Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Stalin, Josif

Stalin, Josif Visarionovič Džugašvili, * Gori (Georgien) 21.12.1879, † Moskau 05.03.1953, sowjetischer Politiker, Sohn eines Fabrikarbeiters.

Leben

 St. studierte ab 1894 am Priesterseminar in Tiflis, das er, da er 1898 Mitglied der Sozialdemokratie geworden war, 1899 verlassen mußte. Ende 1901 siedelte er nach Batum über. Im April 1902 wurde St. zum ersten Mal von der russischen Geheimpolizei (Ochrana) verhaftet. Die infolge des russisch-japanischen Krieges entstandenen Wirren nutzte St. zur Rückkehr aus der Verbannung aus. Obwohl er Ende 1904 Bol’ševik geworden war, beteiligte er sich an der ersten russischen Revolution nicht aktiv. Ende 1905 nahm St. an der Konferenz der Bol’ševiki in Tammerfors teil, wo er mit Vladimir Lenin zusammentraf. 1906 und 1907 hielt sich St. erstmalig für kürzere Zeit im Ausland auf, als er mit jeweils beratender Stimme am Vereinigungsparteitag der Bol’ševiki und Men’ševiki im April in Stockholm und im Mai 1907 in London teilnahm. Nach der Prager Konferenz der Bol’ševiki vom Januar 1912, auf der die Spaltung der russischen Sozialdemokratie endgültig besiegelt wurde, wurde St. ins Zentralkomitee kooptiert. Im Januar 1913 legte ihm Lenin eine Untersuchung über die nationale Frage nahe. Die daraufhin entstandene Schrift „Marxismus und nationale Frage“ diente vor allem der Auseinandersetzung mit den Vorstellungen der Austromarxisten, deren politische Forderungen auf eine Kulturautonomie hinausliefen, was den Bol’ševiki tendenziell weniger gefährlich schien, deren aus der Multinationalität des österreichischen Teils der Doppelmonarchie resultierende Schlußfolgerung für die Organisationsprinzipien der österreichischen Sozialdemokratie jedoch eine Föderalisierung der Partei beinhaltete, was die Bol’ševiki - im Falle einer analogen Übertragung auf den ebenfalls multinationalen Staat Rußland - als Zentralisten unmöglich tolerieren konnten. Während der Arbeit an dieser Schrift hielt sich St. für längere Zeit im Ausland auf. Die Revolution vom Februar 1917 überraschte ihn in der Verbannung; aufgrund einer Amnestie kehrte er im März 1917 nach Petrograd zurück. Ende des Monats organisierte er dort eine gesamtrussische Konferenz der Bol’ševiki, auf der er sich für eine erneute Vereinigung der Bol’ševiki und Men’ševiki einsetzte. Die von St. indirekt geforderte Unterstützung der Provisorischen Regierung wurde von Lenin scharf abgelehnt. Obendrein organisierte Lenin Ende April eine neue gesamtrussische Konferenz der Bol’ševiki, die sich zum Parteitag erklärte und die Ergebnisse der März-Konferenz aufhob. Dieser Kongreß wählte St. zum ersten Mal direkt ins Zentralkomitee. Nach erfolgreicher Machtergreifung wurde St. in einer Koalitionsregierung der Bol’ševiki und Sozialrevolutionäre Volkskommissar für Nationalitäten, was er bis zur Auflösung des Kommissariats 1923 blieb. Nach dem 8. Parteitag vom März 1919 wurde St. Mitglied des Politbüros. Während des Bürgerkrieges leitete er anfangs eine der zwanzig Armeen der Roten Armee, später den ganzen südlichen Frontabschnitt. Hier war es, daß St. in offenen Gegensatz zu Lev Trockij geriet, weshalb Trockij seine Rückberufung nach Moskau erreichte. Nach dem 11. Parteitag der RKP wurde St. im April 1922 zum Generalsekretär ernannt, was er bis zu seinem Tode blieb. Selbst Lenins späterer Widerstand vermochte an der dadurch erreichten Machtfülle nichts mehr zu ändern. Vor Lenins Tod noch hatte sich ein Triumvirat potentieller Nachfolger herausgebildet, innerhalb dessen St. den letzten Platz einnahm. Auf dem 12. Parteitag vom April 1923 gelang es St., die Reihenfolge zu seinen Gunsten zu ändern. Nachdem er auf dem 14. Parteitag im Dezember 1925 Georgij Zinov’ev und Lev Kamenev mit Hilfe Nikolaj Bucharins in die Minderheit gedrängt hatte, wagte St. im folgenden Oktober den offenen Angriff auf Trockij, der aus dem Politbüro ausgeschlossen wurde, um im November 1927 - zusammen mit Zinov’ev - auch die Parteimitgliedschaft zu verlieren. Im November 1929 wurde auch Bucharin aus dem Politbüro ausgeschlossen. Bis zu seinem Tod gab es für St. keine ernstzunehmenden Konkurrenten im Kampf um die Macht mehr. Daß er im Mai 1941 Vorsitzender des Rates der Volkskommissare und im Juli Volkskommissar für Verteidigung wurde, war dann nur eine zusätzliche Bestätigung des