Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Mihailović, Draža Dragoljub

Mihailović, Draža Dragoljub, jugoslawischer Kriegsminister und Führer des national-serbischen Widerstands im Zweiten Weltkrieg, * Ivanjica 27.04.1893, † Belgrad 17.07.1946.

Leben

 Seine Militärlaufbahn begann M. 1910 mit dem Eintritt in die serbische Militärakademie und der Teilnahme an den beiden Balkankriegen und dem Ersten Weltkrieg. Anschließend absolvierte er die Generalstabsausbildung und füllte in der Zwischenzeit verschiedene Funktionen (als Militärattache in Sofia und Prag sowie als Kriegsschullehrer) aus. 1939/40 entwickelte er eine Theorie der Verteidigung Jugoslawiens in der Tiefe des eigenen Landes und geriet dadurch in Konflikt mit dem damaligen Kriegsminister Milan Nedić.  Nach der Abfassung eines zusätzlichen Memorandums über die Guerillaverteidigung wurde er disziplinarisch bestraft und auf einen einflußlosen Posten versetzt. Bei Beginn des Überfalls der Achsenmächte auf Jugoslawien im April 1941 war er als Kommandeur einer motorisierten Abteilung der 2. Armee in Doboj zugleich Stabschef für die Verteidigung Sarajevos. Die bedingungslose Kapitulation der jugoslawischen Armee am 17. April erkannte er nicht an, sondern zog sich - zum weiteren Widerstand entschlossen - in die Ravna Gora nach Westserbien zurück. Ende Mai kam es zur Bildung der ersten spontanen serbischen Widerstandsgruppen, die eng mit der traditionellen Četnici-Organisation verbunden waren. Seit dem Spätsommer beanspruchte M. die Führung dieser Verbände und bezeichnete seinen Stab als „Hauptquartier der militärischen Četnici-Abteilungen Jugoslawiens“. M.s Strategie beruhte auf dem Konzept einer kombinierten Operation von nationaler Widerstandsbewegung und alliiertem Großangriff auf dem Balkan und setzte - in Auswertung der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg - die Neubildung einer Art Salonikifront voraus. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte eine schlagkräftige Organisation aufgebaut und die Position der Besatzungsmächte durch Sabotageakte geschwächt werden. Offenen breitangelegten Widerstand lehnte M. wegen der zu erwartenden Repressalien der Okkupationsmächte zunächst ab (Politik des „Attentismus“) und geriet nicht zuletzt dadurch in Konflikt zu der von der KPJ geführten zweiten Widerstandsbewegung im Lande. Als Monarchist erstrebte er die politische Restauration eines vergrößerten Jugoslawien mit Serbien - Montenegro, Bosnien, die Herzegowina, Syrmien, Banat und Bačka eingeschlossen - als Mittelpunkt. Durch die allem Anschein nach beabsichtigte „Säuberung“ Großserbiens von den nationalen Minderheiten (Kroaten, Muslimen, Ungarn und Deutschen) gab er seiner Bewegung außer einer ethnisch-einseitigen Zusammensetzung ein stark nationalistisches Gepräge. Nachdem die im September/Oktober 1941 hergestellten Kontakte zwischen beiden Widerstandsbewegungen infolge der unterschiedlich politisch-sozialen Zielsetzung gescheitert waren, kam zur Frontbildung nach außen die bürgerkriegsähnliche Situation im Innern. Die daraufhin Mitte November aufgenommenen Geheimgespräche zwischen Vertretern der M.-Bewegung und der deutschen Besatzungsmacht führten jedoch zu keinen greifbaren Ergebnissen, da Hitler die rein militärische „Lösung“ des Widerstandsproblems einer politischen Alternative vorzog. Anfang Dezember 1941 führte die 342. dt. Infanterie-Division die „Operation Mihailović“ gegen das Hauptquartier der Četnici in der Ravna Gora durch, ohne einen entscheidenden Erfolg erzielen zu können. Weitere Unternehmen (so die Operationen „Forstrat“, „Schwarz“ „Morgenluft“ u. a.) folgten. Die Stärke der M.