Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Ciano, Galeazzo

Ciano, Galeazzo, Conte di Cortellazzo, italienischer faschistischer Staatsmann, * Livorno 18.03.1903, † Verona 11.01.1944.

Leben

Als Sohn des Admirals und faschistischen Politikers Costanzo C., Conte di Cortellazzo, stieg C., der am „Marsch auf Rom“ teilgenommen hatte, rasch auf, zumal da er 1930 Mussolinis Lieblingstochter Edda geheiratet hatte. Seit 1925 als Diplomat tätig (Südamerika, an der Botschaft beim Vatikan, Generalkonsul in Schanghai, Geschäftsträger in Peking), seit 1933 Pressechef, seit 1935 Minister für Presse und Propaganda, wurde der 33jährige im Juni 1936, als der Erfolg des Abessinien-Krieges feststand, Außenminister. Seine Ernennung bedeutete einen Kurswechsel gegenüber der bisher vom Unterstaatssekretär Suvich eingehaltenen anti-deutschen Linie mit dem Ziel, dem „stile fascista“ in der Außenpolitik forciert zum Durchbruch zu verhelfen. Die vorwärtsdrängende Aktivität C.s suchte durch ein Zusammengehen mit Hitler schneller als bisher zur Verwirklichung von Mussolinis weitgespannten Zielen zu gelangen. Bei seinem ersten Besuch in Deutschland im Oktober 1936 wurde für die anvisierte „Achse Berlin-Rom“ eine vage Abgrenzung der Interessensphären vorgenommen: Italiens Einflußbereich sollte sich auf die Donau- und Balkanländer einschließlich der Türkei sowie auf die Länder des vorderen Orients erstrecken. Das gemeinsame Engagement Deutschlands und Italiens im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) beschleunigte die Abwendung von den Prinzipien der „kollektiven Sicherheit“ (Austritt Italiens aus dem Völkerbund, Beitritt zum Antikominternpakt November 1937), aber auch die wachsende Abhängigkeit vom stärkeren Partner Hitler-Deutschland.
Dem Drängen des Reichsaußenministers Ribbentrop auf Abschluß eines Militärbündnisses auf der Basis des „weltpolitischen Dreiecks“ Berlin-Rom-Tokio mit antibritischer Spitze stimmte C. im Gegensatz zur japanischen Regierung zu. So kam es am 22. Mai 1939 zur Unterzeichnung des deutsch-italienischen „Stahlpakts“ mit aggressiver Grundtendenz, auch wenn Mussolini das praktische Wirksamwerden dieses Pakts auf eine Zeit nach 1942 zurückzustellen suchte. Das erwachende Mißtrauen gegen ein allzu starkes Übergewicht des „Achsen“-Partners suchte C. durch eine „Querachse“ zusammen mit Ungarn und Polen vergeblich einzugrenzen. Bei einem Treffen mit Hitler und Ribbentrop in Salzburg am 12./13. August 1939 erkannte er, daß der Krieg gegen Polen bei Hitler beschlossene Sache war. Da Italien für einen großen Krieg noch nicht gerüstet war, drängte er Mussolini zur Neutralität, die in Gestalt einer „Nichtkriegführung“ Italiens für die erste Phase des Krieges (September 1939 - Juni 1940) bestimmend bleiben sollte. Die Kritik C.s an Hitler erreichte während des finnisch-sowjetischen Winterkrieges im Dezember 1939 einen Höhepunkt.
Die Kriegsentscheidung Mussolinis auf dem Höhepunkt der deutschen Erfolge (10.06.1940) billigte C. und bemühte sich, für die erwartete baldige Friedenskonferenz günstige Voraussetzungen für die Verwirklichung der italienischen Ziele im Mittelmeer, in Nordafrika und im Orient zu schaffen. Das zunehmend gespanntere Verhältnis zu Ribbentrop belastete die deutsch-italienischen Beziehungen, vor allem seit deutlich wurde, daß der erwartete schnelle Gesamterfolg ausblieb, ebenso wie C.s Aktivität gegenüber Jugoslawien und Griechenland. Er war die treibende Kraft bei dem Versuch, die Niederlagen Italiens gegen England durch regionale Erfolge im westlichen Balkanraum auszugleichen. Um die Entscheidung Mussolinis zum Vorgehen gegen Griechenland herbeizuführen, unterdrückte er Ribbentrops Mitteilung von der Entsendung einer deutschen Militärmission nach Rumänien (19.09.1940).
Im großen setzte C. trotz aller Bedenken die weitere Verstärkung der Bindungen Italiens an Deutschland fort: am 27. September 1940 wurde der „Dreimächtepakt“ Deutschland-Italien-Japan unterzeichnet. Dem Angriff auf die Sowjetunion schloß sich Italien am 22. Juni 1941 mit einer Kriegserklärung an, und am 12. Dezember 1941 folgte die Kriegserklärung an die USA, einen Tag nach derjenigen Hitlers.
Die von C. forcierte Balkanpolitik Italiens schien im April 1941 vom Erfolg gekrönt, als nach dem deutschen Feldzug gegen Griechenland und Jugoslawien C. in Verhandlungen mit Ribbentrop in Wien (21./22.04.1941) den größten Teil Griechenlands und weite Teile Jugoslawiens (West-Slowenien, Kroatien, Dalmatien, Montenegro, weitere Gebiete, die zu „Großalbanien“ geschlagen wurden) als italienische Besatzungszonen bzw. Einflußbereiche durchsetzte. Die Entwertung dieser Gewinne durch den allgemeinen Kriegsverlauf, die ergebnislosen Besprechungen, die C. mit Hitler und Ribbentrop über einen Separatfrieden mit der Sowjetunion führte (Dezember 1942) und die zunehmende Entschlußlosigkeit des „Duce“ förderten die Distanzierung C.s vom Bündnis mit Deutschland und von seinem Schwiegervater. Am 5. Februar 1943 wurde C. als Außenminister entlassen und zum Botschafter beim Hl. Stuhl ernannt. Als Mitglied des Faschistischen Großrats stimmte er am 25. Juli 1943 gegen Mussolini und wurde deswegen nach der Errichtung des republikanisch-faschistischen Regimes in Norditalien von einem Sondergericht Mussolinis zum Tode verurteilt und erschossen.
Seine (überarbeiteten) Tagebücher spiegeln den Wandel C.s von einem bedingungslosen Anhänger zum Kritiker der „Achse“, zeigen aber auch Schwäche und Haltlosigkeit dieses Faschisten der zweiten Generation, der der hohen Verantwortung, die ihm übertragen wurde, nicht gewachsen war.

