Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Vladimirescu, Tudor

Vladimirescu, Tudor, rumänischer Revolutionär, * Vladimir (Gerichtsbezirk Gorj) um 1770-1780, † Tîrgovişte 8. VI. (27.05.) 1821, aus einer Freibauernfamilie.

Leben

V., der sich im Laufe der Jahre eine beträchtliche Bildung erwarb, übte bis 1821 z.T. nebeneinander die verschiedensten Berufe und Tätigkeiten aus. Er war Güterverwalter eines Bojaren (in dessen Auftrag er 1814 ein halbes Jahr in Wien zubrachte), bewirtschaftete selbst Pachtgüter, handelte mit Getreide und Vieh und brachte es so zu ansehnlichem Wohlstand. Daneben stand er von 1806 bis 1820 mit Unterbrechungen als „vätaf de plai“ (Bezirksgrenzbeamter) in staatlichen Diensten. Von 1806 bis 1812 kämpfte er in den Reihen des aus dem reichen Bauerntum Olteniens gebildeten Panduren-Freiwilligenkorps auf russischer Seite im Türkenkrieg, was ihm den Orden des Hl. Vladimir und 1813 den Hauptmannsrang einbrachte, dazu in seinem Lande hohes militärisches Ansehen. Die von ihm 1821 angeführte Volkserhebung in der Kleinen und der Großen Walachei trug sowohl nationalen wie sozialen Charakter. Sie ist ein Teil der großen Emanzipationsbewegung der Völker im Europa der Heiligen Allianz. In besonders engen Beziehungen steht sie mit der griechischen Hetairie Alexandros Ipsilantis’, mit der V. sich zu gemeinsamer Aktion verbündete und der er den Treueid leistete. Die antitürkische Zielsetzung der Hetairisten mit dem Bestreben einer Befreiung aller dem Sultan unterworfenen christlichen Völker war auch die seine. Unterstützt wurde V. insgeheim durch den mit Hetairisten durchsetzten muntenischen Regentschaftsrat (die Caimacamie) von 1821. Andererseits warf sich V. je länger desto mehr auch zum Anwalt der gegen die Unterdrückung durch das Großbojarentum revoltierenden Bauern, Kaufleute und niederen Bojaren auf, was seiner Bewegung eine sehr stark antifeudale (antiphanariotische) Note gab.
Die von langer Hand vorbereitete Revolution wurde am 4. Februar (23. I.) 1821 durch V.s Kampfaufruf von Padeş eingeleitet. V. stellte ein vornehmlich aus oltenischen Panduren und Bauern zusammengesetztes Heer auf, das auf dem Vormarsch in die Große Walachei immer mehr Zulauf erhielt. Auf die Nachricht hin, daß Ipsilantis in die Moldau einmarschiert sei, brach V. mit seinen (ca. 16000 Mann starken) Truppen nach Bukarest auf das er am 2. April (21. III.) besetzte. - Doch zeigten sich schon bald die Schwierigkeiten, an denen die Bewegung schließlich scheitern und V. selbst zugrundegehen sollte. Entscheidend war, daß angesichts des ungeschickten Vorgehens der Hetairie die erhoffte russische Unterstützung ausblieb und die Revolution Ipsilantis’ und V.s vom Zaren wie auch von Österreich mißbilligt wurde. Da das geplante kriegerische Vorgehen gegen die Türken infolgedessen aussichtslos wurde, zog V., um seinem Land eine Invasion zu ersparen, Verhandlungen mit den heranrückenden türkischen Heeren vor, was ihn in den Augen der Hetairie zum Verräter werden ließ. In seiner Bedrängnis sah V. sich außerdem genötigt, seinem Sozialrevolutionären Anspruch zuwider, den Großbojaren zur Erlangung ihrer Unterstützung ihn kompromittierende Zugeständnisse zu machen. Dies und die Härte, ja Grausamkeit, mit der er Übergriffe seiner Unterführer und Soldaten ahndete, brachte ihn um die Sympathien seiner Anhänger. In seinen eigenen Reihen bildete sich ein Komplott gegen ihn. Eine Verschwörergruppe unter der Leitung des Gardekommandanten Iordache Olimpiotul nahm ihn am 2. Juni (21.05.) 1821 in seinem Lager zu Goleşti gefangen und lieferte ihn an das in Tîrgovişte stehende Hetairie-Hauptquartier aus. Dort ließ Ipsilantis V. nach einem summarischen Gerichtsverfahren erschießen. Das rumänische Revolutionsheer erlag bald darauf zusammen mit den griechischen Hetairisten den türkischen Angriffen, die bis Ende Juli 1821 auch den letzten Widerstand brachen.
Trotz seiner Niederlage hatten V. und seine Bewegung größte Bedeutung für die rumänische Nationsbildung: sie bezeichnen das Ende der Phanariotenzeit und den Beginn der rumänischen Unabhängigkeitsbewegung. Für die heutige rumänische Geschichtswissenschaft ist 1821 der Epocheneinschnitt, mit dem in Rumänien die Neuzeit beginnt.

Literatur

Aricescu, C. D.: Acte justificative la istoria revoluţiunii române de la 1821. Craiova 1874.
Dumbrava, Bucura (Pseudonym für Székulisz, Fanny): Der Pandur. Geschichte des Rumänischen Volksaufstandes im Jahre 1821. 2 Bde. Regensburg 1912.
Iorga, Nicolae: Izvoare contemporane asupra mişcării lui Tudor Vladimirescu. Bucureşti 1927.
Roth, Alfred: Theodor Vladimirescu und die Orientpolitik. Leipzig 1943.
Oţetea, Andrei: Tudor Vladimirescu şi revoluţia din 1821. Bucureşti 1971.
Berindei, Dan: L’Année révolutionnaire 1821 dans les pays roumains. Bucureşti 1973.
Radu, Mircea T.: 1821. Tudor Vladimirescu şi revoluţia din Ţara Românească. Craiova 1978.

Verfasser

Klaus Heitmann (GND: 138119023)

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Empfohlene Zitierweise: Klaus Heitmann, Vladimirescu, Tudor, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 423-425 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1851, abgerufen am: (Abrufdatum)

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