Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Selim I. Yavuz

Selim I. Yavuz (der Gestrenge), osmanischer Sultan 1512-1520, * Amasya 1466/71, † Sırt (bei Çorlu) 22.09.1520, Sohn Bayezids II. und der Ayşe Hatun, der Tochter des Fürsten der Dulkadır-Turkmenen Alā üd-Devle.

Leben

Gegen Ende der Regierungszeit seines Vaters war S. Sandschakbey in Trapezunt. Obwohl jüngster der noch lebenden Söhne Bayezids und am weitesten von der Hauptstadt entfernt, verstand er es, sich im wegen der wachsenden Schwäche seines Vaters einsetzenden Kampf um die Nachfolge durchzusetzen. Im Jahre 1510 zog er nach Kaffa, wo sein Sohn Süleyman Sandschakbey war, und im Frühjahr 1511 mit militärischer Unterstützung seines Schwiegervaters, des Krimchans Mengli Giray I., nach Edirne. Der offene Kampf konnte noch vermieden werden, und S. erhielt entgegen dem osmanischen Staatsgesetz als Prinz einen rumelischen Sandschak, nämlich Semendria (Smederevo) übertragen. Als Bayezid und die Parteigänger des Prinzen Ahmed diesen zum Sultan erheben wollten, marschierte S. mit seinen Truppen, die er unter dem Vorwand eines Ungarnfeldzuges gesammelt hatte, gegen seinen Vater. Er wurde jedoch bei Çorlu geschlagen und mußte fliehen. Als Ahmed daraufhin zum Sultan ausgerufen werden sollte, machten die Janitscharen einen Aufstand zugunsten des im Heere beliebten S. Am 25. April 1512 war Bayezid dann gezwungen, den Thron S. zu überlassen. Dieser revanchierte sich bei den Janitscharen mit stattlichen Geschenken und verbrachte die erste Zeit seiner Herrschaft damit, alle in Frage kommenden Thronprätendenten zu töten. Seinen Bruder Ahmed konnte er im April 1513 in der Ebene bei Yenişehir schlagen. Die innenpolitische Lage des Reiches war gekennzeichnet durch den Aufstand der schiitischen Kızılbaş, die unter der Führung des Şahkulu 1511/12 die osmanische Zentralgewalt in Anatolien gerade schwer erschüttert hatten. Die Aufstandsbewegung hatte große Teile der verarmten Landbevölkerung sowie Teile der Lehnsreiterei (sıpahi) erfaßt. S. begann mit einer systematischen Verfolgung der Kızılbaş. Die Auseinandersetzung mit den Kızılbaş war insofern auch von besonderer außenpolitischer Bedeutung, als es deren Glaubensgenossen und meist auch Stammesbrüdern unter ihrem safawidischen Ordensmeister Schah Ismail gelungen war, auf persischem Boden einen Staat zu errichten. Mit seinen zahlreichen Anhängern unter den turkmenischen Kızılbaş gefährdete Schah Ismail die osmanische Herrschaft in Anatolien. Darüber hinaus war er ein potentieller Bundesgenosse der abendländischen Gegner der Osmanen. Im März 1514 brach S. zu einem Feldzug gegen Ismail auf. Am 23. August 1514 konnte er den Schah in der Ebene bei Çaldıran nicht zuletzt infolge der Überlegenheit der osmanischen Artillerie entscheidend schlagen. S. zog in Täbris ein und wollte in Karabağ überwintern, doch Meutereien der Janitscharen zwangen ihn zur Rückkehr nach Amasya. Nach der Schlacht von Çaldıran konnte ganz Ostanatolien dem Osmanenstaat einverleibt werden. Die Fürsten der Kurden, deren Bevölkerung ohnehin meist sunnitisch war, unterwarfen sich S. Diyarbakır und andere Städte öffneten den Osmanen die Tore. Diejenigen, die es nicht taten, wurden von Bıyikıı Mehmed Pascha, dem der kurdische Historiker Idris Bitlisi als Verwaltungsbeamter beigeordnet war, unterworfen. Einen Gegenfeldzug des safawidischen Feldherrn Karahan konnte Bıyıklı Mehmed Pascha in der Schlacht bei Koçhisar (zwischen Urfa und Nusaybin) abwehren. Somit war Südostanatolien endgültig unter osmanische Herrschaft geraten. Zur gleichen Zeit ließ S. seinen Großwesir Sinan Pascha das Fürstentum der Dulkadır-Turkmenen in Südanatolien, in Elbistan und Maraş, erobern. Mit der Eroberung dieses Emirats in der Schlacht bei Göksun (Mai 1515) verschärften sich die Spannungen mit den Mamluken, zu deren Einflußgebiet das Dulkadır-Fürstentum bisher zählte. S. reorganisierte inzwischen in der Hauptstadt die Janitscharentruppen, ließ die Rädelsführer der vergangenen Meutereien hinrichten und besetzte die höheren Offiziersränge mit Männern seines Vertrauens aus dem Serail. Zugleich ließ er unter Leitung des Piri Pascha eine neue Flotte bauen. Im Frühsommer rückten seine Truppen erneut zu einem Feldzug nach Osten auf, vom dem er verbreiten ließ, er gehe gegen Schah Ismail. Der durch die osmanischen Erfolge beunruhigte Mamlukensultan Kânṣûh al-Gaurî stand mit seinem Heer bei Aleppo. S. griff ihn an und schlug die Mamluken nördlich der Stadt in der Ebene von Dābiq. Kânṣûh al-Gaurî fand den Tod und S. zog über Damaskus nach Ägypten, wo er den neugewählten Mamlukensultan Tuman Bay endgültig schlug und Ägypten dem Osmanenreich einverleibte. Während seines einmonatigen Aufenthalts in Kairo empfing S. auch eine Gesandtschaft des Scherifen von Mekka, der sich ihm unterwarf, was S. und den nachfolgenden osmanischen Sultanen den in der muslimischen und auch christlichen Welt mit besonderem Prestige verbundenen Ehrentitel „Beschützer der heiligen Stätten“ einbrachte. Von Bedeutung war auch, daß S. den letzten Abbasiden-Kalifen al-Mutawakkil nach Istanbul mitnahm. S.s Erfolge im Osten mußten die abendländischen Mächte beeindrucken. Besonders Papst Leo X. setzte sich seit Anbeginn seines Pontifikats für den Türkenkampf ein. Seine Bemühungen um ein Bündnis mit den Gegnern des Sultans im Osten, den Mamluken und Schah Ismail, die meist über den Großmeister von Rhodos liefen, blieben jedoch ohne sichtbaren Erfolg. S. verfolgte im Westen jedoch vorerst eine friedliche Politik, erneuerte bei Regierungsantritt den Vertrag mit Ragusa und schloß im Oktober 1513 einen Vertrag mit Venedig. Nach der Eroberung Ägyptens wurden den Venezianern ihre dortigen Handelsprivilegien bestätigt, und Venedig zahlte fortan den Tribut für Zypern an die Osmanen. Mit Ungarn wurde 1513 ein Waffenstillstand geschlossen, trotzdem kam es aber zu Übergriffen. Gegen Ende seiner Regierungszeit schien sich S. seinen christlichen Gegnern zuzuwenden. Mit Hilfe des früheren Mamluken-Admirals Salman Reis forcierte er den Ausbau der Flotte, deren nächstes Angriffsziel wohl Rhodos sein sollte. Im Frühsommer 1520 hatte er den Pfortentruppen den Befehl gegeben, nach Edirne auszurücken. Als er ihnen nachzog, starb er plötzlich. Der kriegstüchtige S. hat das Osmanenreich zur politischen Vormacht der sunnitischen Orthodoxie und darüber hinaus zur Weltmacht, deren Bereich sich über drei Kontinente erstreckt, gemacht. S. ist auch als Dichter berühmt und hinterließ einen persischen Diwan. Er selbst und seine Taten sind Gegenstand vieler „Selimname“ genannter Bücher geworden.

