Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Tahsin, Hasan

Tahsin, Hasan (auch Hoxha Tahsini; in türkischen Quellen Hoca Tahsin und Hoca Tahsin Efendi), albanischer Patriot und türkischer Wissenschaftler, * Ninat (Kaza Filat, Çamëri) 1812, † Istanbul 4.07.1881. Sein Vater Osman Efendi war sehr gelehrt und wurde von Mustafa Pascha Shkodra nach Skutari zu seinem Lehrer berufen. Später wurde er Mufti von Berat.

Leben

T. lernte zuerst bei seinem Vater, ging dann nach Istanbul, schrieb sich in einer Medrese ein und diplomierte bei dem berühmten Gelehrten Vidinli Mustafa Efendi. Der große Reformator Mustafa Reşid Pascha schickte Mitte des 19. Jh.s eine Gruppe türkischer Studenten zum Studium nach Paris, zu denen auch T. gehörte, damit er die „neuen Wissenschaften“ studiere, obwohl er damals schon Müderris war. Nachdem er das Studium der Naturwissenschaften beendet hatte, wurde T. Imam in der türkischen Botschaft in Paris und setzte seine Studien in Chemie, Physik und Astronomie fort. Als 1869 der frühere Großwesir Mehmed Fuad Pascha in Nizza starb, kehrte T. mit dessen sterblichen Überresten nach Istanbul zurück. Im selben Jahr wurde in Istanbul die erste Universität (Darül- fünun) eröffnet, zu deren ersten Rektor T. gewählt wurde. Seine Antrittsvorlesung, in der er sowohl über die Gründe der Rückständigkeit der islamischen Welt als auch über die Notwendigkeit, die zeitgenössischen europäischen Wissenschaften zu studieren, sprach, mißfiel jedoch den konservativen religiösen Kreisen, besonders dem Schejch ül-Islam. An der Universität hielt T. Vorlesungen über Geographie, Astronomie und Mathematik. Ende 1879 weilte der berühmte Ideologe des Panislamismus Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī in Istanbul und hielt an der Universität eine Vorlesung, die sowohl der religiösen Führungsschicht als auch Sultan Ahdülhamid II. nicht behagte. Damals wurde die Universität geschlossen und T. mit einer sehr kleinen Pension in den Ruhestand versetzt. T. war dadurch sehr deprimiert und reiste auf den Rat seiner Freunde, aber auch aus gesundheitlichen Gründen, in seine Heimat. Nach einigen Angaben soll er dort seine Fibel, gedruckt in arabischem Alphabet, verteilt haben. Scheinbar daraufhin wurde er von der türkischen Regierung nach Istanbul zurückbeordert.
Um 1864 begannen sich die albanischen Kreise von Istanbul, vorrangig verschiedene Paschas, mit Erlaubnis des Großwesirs Ali Pascha zu versammeln und über ein albanisches Alphabet zu diskutieren. Als sie jedoch später eine gewisse Reserviertheit bei den türkischen Behörden verspürten, begannen sie sich zurückzuziehen und diese Idee aufzugeben. Um 1867 kam es zu neuen Zusammenkünften im Zimmer T.s in einer Medrese. Hier trafen sich u.a. Ibrahim Temo Starova, Konstandin Kristoforidhi, Sami Frasheri und Jam Vreto. Nachdem es hauptsächlich Muslime waren, wurde dort anfangs das arabische Alphabet vorgeschlagen. T. jedoch sagte, daß der Koran alle Sprachen gleichmäßig betrachte und alle Alphabete als gleich gelten lasse und daß die Bibel und das Evangelium von den Muslimen für heilige Bücher gehalten werden, diese aber nicht in arabischem Alphabet geschrieben sind. Wegen der Autorität T.s akzeptierten alle Muslime dessen Meinung. In der Kommission, die an der Aufstellung eines einheitlichen Alphabets arbeitete, war auch T., der ein besonderes Alphabet vorschlug, das völlig verschieden war von