Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

Schlözer, August Ludwig von
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Schlözer, August Ludwig von

Schlözer, August Ludwig von, deutscher Historiker und Aufklärer, * Gaggstatt (Franken) 05.07.1735, † Göttingen 09.09.1809.

Leben

Als Sohn eines protestantischen Pfarrers besuchte Sch. die traditionelle lutherische Hochschule Wittenberg, von der er im Frühjahr 1754 nach Göttingen übersiedelte. Verehrtes Idol und Sch. die Richtung weisender Lehrmeister wurde der Theologieprofessor Johann David Michaelis, der Sch. mit seinem Projekt einer Erforschung der morgenländischen Sprachen rasch zu begeistern vermochte. In Konzentration auf die Sprachwissenschaft und Sprachvergleichung prägte Sch. als erster den Begriff der semitischen Sprachen und Völker. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Stockholm (1756-1759), der ihm für die Erforschung der nordischen Geschichte und Sprachen sehr nützlich war, ging er 1761 einem Angebot folgend an die Petersburger Akademie der Wissenschaften, an der er 1765 die Anstellung als Professor für die alte Geschichte Rußlands erreichte und im selben Jahr von Katharina II. zum Mitglied der Akademie ernannt wurde. Aus dem Theologen der Aufklärungszeit wurde hier der kritische Historiker und Begründer der Slawistik geboren, der nicht nur mit seinen Werken sondern noch vielmehr mittels seiner umfassenden Betrachtungsweise des riesigen, von ihm bearbeiteten Stoffes seinen Kollegen und Schülern eine Fülle von Anregungen hinterließ, die in ihrer Auswirkung den Boden für die geschichtliche Ost- und Südostforschung legten. Mit der „Probe russischer Annalen“ (Göttingen 1768) wies Sch. erstmals auf die weitverzweigte slawische Gemeinschaft hin, die er dann in seiner „Allgemeinen Nordischen Geschichte“ (Halle 1771) systematischer noch zur Darstellung brachte. Mit Sch.s wissenschaftlich entdecktem slawischen Völkersystem war die Slawistik als neuer Zweig der Wissenschaft entstanden; ihre Pioniere, Josef Dobrovský und Bartholomäus Kopitar, bauten ihre Arbeiten auf den von Sch. aufgezeigten Zusammenhängen auf, die später den Anhängern des Panslawismus als wissenschaftliche Stützte der von ihnen geforderten Einheit aller Slawen diente. Im Jahre 1767 kehrte Sch. nach Göttingen zurück und erhielt dort 1770 die von ihm so begehrte ordentliche Professur. Er begann nun seine vielbesuchten Vorlesungen zu halten, über allgemeine Weltgeschichte, Politik, Staatslehre (mit der er die Unterscheidung von Staat und Gesellschaft in Deutschland einführte), Statistik, Publizistik (die wir heute als Soziologie bezeichnen würden). Wie seine Vorlesungen mehr auf die Erziehung zum politischen Leben im Sinne der neuen Humanitätsideen und weniger auf Wissensvermittlung abzielten, so veröffentlichte Sch. in seinen überall gelesenen „Staatsanzeigen“ (1772-1793) Nachrichten aus aller Welt, auch aus Südosteuropa und sehr viele aus Ungarn, um Mißstände aufzudecken und mit ihrer Kritik den modernen Geist überallhin zu verbreiten. Im großen Kreis seiner Schüler befand sich auch eine Anzahl junger ungarischer Protestanten, die in immer größerem Ausmaß Göttingen zu ihrem Studienort erwählten; unter ihnen so bedeutende Männer wie: György Besseny ei, der Begründer des neueren magyarischen Sprachtums, und Johann Christian von Engel, der die Anregungen seines Meisters unmittelbarin seinen ungarischen Geschichtswerken zu verwerten verstand. Denn Sch.s „Allgemeine Nordische Geschichte“ behandelte auch die südosteuropäische Volksgeschichte zum ersten Mal als zusammenhängendes Ganzes und in Verbindung mit der allgemeinen europäischen Geschichte. Dieses Werk war für Ungarn auch deshalb von größerer Bedeutung, weil Sch.s Hinweis, daß das Land Ungarn „ein so sonderbares Gemisch von ganz verschiedenen Nationen“ und „noch heutzutage fast in allen seinen Provinzen mit Slawen angefüllt“ sei, seine geistig wie politisch belebende Wirkung auf die Slawen des Donauraumes ungemein verstärkte. Von großer Bedeutung waren seine Anregungen auf dem Gebiet der Sprachforschung, die er als Hilfswissenschaft zur Erklärung historischer Vorgänge heranzog, denn Sch. erkannte bereits 1771 als erster den Umfang der ural-altaischen Sprachverwandtschaften und verglich die Sprache der Wogulen und Ostjaken mit der der Magyaren. Sch. hat in dieser Richtung den ungarischen Sprachforscher Sámuel Gyarmathi eingehend beraten. Noch zweimal wandte sich Sch. in seinen Forschungen Themen der südosteuropäischen Geschichte zu. Seine dreibändige „Kritische Sammlungen zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen“ (Göttingen 1795/97), die Sympathien und das Interesse, die er diesem deutschen Volksstamm entgegenbrachte, machten Sch. zum Begründer südostdeutscher Volksgeschichte. 1797 erschien sodann seine Studie „Origines Osmanicae“ unter dem Titel „Kritisch-historische Nebenstunden“, womit er wiederum als erster in Deutschland eine Historiographie über die Osmanen auf dem Boden der von ihm wesentlich mitgeschaffenen kritischen Methodik und Quellenkritik in die Wege geleitet hat. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Sch. ganz den Problemen, von denen er als Historiker ursprünglich ausgegangen war, nämlich der russischen Geschichtsschreibung, für die er mit der quellenkritischen Herausgabe der Kiever Nestorchronik die Ausgangspositionen abgesteckt hat (5 Bde, 1802/09). Sch. hat durch seine Wirksamkeit sowohl als Publizist als auch als Wissenschaftler und akademischer Lehrer Entscheidendes für die Entfaltung der Aufklärung im Donauraum geleistet, die Entwicklung der Historiographie bei den Völkern dieses Raumes maßgeblich beeinflußt und vorangetrieben, sowie überhaupt das wissenschaftlich-historische Interesse für Ost- und Südosteuropa mitbegründet.

