. Im Alter entfernte er sich immer mehr vom Sozialismus und propagierte ein Programm zur Errichtung von „Agrarstädten“ und eine vegetarische Lebensführung. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in London.
Die Bedeutung seines Werkes liegt mehr in seiner schriftstellerisch-theoretischen Tätigkeit als in seiner politischen Aktivität - sein Mitkämpfer Stavros Kallerjis warf ihm „Stubensozialismus“ vor. D.s „To enchiridion tu ergatu, iti i vasis to sosialismu“ (Handbuch für den Arbeiter, oder die Grundlagen des Sozialismus, Athen 1891, 6 Neuauflagen) beeinflußte die junge griechische Arbeiterbewegung wie kaum eine andere Schrift bis 1920. Auch machte D. mit seiner Übersetzung von Pëtr Kropotkins „Aufruf an die Jugend“ (1886) ins Griechische das griechische Publikum zum erstenmal mit dem europäischen Anarchismus bekannt. Von seinem umfangreichen theoretischen Werk sind noch seine Studien über die Kriminalität (1909), den Sozialismus (1911), die Balkanfrage (1915), den Bolschewismus (1919) und das Wohnungsproblem (1929) nennenswert.

Literatur

Eythyrremon ho Eyergos [= Gennadios, Ioannis]: I filolojia ke filosofia tu P. Drakuli. Ithaka [= London] 1898.
Cossano, J. M.: La Grèce contemporaine. M. Pl. Drakoulès et la question sociale en Grèce. Athen 1912.
Kordatos, Janis: Istoria tu elliniku ergatiku kinimatos. Athen 1956(2), 57-74, 148-151.
Ders.: Istoria tis neoteris Elladas. Bd 4. Athen 1958, 619-628.
Santas, A.: I ex Ithakis ikojenia Drakuli. Athen 1958, 51-52.
Moskof, Kostis: I ethniki ke kinoniki sinidisi stin Ellada 1830-1909. Thessaloniki 1972, 200-205.

Verfasser

Georg Veloudis (GND: 124116787)

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Empfohlene Zitierweise: Georg Veloudis, Drakulis, Platon, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 432-433 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=755, abgerufen am: (Abrufdatum)

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