Literatur

L'Europa verso la catastrofe. 184 colloqui con Mussolini, Hitler, Franco, Chamberlain (u. a.) Verbalizzati da Galeazzo Ciano. Milano 1948.
Ciano, Galeazzo: Diario 1937-1938. Bologna 1948; Diario 1939-1943. Milano 1965(2).
Gilbert, Felix: Ciano and his Ambassadors. In: Craig, Gordon A. und Felix Gilbert: The Diplomats 1919-1939. Princeton/N.J. 1953.
Trevor-Roper, Hugh R.: Mussolini und Ciano. Aufklärung und neue Mythenbildung durch Cianos Tagebücher. In: Der Monat (1949) 40-48. Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945. Serie D (1937-1941). Bde 1-13. Baden-Baden, Frankfurt/M., Göttingen 1950/70; Serie E (1941-1945). Bd 1-2 (12. 12. 1941-15. 6. 1942). Göttingen 1969/72.
Staatsmänner und Diplomaten bei Hitler. Hrsg. Andreas Hillgruber. Bd 1: 1939-1941, Bd 2: 1942-1944. Frankfurt/M. 1967/70.

Verfasser

Andreas Hillgruber (GND: 118702815)

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Empfohlene Zitierweise: Andreas Hillgruber, Ciano, Galeazzo, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 312-314 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=667, abgerufen am: (Abrufdatum)

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