-Bewegung ist unbekannt. Sie wurde deutscherseits im August 1942 wahrscheinlich überhöht auf 100 000, im Februar 1943 sogar auf 150 000 geschätzt. Nach neueren jugoslawischen Angaben betrug ihre Zahl zwischen September 1943 und April 1944 60 000 Mann. Bereits am 7. Dezember 1941 war M. zum Brigadegeneral, am 11. Januar 1942 zum Kriegsminister im jugoslawischen Exilkabinett sowie zum Kommandanten der „Jugoslawischen Armee in der Heimat“ und am 19. Januar zum Divisionsgeneral ernannt worden. Bis in die zweite Hälfte 1943 genoß er die relativ bescheidene materielle und propagandistische Unterstützung der Alliierten. Dennoch gelang ihm der straffe Aufbau seiner Organisation nicht, so daß einzelne Četnici-Gruppen bereits ab Herbst 1941 zur offenen Zusammenarbeit mit den Besatzungsmächten übergingen. Hinzu kam, daß M. der Doppelstrategie gegen den äußeren wie inneren Gegner nicht gewachsen war und daher immer stärker zur Kooperation mit den Besatzungsmächten und ihren Helfern im Lande tendierte, um sich für die Zeit nach dem sicher erwarteten Zusammenbruch der Achse das politisch-militärische Übergewicht in Jugoslawien zu sichern. Seinen Unterführern überließ er in dieser Hinsicht weitgehende Verhandlungsfreiheit, ohne sich selber direkt zu kompromittieren. Mit der vom Dritten Reich eingesetzten Nedić-Regierung in Serbien kam es bereits 1941 zu einer teilweisen Verständigung. Es folgten Absprachen mit den italienischen Kommandeuren in Montenegro, Dalmatien und der Herzegowina sowie mit der Ustaša-Regierung in einigen Gebieten Bosniens. Das militärische Ziel dieser rein taktisch verstandenen Zusammenarbeit war der gemeinsame Kampf zur Paralysierung und schließlichen Eliminierung der von der KPJ geführten Volksbefreiungsbewegung. Ab Herbst 1943 gingen auch die deutschen Okkupationstruppen - trotz der grundsätzlich anders lautenden Befehle Hitlers - zu Aktionsbündnissen mit den Četnici-Abteilungen über. Da M. das Schwergewicht seines Kampfes immer stärker auf den inneren Gegner im Widerstand verlagert hatte und durch die nationalistischen Ausschreitungen der Četnici gegen Muslime und Kroaten schwer belastet worden war, ließen ihn die Alliierten nach der Konferenz von Teheran (28.11 - 01.12.1943) fallen. Von einem spürbaren Widerstand gegen die Besatzungsmächte kann von da an keine Rede mehr sein. M. hat sich durch seinen militanten Antikommunismus und groß- serbisch-restaurativen Nationalismus aus dem Widerstand heraus und in die Kooperation mit dem Dritten Reich und seinen Verbündeten hineinmanövriert. Nach Beendigung des Krieges wurde er vor ein jugoslawisches Militärgericht gestellt und als Verräter und Kriegsverbrecher am 17. Juli 1946 hingerichtet.

Literatur

The Treason of Mihailović. Ed. Yugoslav Embassy Information Office. London 1945.
David, Martin u. Ally Betrayed: The Uncensored Story of Tito and Mihailović. New York 1946.
Izdajnik i ratni zločinac Draža Mihailović pred sudom. Stenografske beleške sa sudjenja Dragoljubu-Draži Mihailoviću. Beograd 1946.
Lazitch, Branko: La tragédie du géneral Draja Mihailovitch. Paris 1946.
Saitz, A.: Michailovich - Hoax or Hero? Columbus 1953.
Knežević, R.: Knjiga o Draži. 2 Bde. Windsor 1956.
Stanisavljević, Djuro: Pojava i razvitak četnickog pokreta u Hrvatskoj 1941-1942. god. In: Istorija XX veka, Zbornik radova 4 (1962) 5-140.
Avakumović, Ivan: Mihailović prema nemačkim dokumentima. London 1969.
Roberts, Walter R.: Tito, Mihailović and the Allies, 1941-1945. New Brunswick, New Jersey 1973.
Tomasevich, Jozo: War and Revolution in Yugoslavia, 1941 - 1945. The Chetniks. Stanford/Calif. 1975.

Verfasser

Holm Sundhaussen (GND: 120956055)


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