Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Ribar, Ivan

Ribar, Ivan, jugoslawischer Politiker, * Vukmanić (Kordun) 21.01.1881, † Belgrad 02.02.1968.

Leben

 R. absolvierte das Gymnasium in Karlstadt (Karlovac) und studierte anschließend Jurisprudenz in Wien, Prag und Zagreb, wo er 1904 das Doktorat erwarb. Danach war er mit Unterbrechungen als Rechtsanwalt tätig. Seine politische Entwicklung wurde einerseits durch die praktische Erfahrung in der Opposition gegen das Regime des Bans Khuen-Héderváry (bis 1903), andererseits durch die Bekanntschaft mit den Lehren Tomáš Garrigue Masaryks sowie durch zahlreiche politische Kontakte zu Frano Supilo, Josip Juraj Strossmayer, Jovan Skerlić und Vertretern der „Omladina“- und „Sokol“-Bewegung in- und außerhalb seiner Heimat bestimmt. Überwindung des kroatisch-serbischen Antagonismus, Kampf gegen den Klerikalismus und die „Madjaronen“-Herrschaft in Kroatien, Reinkorporation Dalmatiens sowie Demokratisierung des politischen und wirtschaftlichen Lebens bildeten die wichtigsten Teilziele seines auf nationale Selbstbestimmung ausgerichteten Programms. Daneben schwebte ihm schon früh die Vereinigung aller Südslawen in einem gemeinsamen Staat als Fernziel vor. Ende 1904 beteiligte er sich an der Gründung der „Kroatischen Fortschrittspartei“ (Hrvatska napredna stranka), die nach zwei Fusionen (1906 und 1910) ihren Namen in „Kroatische Vereinigte Unabhängige Partei“ (Hrvatska ujedinjena samostalna stranka) änderte und ab Ende 1905 zur „Kroatisch-serbischen Koalition“ gehörte. 1913 wurde R. als Mitglied des linken Flügels der Koalition in den Zagreber Landtag und dort zum Delegierten für das ungarisch-kroatische Parlament in Budapest gewählt. Während des Ersten Weltkrieges war er zur österreichisch-ungarischen Armee eingezogen. Nach seiner vorzeitigen Rückkehr von der Front übernahm er im Herbst 1917 den Vorsitz des lokalen „Volksrates“ in Djakovo und wurde im folgenden Jahr Mitglied im Exekutivausschuß des „Nationalrates“ in Zagreb. Der militärische Zusammenbruch der Doppelmonarchie schien schließlich den Weg zur nationalen Integration der südslawischen Völker freizumachen. Ende 1918 stimmte R. für den sofortigen Zusammenschluß Kroatiens mit dem Königreich Serbien und avancierte kurz darauf (im März 1919) zum Vizepräsidenten der Provisorischen Volksversammlung im neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Als Anhänger eines integralen „Jugoslawismus“ beteiligte er sich neben Ljubomir Davidović u.a. an der Gründung der „Demokratischen Partei“ (Demokratska stranka, DS) und wurde stellvertretender Parteichef. Von Dezember 1920 bis Oktober 1922 führte er den Vorsitz in der Verfassunggebenden Versammlung (bzw. im regulären Parlament) in Belgrad. Seine „jugoslawische“ Konzeption kollidierte jedoch zunehmend mit den großserbischen Hegemoniebestrebungen der altserbischen Politiker. Er unterstützte daher Davidovićs Verständigungsbemühungen mit Stjepan Radić und befürwortete den Beitritt der DS zur Ende 1927 gebildeten oppositionellen Koalition von „Kroatischer Bauernpartei“ und „Selbständiger Demokratischer Partei“. In der Zeit der Königsdiktatur löste er sich endgültig von der unitaristischen Konzeption und sprach sich für einen föderalistischen Staatsaufbau aus. Als Führer des linken Flügels der DS unterstützte er ab 1935 die Pläne zum Aufbau einer Volksfrontbewegung und machte sich als Verteidiger prominenter Mitglieder der illegalen KPJ einen Namen. Dies brachte ihn in Konflikt mit den Führern der bürgerlichen Oppositionsparteien, die ihn vor den Wahlen 1938 aus den Reihen der „Vereinigten Opposition“ ausschlossen. Ein Mandat konnte er daraufhin nicht erringen. Nach der Teilnahme am Aprilkrieg 1941 kehrte R. illegal in das besetzte Belgrad zurück, wo er mit Josip Broz-Tito Gespräche über den Aufbau der „Volksbefreiungsbewegung“ führte und Kontakte zu den Oppositionspolitikern knüpfte. Im Sommer 1942 begab er sich in das von den Partisanen befreite Gebiet und trat der KPJ bei. Zusammen mit Moša Pijade, Ivan Milutinović, Veselin Masleša und seinem Sohn Ivan-Lola R. (23.04.1916- 27.11.1943) wurde er in den Vorbereitungsausschuß für die Gründung des „Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) delegiert. Dieser wählte ihn auf seiner 1. und 2. Sitzung (im November 1942 bzw. am 29.11.1943) zum Präsidenten des Vollzugsausschusses. In dieser Eigenschaft war er maßgeblich an den Vorbereitungen zur politischen und gesellschaftlichen Umgestaltung Jugoslawiens nach dem Krieg und an den Gesprächen Tito-Šubašić im Juni 1944 auf der Insel Vis beteiligt. Im Oktober dieses Jahres wurde er zum Präsidenten der Provisorischen Volksversammlung, Ende November 1945 zum Vorsitzenden des Verfassunggebenden Parlaments gewählt. Nach Verabschiedung   der neuen Konstitution am 30. Januar 1946 blieb er Präsident des regulären Parlaments bis 1953; sein Abgeordnetenmandat übte er bis 1963 aus. Als Akteur und Beobachter der entscheidenden Wendepunkte in der jugoslawischen Geschichte nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat R. eine Reihe aufschlußreicher Erinnerungen und politischer Abhandlungen hinterlassen. 1939 erschien in Belgrad seine kleine Schrift über die kroatisch-serbischen Beziehungen in der Vergangenheit (Hrvatsko-srpski odnosi u prošlosti), nach dem Krieg folgten seine politischen Aufzeichnungen (Politički zapisi, 4 Bde, Belgrad 1948/52), seine beiden Memoirenwerke (Uspomene iz NOB-e, Belgrad 1961 und Iz moje političke suradnje, Zagreb 1965) sowie eine Abhandlung über den Kommunismus im alten Jugoslawien (Stara Jugoslavija i komunizam, Zagreb 1968).

Literatur

Milutinović, Kosta: Dr. Ivan Ribar. Sisak 1968.

Verfasser

Holm Sundhaussen (GND: 120956055)


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