erreichten Zustands. Die Machtstabilisierung korrelierte positiv mit der Theorie des „Sozialismus in einem Lande“, die St. seit 1924 zu entwickeln begonnen hatte. Diese wiederum ging Hand in Hand mit einer beschleunigten Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft. Die Ermordung des Leningrader Parteichefs Sergej Kirov im Dezember 1934 gab St. Anlaß zu einer bis 1938 dauernden Säuberung des Staats- und Parteiapparats. Die Sicherung der eigenen Machtposition ermöglichte St. - und im Zusammenhang damit auch der UdSSR und der Komintern - eine außenpolitische Schwenkung. St., der sich infolge der Ablehnung der Versailler Friedensbestimmungen und des Mißerfolgs des bulgarischen kommunistischen Aufstands vom September 1923 während der vorläufig letzten wichtigeren Intervention der Komintern auf dem Balkan - während der Diskussion über die jugoslawische Frage - 1925 zweimal in die Polemik gegen den Parteisekretär der KPJ Sima Marković eingeschaltet und sich praktisch für eine Auflösung Jugoslawiens eingesetzt hatte, trat nach Einsicht in die Gefahr des Nationalsozialismus für eine Volksfrontpolitik ein, aus der die Unterstützung für den spanischen Bürgerkrieg und indirekt sogar die Bejahung Jugoslawiens als einheitlicher Staat folgten. St. machte die Schwenkung jedoch durch den am 23. August 1939 in Moskau Unterzeichneten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt hinfällig. Trotz des Vertrages wurde die UdSSR am 22. Juni 1941 vom Deutschen Reich angegriffen. Mit Unterstützung der Alliierten gelang es, bei Stalingrad die Wende des Weltkrieges herbeizuführen. Diese aber machte interalliierte Vereinbarungen über die Nachkriegsordnung vor allem Europas notwendig. Nachdem St. in bilateralen Verhandlungen mit Winston Churchill eine Aufteilung der Interessensphären in Europa erreicht hatte, erfolgte auf den Konferenzen in Teheran, Jalta und Potsdam eine radikale Veränderung der politischen Verhältnisse vor allem in Mitteleuropa, die durch die nach Beendigung des Krieges erfolgte Schaffung der Volksdemokratien nur noch bestätigt wurde. Die Vereinheitlichung Osteuropas unter der Führung der Sowjetunion korrelierte positiv mit einer Vereinheitlichung des Balkans unter der Führung Jugoslawiens bzw. Titos. Daher sollte Albanien innerhalb Jugoslawiens aufgehen, während aus letzterem und Bulgarien die Bildung eines neuen Staats geplant war. Die Grenzen der Vereinheitlichung sowohl Osteuropas als auch des Balkans allerdings ließ der bereits 1948 zwischen Jugoslawien und dem Kominform ausgebrochene Konflikt ahnen, dessen Wurzeln in die späten 30er Jahre, als Tito Chef der KPJ geworden war, bzw. in die Kriegszeit reichten, als wegen ausbleibender Hilfslieferungen und nur vorsichtiger politischer Unterstützung zugunsten der von der KPJ kontrollierten Partisanenbewegung Tito der Komintern geradezu vorwarf, eine sozialistische Revolution bewußt nicht zu fördern. Parallel dazu sah sich St. gezwungen, die chinesische Revolution, die er lange skeptisch beurteilt hatte, durch die am 14. Februar 1950 erfolgte Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages zu akzeptieren. Der Ausbruch des kalten Krieges jedoch hielt weitere Verselbständigungstendenzen auf. Unter St. war die Sowjetunion zu einer Weltmacht avanciert. Der Preis hierfür freilich waren riesige menschliche und materielle Opfer, nicht zuletzt aber auch eine Deformation der ursprünglichen theoretischen Konzeption. St.s Werke (Sočinenija) erschienen in 13 Bänden 1949/51 in Moskau (deutsche Ausgabe Berlin 1950/55).

Literatur

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Deutscher, Isaac: Stalin. Eine politische Biographie. Stuttgart 1964(2).
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Trotzki, Leo: Stalin. Eine Biographie. Reinbek 1971.
Fejtö, François: Die Geschichte der Volksdemokratien. Bd 1. Die Ära Stalin 1945-1953. Graz, Wien, Köln 1972.
Medwedew, Roy A.: Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus. Frankfurt 1973.

Verfasser

Othmar Nikola Haberl (GND: 108010155)

GND: 118642499

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Empfohlene Zitierweise: Othmar Nikola Haberl, Stalin, Josif, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 161-163 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1678, abgerufen am: (Abrufdatum)

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