Literatur

Teutsch, Friedrich: Rede zur Eröffnung der 48. Generalversammlung des Vereins für siebenbürgische Landeskunde. A. L. Schlözers Kritische Sammlungen zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen. In: Arch. Ver. siebenbürg. Landeskde 27 (1897) 263-330.
Fürst, Friederike: August Ludwig von Schlözer. Heidelberg 1928.
Farkas, Julius von: August Ludwig Schlözer und die finnisch-ugrische Geschichts-, Sprach- und Volkskunde. In: Ural-Altaische Jb. 24 (1952) 1-22.
Winter, Eduard (Hrsg.): August Ludwig von Schlözer und Rußland. Berlin 1961.
Ders. (Hrsg.): Lomonosov, Schlözer, Pallas. Deutsch-russische Wissenschaftsbeziehungen im 18. Jahrhundert. Berlin 1962.
H. Balázs, Éva: A magyar jozefinisták külföldi kapcsolataihoz. (Schlözer és magyar tanítványai). In: Századok 97 (1963) 1187-1204.
Neubauer, Helmut: August Ludwig Schlözer (1735-1809) und die Geschichte Osteuropas. In: Jb. Gesch. Osteuropas N.F. 18 (1970) 205-230.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)

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Weiterführende Information (Deutsche Biographie): https://www.deutsche-biographie.de/pnd118608339.html


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Empfohlene Zitierweise: Gerhard Seewann, Schlözer, August Ludwig von, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 91-92 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1630, abgerufen am: (Abrufdatum)

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