Literatur

Edhem, Halīl: Sultan Selim l. ägyptischer Feldzug. Weimar 1916.
Hartmann, Martin: Das Privileg Selims I. für die Venezianer von 1517. In: Orientalistische Studien Fritz Hommel zum 60. Geburtstag 1914 gewidmet. Bd 2. Leipzig 1918, 210-222.
Jansky, Herbert: Die Eroberung Syriens durch Sultan Selim I. In: Mitteilungen zur osmanischen Geschichte 2 (1923/26) 173-241.
Ders.: Die Chronik des Ibn Tulūn als Geschichtsquelle über den Feldzug Sultan Selīms I. gegen die Mamluken. In: Der Islam 18 (1929) 24-33.
Speiser, Marie Thérèse: Das Selimname des Sa‘dī b. ‘Abd ül-Müte’āl. (Diss.) Zürich 1946.
Sohrweide, Hanna: Der Sieg der Safaviden in Persien und seine Rückwirkung auf die Schiiten Anatoliens im 16. Jahrhundert. In: Der Islam 41 (1965) 95-223.
Tansel, Selāhattin: Yavuz Sultan Selim. Ankara 1969.
Altundağ, Şinasi: Selim l. In: Islam Ansiklopedisi. Bd 10. Istanbul 1971(2), 423-434.

Verfasser

Klaus Schwarz (GND: 131706578)


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