allen damaligen Alphabeten. Nach T.s Aussage wäre es schöner und leichter als das lateinische und griechische. T. dachte sogar daran, daß dieses Alphabet ein allgemeines werden könnte, und äußerte später die Idee über ein universales Alphabet und eine Weltsprache in seiner Zeitschrift ,,Mecmü‘a-i ‘ulüm“ (Sammlung von Wissenschaften). Jedoch wurde wegen technischer Schwierigkeiten beim Buchdruck dieses Alphabet nicht angenommen, sondern das von Sami Frasheri vorgeschlagene. Uber seine weitere Aktivität im Zusammenhang mit albanischen Fragen gibt es keine Angaben, ausgenommen, was eine türkische Quelle erwähnt, daß er zur Zeit der Figa von Prizren einmal in Prizren gewesen sei, aber man weiß nicht, mit welchem Ziel.
Nach vielen Quellen war T. der gebildetste Mann seiner Zeit in Istanbul, nicht nur auf naturwissenschaftlichem, sondern auch auf literarischem, sprachwissenschaftlichem und theologischem Gebiet. Şemseddin Sami Frasheri sagt in einem Artikel, der in der Zeitschrift „Hafta“ (Die Woche) nach seinem Tode veröffentlicht wurde, daß T. der einzige im Os- manischen Reich gewesen sei, der den Titel „Savant“ tragen könne. Ende 1879 gründete T. die Zeitschrift ,,Mecmü‘a-i ‘ulüm“. In ihr sind fast alle Artikel von T. selbst geschrieben. Wie er selbst im Vorwort sagte, war die Zeitschrift wie die europäischen, den Wissenschaften und Künsten gleichermaßen gewidmet. So finden wir in der Zeitschrift sowohl Beiträge mit naturwissenschaftlichen und technischen als auch literarischen und philosophischen Themen. Eine Reihe von Werken T.s, die später gedruckt wurden, sind zum erstenmal hier veröffentlicht worden, besonders Abhandlungen aus dem Gebiet der Linguistik, Literatur und Philosophie, aus denen man sehen kann, wie T. bestrebt war, das Wissen, das er sich in Europa erworben hatte, auf türkischen Boden zu übertragen.
T. veröffentlichte zu Lebzeiten einige Gedichte-, aber sein Gedichtsdivan blieb in Handschrift. Nach seinem Tode wurden folgende Werke veröffentlicht: „Psikoloji yahut Ilm-i Ruh“ (Die Psychologie, Istanbul 1310/1892/93), ,,Esas-i ilm-i hey’ et“ (Kosmographie, Istanbul 1311/1893/94), ,,Tarih-i Tekvin yahut Hilkat“ (Geschichte von der Erschaffung der Welt, Istanbul 1310/1892/93), ,,Esrar-i Ab-i Hava“ (Geheimnisse des Wassers und der Luft, Istanbul 1309/1891/92). Daneben übersetzte er aus dem Französischen ,,La loi naturelle“ von Constantin François Volney und zusammen mit Mahmud Nedim „Gullivers Reisen“ (Küliverin Siyahati) von Jonathan Swift, sowie das Buch ,,Mürebbi-i Etfäl“ (Die Erziehung des Kindes). Nähere Angaben über dieses Werk fehlen.
T. starb am 4. Juli 1881 an Tuberkulose im Istanbuler Stadtviertel Erenköy und ist dort begraben.

Literatur

Şemseddin Sami [Sami Frashëri]: Qâmūs al-a’lâm. Istanbul 1889/98, S. 1678.
Asim, Necip: Hoca Tahsin. In: Türk Tarih Encümeni Mecmuası, Nr. 19 [96] vom 1.06.1928, S. 57-63.
Inal, Mahmud Kemal: Son Asır Türk Şairleri. Bd. 10. Istanbul 1940, 1870.
Domi, Mahir: Alfabeti i gjuhës shqipe dhe Kongresi i Manastirit. In: Stud. Filol. 5 (1968) 4, 71-102.

Verfasser

Hasan Kaleshi (GND: 1084144948)

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Empfohlene Zitierweise: Hasan Kaleshi, Tahsin, Hasan, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 266-268 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1743, abgerufen am: (Abrufdatum)

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