Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Tevfik Pascha, Ahmed

Tevfik Pascha, Ahmed, osmanischer Diplomat und Großwesir, * Istanbul 10.02.1845, † ebd. 8.10. 1936, seine Großmutter väterlicherseits stammte aus dem Haus der Krimchane.

Leben

T. besuchte die Grundschule in Istanbul, dann die Mittelschule in Vidin und schlug zunächst die Laufbahn eines Kavallerieoffiziers ein. 1865 trat er jedoch in das Übersetzungsbüro der Pforte ein, wurde 1872 zweiter Sekretär der türkischen Gesandtschaft in Rom, dann in Wien und 1873 in Berlin, 1875 erster Sekretär in Athen und im folgenden Jahr in St. Petersburg, wo er bis zum Kriegsausbruch 1877/78 auch als Geschäftsträger fungierte. Bis Kriegsende in ziviler Funktion in der Festung §umnu (Šuměn), wurde er 1879 Geschäftsträger in Athen und 1883 dort zum Gesandten befördert. 1885 zum Mitglied der Internationalen Suezkanalkomission in Paris bestimmt, trat er noch im selben Jahr den Botschafterposten in Berlin an, den er zehn Jahre ausfüllen sollte. 1889 erhielt er den Wesirsrang, im Januar 1893 nahm er in offizieller Funktion an den Feierlichkeiten zur Vermählung des rumänischen Thronfolgers Ferdinand von Hohenzollern (1914-1927 König von Rumänien) mit Maria von Edinburgh in Sigmaringen teil.
Im November 1895 wurde T. im Zusammenhang mit der innen- und außenpolitischen Krise infolge der Zuspitzung der Armenierfrage nach Istanbul zurückberufen und mit dem Außenministerium betraut, 1899 zeitweilig auch mit dem Gesundheitsministerium. Er zeichnete sich beim Friedenschluß mit Griechenland 1897 aus und sprach sich 1899 für die Verlängerung der Bagdadbahn bis Kuwait aus. Auch nach der jungtürkischen Revolution vom Juli 1908 behielt er zunächst seinen Posten und wurde im Dezember noch zusammen mit 39 anderen hohen Beamten zum Mitglied des Senats ernannt, schied jedoch mit dem Fall des Kabinetts Kämil Pascha am 13. Februar 1909 aus seinem Ministeramt aus. Am 6. April 1909 noch zum Botschafter in London berufen, konnte er seinen neuen Posten nicht mehr antreten, wurde vielmehr einen Tag nach dem Ausbruch der Gegenrevolution in Istanbul (13. IV.; 31 Mart Vak’asi) zum erstenmal Großwesir. Er übte dieses Amt während der Rückeroberung der Hauptstadt durch die Jungtürken (22. IV.) sowie der Absetzung Ahdülhamids II. und der Thronbesteigung Mehmeds V. (27. IV.) aus. Fetzterer behielt ihn im Amt, doch T. trat selbst am 5. Mai 1909 zurück und wurde vier Tage später wiederum zum Botschafter in London ernannt.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrte T. nach Istanbul zurück, nahm wieder sein Amt als Senatsmitglied wahr und besuchte im September 1918 als Mitglied der Delegation, die die Thronbesteigung Mehmeds VI. (seit 4.07.1918 Sultan) anzeigen sollte, noch einmal Deutschland. Bald nach seiner Rückkehr wurde er infolge des militärischen Zusammenbruchs der Türkei und der Flucht der jungtürkischen Führer am 11. November 1918 zum zweitenmal Großwesir, trat am 12. Januar 1919 zurück, bildete jedoch am folgenden Tage ein neues Kabinett und demissionierte erst endgültig am 3. März 1919 während der Besetzung Istanbuls durch die Alliierten und im Zusammenhang mit einer Gesetzesvorlage über die Bildung eines Sondergerichts zur Bestrafung von Kriegsverbrechern, die vom Sultan nicht bestätigt wurde. Anfang 1920 wurde er zum Senatspräsidenten ernannt. 1919 und 1920 reiste er zweimal zu Friedensverhandlungen mit den Alliierten nach Paris, kehrte jedoch unverrichteterdinge zurück, da er die Friedensbedingungen als unannehmbar für einen Staat ansah.
Am 21. Oktober 1920 übernahm T. noch einmal das Amt des Großwesirs, das er als letzter bekleiden sollte, als schon lange eine Gegenregierung unter Mustafa Kemal Pascha bestand, der Friedensvertrag von Sevres am 10. August 1920 unterzeichnet worden war und die griechischen Truppen in Westanatolien vorrückten. Im Februar 1921 nahm er noch an der Fondoner Konferenz teil, auf der beide türkischen Regierungen vertreten waren. Nach der Rückeroberung von Izmir durch die kemalistischen Verbände (9.09.1922) traf am 19. Oktober Refet Pascha als außerordentlicher Kommissar der Großen Nationalversammlung in Istanbul ein; letztere beschloß am 1. November die Abschaffung des Sultanats, und T. trat am 4. November offiziell von seinem Amt zurück.
T. besaß ein besonders scharfes Gedächtnis und zeigte bei der Ausübung seiner Tätigkeit stets überlegene Ruhe; andererseits werden ihm Willensschwäche und mangelndes Durchsetzungsvermögen nachgesagt. Er diente seinem Fand mehrfach in ernsten Situationen, gewann durch seine Zuverlässigkeit Achtung und Vertrauen der streitenden Parteien und konnte so gelegentlich Schlimmeres verhüten.

Literatur

Jäschke, Gotthard u. Erich Pritsch: Die Türkei seit dem Weltkriege. 4 Bde. Berlin 1929/39.
Bayur, Yusuf Hikmet: Türk inkılâbı tarihi. 3 Bde. in 10. Ankara 1940/67.
Türkgeldi, Ali Fuad: Görüp işittiklerim. Ankara 1951.
Danişmend, İsmail Hami: Sadr-ı-a’zam Tevfik Paşa’nın dosyasındaki resmî ve hususî vesikalara göre 31 Mart Vak’ası. Istanbul 1961.
Ders.: İzahlı Osmanlı tarihi kronolojisi. 5 Bde. Istanbul 1971/72(2).
İnai, İbnülemin Mahmud Kemal: Osmanlı devrinde son sadrıazamlar. 14 Teile. Istanbul 1964/65(2).
Akşin, Sina: 31 Mart Olayı. Istanbul 1972.

GND: 1020775599


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Empfohlene Zitierweise: Hans-Jürgen Kornrumpf, Tevfik Pascha, Ahmed, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 292-294 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1761, abgerufen am: (Abrufdatum)

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