Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Wendel, Hermann

Wendel, Hermann, deutscher Historiker und Schriftsteller, * Metz 8.03.1884, † Neuilly bei Paris 3.10. 1936, Sohn eines nach Lothringen versetzten preußischen Beamten.

Leben

Am Schnittpunkt deutscher und französischer Kultur in Metz aufgewachsen, hat W. sich beide voll angeeignet. Sein ganzes schriftstellerisches Werk prägte W.s Begeisterung für die Forderungen der Französischen Revolution. Daraus entsprangen die beiden Entscheidungen, die sein Leben bestimmten: der Beitritt zur Sozialdemokratie nach Abbruch seines an der Münchener Universität begonnenen Studiums der Philosophie und Geschichte im Jahre 1905 sowie seine immer intensivere Beschäftigung mit Geschichte, Kultur und nationalem Freiheitskampf der südslawischen Völker, die neben führenden deutschen und französischen Demokraten (W.s Biographien über Heine - Dresden 1916, Danton - Berlin 1930 und Bebel - Berlin 1913) den Hauptgegenstand seiner zahlreichen Arbeiten bildeten.
In der Sozialdemokratie machte W. mit seinem brillanten Stil als Journalist sehr rasch Karriere. Franz Mehring verpflichtete ihn bereits 1906 für seine „Leipziger Volkszeitung“. 1912 zog W. als jüngster Abgeordneter im Reichstag ein und wurde Mitarbeiter am Berliner „Vorwärts“, dem Zentralorgan seiner Partei. Politisch profilierte sich W. in der Öffentlichkeit mit seiner im Frühjahr 1914 gehaltenen Reichstagsrede, in der er vor der Kriegsgefahr warnte und vehement für eine verstärkte deutsch-französische Zusammenarbeit eintrat. Im Jahre 1912 kam W. als Korrespondent des „Vorwärts“ nach Belgrad und damit in ein Land, das er bereits seit 1909 regelmäßig bereiste. Noch vor dem Krieg und unerschrocken auch während des Weltkrieges trat W. in seinen Artikeln für das Recht der Südslawen auf einen von der Habsburgermonarchie unabhängigen Nationalstaat ein, der neben Slowenien, Kroatien, Dalmatien, Bosnien und Serbien auch Mazedonien umschließen sollte („Pro Macedonia“, Paris 1918; „Mazedonien und der Friede“, München 1919; „Die makedonische Frage“, Wien 1927). Den Gedanken der zur Staatsbildung hindrängenden südslawischen Einheit hat W. als erster und lange Zeit auch als einziger in der deutschen Öffentlichkeit verbreitet und in zahlreichen Werken in seinem historischen Ursprung und Werdegang eingehend behandelt, am ausführlichsten in seinem 800 Seiten umfassenden Hauptwerk: „Der Kampf der Südslawen um Freiheit und Einheit“ (Frankfurt/M. 1925; serbokroatische Ausgabe: „Borba Jugoslovena za slobodu i jedinstvo“, Belgrad 1925). Die in ihrer Konzeption noch heute einzigartige grundlegende Arbeit verfolgt alle Bestrebungen für eine nationale Befreiung und Vereinigung in Politik und Kultur der Slowenen, Kroaten und Serben, ja auch der Bulgaren vom Mittelalter an bis in die Gegenwart, wobei die Entwicklung der letzten hundert Jahre im Mittelpunkt der in einem lebendigen und ausdrucksstarken Stil geschriebenen Darstellung steht. Diese wird von einer stark positivistischen und materialistischen Geschichtsauffassung geprägt, worin auch der Grund für W.s offenkundige Unterbewertung russischer Einflüsse (Panslawismus) zu suchen ist. Darüber hinaus bezeugt sie die gründliche und sachlich weit ausholende Kenntnis W.s von
 der Geschichte aller Balkanvölker und der dazugehörigen vielsprachigen Literatur, außerdem auch W.s große Sympathie für das serbische Volk. In scharfer Verurteilung der Wiener und auch der Budapester Politik spricht W. dem Habsburgerreich im 19. und 20. Jh. seine Existenzberechtigung ab, da es nach Erfüllung seiner historischen Funktion in der erfolgreichen Türkenabwehr seiner Auffassung nach nunmehr versäumt habe, Südosteuropa zu europäisieren. Als Vorstudien zu seinem Hauptwerk sind W.s Bücher zu werten: „Südosteuropäische Fragen“ (Berlin 1918), „Aus dem südslawischen Risorgimento“ (Gotha 1921), „Südslawische Silhouetten“ (Frankfurt/M. 1924), „Die Habsburger und die Südslawenfrage“ (Belgrad, Leipzig 1924). Die Arbeit „Bismarck und Serbien im Jahre 1866“ (Berlin 1927) untersuchte als erste die konspirativen Pläne Bismarcks, die Südslawen gegen Habsburg zum Krieg zu treiben und fußt auf Archivmaterial aus Berlin, Belgrad und Wien. Die beiden Schriften „Aus und über Südslawien“ (Berlin 1920) und „O Jugoslaviji, Italiji i Albaniji“ (Belgrad 1923) bilden eine Bestandsaufnahme der inneren und äußeren Probleme des neuen jugoslawischen Staates. Als Frucht seiner zahlreichen Reisen erschienen seine Fahrtenbücher: „Kreuz und quer durch den slawischen Süden“ (Frankfurt/M. 1922), „Aus drei Kulturen“ (Berlin 1923) und „Aus der Welt der Südslawen“ (Berlin 1926). Darüber hinaus veröffentlichte W. zahllose Artikel, Berichte und kleine Studien in deutschen und jugoslawischen Zeitungen und Zeitschriften zur Geschichte und Zeitgeschichte der Balkanvölker, u. a. in „Politika“ (Politik), „Vreme“ (Die Zeit), „Nova Evropa“ (Neues Europa), „Letopis Matice Srpske“ (Jahrbuch der Matica srpska), „Srpski književni glasnik“ (Serbischer literarischer Bote). In der jugoslawischen Öffentlichkeit genoß W. große Verehrung, die auch die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Belgrader Universität an W. im Jahre 1929 als erstem Deutschen nach 1918 bezeugen sollte. Eine politische Karriere lehnte W. nach 1920 ab und schlug auch das ihm von der deutschen Regierung in den 1920er Jahren gemachte Angebot, als deutscher Gesandter nach Belgrad zu gehen, aus. Vor dem Hitlerreich flüchtete W. von seinem Wohnort Frankfurt am Main nach Paris. Vor seinem Tod erschienen noch seine „Jugenderinnerungen eines Metzers“ (Straßburg 1934) sowie ein Buch über die Marseillaise (Zürich 1936).

Literatur

Stanojević, Stanoje: Dr. h. c. Herman Vendel. In: Jugoslovenski istoriski časopis 2 (1936) 468-470.
Altmaier, Jakov: Herman Vendel. In: Srpski književni glasnik. NS. 49 (1936) 295-299.
Jovanović, Živorad P.: Hermann Wendel. In: ebd., 312-314.
Slijepčević, Pero: Herman Vendel (1884-1936). In: Arh. pravne i društ. Nauke 51 (1937) 1-20.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)

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Empfohlene Zitierweise: Gerhard Seewann, Wendel, Hermann, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 457-458 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1872, abgerufen am: (Abrufdatum)

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