Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Rainer Ferdinand [Österreich]

Rainer Ferdinand, Erzherzog, österreichischer Ministerpräsident, * Mailand 11.01.1827, † Wien 27.01.1913, dritter Sohn des Erzherzog Rainer Joseph (1783-1852), der als Vizekönig 1817-1848 Lombardei-Venetien regierte, und der Marie Elisabeth von Savoyen-Carignan, Enkel Kaiser Leopolds II.

Leben

 Nach dem Dienste in der österreichischen Armee (1854 Oberst), der er formell und später wiederum auch aktiv weiter angehörte, wurde R. als Vertrauter Kaiser Franz Josephs 1857 zum Präsidenten des ständigen Reichsrates ernannt. Durch sein aufrichtiges Streben nach einem den Ausgleich mit Ungarn ermöglichenden Konstitutionalismus erwarb sich R. bald den Ruf eines überzeugten Trägers des Liberalismus und des Freisinns im Kaiserhaus, der den Kaiser in dieser Richtung hin zu beraten suchte und von diesem im Maße der zunehmenden Zerrüttung des neoabsolutistischen Systems mit politischen Aufgaben betraut wurde. Als der Kaiser am 29. Mai 1859 nach dem italienischen Kriegsschauplatz aufbrach, bestimmte er R. zu seinem Vertreter in Wien. Als Präsident des nach der Niederlage in Italien verstärkten Reichsrates nahm R. an den Ministerkonferenzen teil und beauftragte im September 1860 den Finanzminister Ignaz Freiherrn von Plener, den Entwurf für das allerhöchste Handschreiben vom 17. Juli 1860 zu verfassen, mit dem die österreichische Verfassungsära begann und das dem Reichsrat das Recht der Zustimmung und Bewilligung von Steuern und sämtlicher staatlicher Finanz- und Kreditoperationen gewährte. Anstelle des Grafen Rechherg übernahm R. am 4. Februar 1861 die „Leitung der Geschäfte des Ministerrates“, wodurch auch um des angestrebten Ausgleichs mit Ungarn willen die Stellung des Ministerpräsidenten faktisch abgeschafft wurde. Zugleich wollte Franz Joseph mit diesem Schritt seinen Einfluß auf den mittlerweilen konstitutionell gestärkten Ministerrat erneut befestigen und auch R. selbst hat sich während seiner vierjährigen Amtszeit stets als Platzhalter des Kaisers betrachtet und aufgeführt. So verkörperte die Funktion R.s den noch ungebrochenen auto- kratischen und absoluten Herrscherwillen Franz Josephs, der die Regierung als sein persönliches Machtinstrument betrachtete und den im Kabinett R. die Richtung bestimmenden Anton Ritter von Schmerling, dem R. politisch ganz ergeben war, nur so lange gewähren ließ, als dessen Wirken seinen Intentionen unmittelbar zu entsprechen vermochte. Das Festhalten des Staatsministers Schmerling an der Rechtsverwirkungstheorie der ungarischen Verfassung von 1848 stand inmitten geänderter außenpolitischer Verhältnisse den Ausgleichsbemühungen des Monarchen entgegen und bewirkte seinen Sturz. Das Kabinett Rainer-Schmerling trat am 26. Juni 1865 zurück und wurde von Richard Graf Belcredi abgelöst. An der Seite seines Schwagers Erzherzog Albrecht nahm R. am italienischen Feldzug 1866 teil und reorganisierte danach die zisleithanische Landwehr, deren Oberkommandant er lange Zeit verblieb. . Im öffentlichen Leben der Monarchie trat R. vor allem als Förderer von Kunst und Wissenschaften hervor: ab 1861 als Kurator der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien, der er 1884 durch Kauf die von Theodor Graf in El-Fayum aufgefundene und umfangreiche, später nach ihm benannte, Papyrus-Sammlung sicherte, sowie ab 1863 als Protektor des österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien. 1873 hatte er zudem die Präsidentschaft der Wiener Weltausstellungskommission inne.

Literatur

Franz, Georg: Liberalismus. Die deutschliberale Bewegung in der habsburgischen Monarchie. München 1956.
Rumpler, Helmut: Ministerrat und Ministerratsprotokolle 1848-1867. Behördengeschichtliche und aktenkundliche Analyse. Wien 1970. = Die Protokolle des österreichischen Ministerrates 1848-1867. Einleitungsbd.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)


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