Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Zichy-Vásonkeő, Nándor Graf

Zichy-Vásonkeő, Nándor (Ferdinand) Graf (vom Zweige Nagy-Lang der Palotaer-Linie), ungarischer katholischer Politiker, * Preßburg (Pozsony, heute Bratislava, Slowakei) 17.11.1829, † Adony (Komitat Fejér) 24.12.1911, Sohn von Graf György Z. und Luise, geb. Gräfin Pálffy.

Leben

Nach juridischen und philosophischen Studien an den Universitäten in Pest, Preßburg und Wien arbeitete Z. zunächst als Vorsitzender der Nádor-Kanal-Gesellschaft (ab 1850) und des Wirtschaftsvereines des Komitats Fejér an der Be- und Entwässerung Transdanubiens durch Ausbau eines dazu geeigneten Kanalnetzes. Politisch profilierte sich der 1861 zum Untergespan des genannten Komitats gewählte Z. mit seiner 1863 in der von Mór Jókai herausgegebenen Zeitung ,,A Hon“ (Das Vaterland) erschienenen Gedenkschrift „Alapkérdéseink“ (Unsere Grundfragen), die den Zentralismus der Regierung Schmerling scharf verurteilte und Forderungen erhob, die in vielem den Ausgleich von 1867 vorwegnahmen. Seine darauf erfolgte Verurteilung zu Gefängnis und Aberkennung seiner Grafenwürde machte ihn im ganzen Lande populär. Nach seiner Rehabilitation ernannte ihn Franz Joseph 1865 zum Vizepräsidenten des Statthalterei-Rates, als der er sich aktiv an den Ausgleichsverhandlungen beteiligte. 1865-1872 und 1875-1878 gehörte Z. dem Abgeordnetenhaus, später sodann bis zu seinem Tod dem Oberhaus des Parlaments an, zuerst als Mitglied der Deák-Partei, nach 1875 der Sennyey-Partei, die seiner streng oppositionellen Haltung gegen die Regierung des Grafen Koloman Tisza besser entsprach. Seit dieser Zeit widmete sich Z., der ab 1889 als Präsident der „Szent-István-Társulat“ (St.-Stephan- Gesellschaft) dieser bedeutendsten katholischen Kultureinrichtung Vorstand, ganz der von ihm in entscheidendem Maß mit aufgebauten und Jahre hindurch von ihm geführten Bewegung einer umfassenden Erneuerung des ungarischen Katholizismus. Durch Gründung der ungarischen Katholikentage (ab 1894, in der offiziellen Zählung ab 1900) sowie der sogenannten „Katholischen Kreise“ (Katholikus Körök) ab 1888, die auf seine Initiative hin nach 1902 auf das ganze Land ausgedehnt wurden, trug Z. maßgeblich zur Intensivierung des gesellschaftlichen und religiösen Lebens der Katholiken gleichsam im Stil einer „Laienbewegung“ bei.
In den 1890er Jahren wurde Z. zum eifrigsten Kämpfer gegen die Kirchenpolitik und Religionsgesetzgebung der liberalen Regierung. Er, der schon als Führer der katholischen Opposition im Oberhaus das Fehlen einer politischen Organisation katholischer Prägung als großen Mangel empfunden hatte, gründete in dieser erbitterten Auseinandersetzung am 28. Januar 1895 zusammen mit Graf Miklós Moric Eszterházy und dem Stuhlweißenburger Bischof Fülöp Steiner die ,,Katholikus Néppárt“ (Katholische Volkspartei), der ab Anfang 1896 als Presseorgan die Zeitung „Alkotmäny“ (Verfassung) diente, zu der ab 1900 die populäre Ausgabe ,,Uj Lap“ (Neues Blatt) hinzukam.
Programmatisch forderte die Partei: Revision der Religionsgesetzgebung, Autonomiestatus für die katholische Kirche, Lösung der sozialen Frage im Sinne der Enzyklika ,,Rerum Novarum“ sowie des Nationalitätenproblems durch Erfüllung der Nationalitätenwünsche, soweit sich damit die Integrität des ungarischen Staates und sein ursprünglicher nationaler Charakter vereinbaren ließe. Im Sinne dieser Einschränkung hat Z. im Jahre 1907 einen gegen die ungarischen Bischöfe gerichteten Vorstoß der slowakischen Nationalpartei beim Hl. Stuhl verhindert.
Die Regierung des Barons Dezsö Bánffy unternahm sofort energische Maßnahmen, die Partei mit allen Mitteln auch durch Intervention in Rom zu unterdrücken. Trotzdem gewann diese bei den Parlamentswahlen 1896 17 Mandate, 1901 bereits 25 und 1906 sogar 33 Mandate. Auch erwies sich, daß Rom und der ungarische Episkopat die Partei voll unterstützten. Dieser jedoch änderte seine Einstellung, als die Partei ihre Obstruktionspolitik gegen die Regierungen Bánffy, Szell und Tisza aufgab und sich 1906 an der Koalitionsregierung beteiligte, womit sie schnell in Widerspruch zu den Interessen der Krone wie der Bischöfe geriet. Da der Landklerus sich auch weiterhin „seiner“ Partei verpflichtet fühlte, aus der sich inzwischen 1903 ein progressiver Flügel unter dem Namen „Keresztény Szociális Egyesületek Országos Szövetsege“ (Landesbund der christlichsozialen Vereine) unter der Führung des Raaber Domherren Sdndor Giesswein abgespaltet hatte, kam es zu Verwirrungen, Ausschreitungen und damit zu einer unausweichlichen Schwächung des Katholizismus als politische Kraft. An dieser Entwicklung hat Z. freilich keinen führenden Anteil mehr genommen, da er die Parteiführung bereits 1903 an seinen Sohn Grafen Aladár Zichy abgegeben hatte.

Literatur

Bonitz, Ferenc: Gróf Zichy Nándor élet-és jellemrajz. Budapest 1912.
Domonkos, István: Zichy Nándor gróf élete. Budapest 1912.
Emlékkönyv Zichy Nándor gróf születésének századik évfordulójára 1829-1929. Budapest 1929.
Hermann, Egyed: A katolikus egyház tórténete Magyarországon 1914-ig. München 1973. = Dissertationes Hungaricae ex historia Ecclesiae. 1.
Salacz, Gábor: Egyház és állam Magyarországon a dualizmus korában 1867-1918. München 1974. = Dissertationes Hungaricae ex historia Ecclesiae. 2.
Adriányi, Gabriel: Fünfzig Jahre ungarischer Kirchengeschichte 1895-1945. Mainz 1974. = Studia Hungarica. 6.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)

GND: 119270099

Weiterführende Information (Deutsche Biographie): https://www.deutsche-biographie.de/pnd119270099.html


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Empfohlene Zitierweise: Gerhard Seewann, Zichy-Vásonkeő, Nándor Graf, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 489-490 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1893, abgerufen am: (Abrufdatum)

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