Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Mehmed Fuad Pascha, Keçecizade

Mehmed Fuad Pascha, Keçecizade, osmanischer Staatsmann der Reformzeit, * Istanbul 17.01. (?) 1815, † Nizza 12.11.1869, sein Vater war der türkische Dichter Izzet Molla, seine Mutter Hibetullah eine Nachkommin des Großwesirs Merzifonlu Kara Mustafa Pascha (1683 vor Wien).

Leben

F. erhielt zunächst die klassische Ausbildung, besuchte dann aber die Medizinalschule (mekteb-i tıbbiye) in Istanbul und begleitete 1835 als Regimentsarzt (Çengeloğlu Tahir Pascha auf seiner Expedition nach Tripoli (Libyen). Drei Jahre später kehrte er nach Istanbul zurück und trat, gefördert durch Mustafa Reşid Pascha, in das Übersetzungsbüro (tercüme odası) der Pforte ein. 1841-1844 gehörte er als erster Sekretär der osmanischen Botschaft in London an, 1845 überbrachte er im Namen von Sultan Abdülmecid I. der spanischen Königin Isabella Glückwünsche und Geschenke, 1847 wurde er erster Sekretär des Ministerrates (âmedî). Die Revolution von 1848 führte ihn zusammen mit Ömer Lȗtfî Pascha nach Bukarest, wo er sich um gute Beziehungen zur russischen Besatzungsarmee unter General Aleksandr Nikolaevič Lüders bemühte. Als jedoch im folgenden Jahr Flüchtlinge aus Ungarn die türkische Grenze überschritten und der russische Gesandte Vladimir Pavlovič Titov wie auch der österreichische Internuntius Bartholomäus Graf Stürmer unter Androhung des Abbruches der Beziehungen ihre Auslieferung forderten, stärkte er den Widerstand der Pforte gegen ein solches Begehren. Er eilte im September 1849 als außerordentlicher Botschafter nach St. Petersburg, und es war weitgehend sein Verdienst in Gesprächen mit Zar Nikolaus I. und Außenminister Nesselrode, daß Rußland sich zu weiteren Verhandlungen mit der Pforte bereiterklärte und die Flüchtlingsfrage im osmanischen Sinne gelöst werden konnte. 1852 verhandelte er im Aufträge von Mustafa Reşid Pascha mit dem ägyptischen Vali Abbas Pascha, erreichte u. a. eine Erhöhung des ägyptischen Tributes an die Pforte und wurde selbst reich beschenkt. Im August 1852 wurde er unter Ali Pascha zum erstenmal Außenminister. In der Frage der Heiligen Stätten in Jerusalem neigte er der französischen Auffassung zu, erregte damit die Feindschaft Rußlands, dessen außerordentlicher Gesandter Fürst Aleksandr Sergeevič Menšikov ihn während seines Aufenthalts in Istanbul nicht besuchte, und trat im März 1853 von seinem Posten zurück. Mehr Erfolg hatte er nach dem Ausbruch des Krimkrieges bei der Wiederherstellung der Ordnung an der griechischen Grenze in den Sandschaken Janina und Trikala (1854). Noch während er dort weilte, wurde er Mitglied des Obersten Tanzimat-Rates (meclis-i âli-i tanzimat), für kurze Zeit auch dessen Vorsitzender und im Mai 1855 erneut Außenminister, wobei ihm der Rang eines Paschas verliehen wurde. Zusammen mit Ali Pascha gilt er als Initiator des Reformdekrets (hatt-i hümayun) vom 28. Februar 1856. Mit dem Sturz des Kabinetts Ali Pascha auf Druck der englischen Regierung endete diese zweite Amtstätigkeit. Im September 1857 erneut Vorsitzender des Obersten Tanzimat-Rates, wurde M. im Januar 1858 im neuen Kabinett Ali Pascha wiederum Außenminister. Im Sommer des gleichen Jahres nahm er, selbst Gegner der Unionsbestrebungen, als Delegierter an der Pariser Konferenz über die Zukunft der rumänischen Fürstentümer teil. Im Juli 1860 wurde er mit außerordentlichen Vollmachten zur Niederschlagung der Unruhen nach Syrien entsandt, während die Großmächte die Aufstellung eines Hilfskorps beschlossen, das am Ende nur von Frankreich gestellt wurde. Vor allem aus Furcht vor einer umfänglicheren Intervention Europas griff M. hart durch, ließ den Armeekommandeur und den Vali sowie mehr als 100 Gendarmeriebeamte erschießen und mehr als Tausend Drusen verbannen, einige von ihnen nach Vidin, wo sie Felix Kanitz traf. Für den Libanon wurde eine von den Großmächten akzeptierte autonome Verwaltung geschaffen, und die Franzosen räumten Beirut. Im Juli 1861 wurde M. von dem neuen Sultan Ahdülaziz mit dem Vorsitz des mit dem Tanzimat-Rat vereinigten Obersten Justizrates (meclis-i vâlâ-ı ahkâm-ı adliye) betraut; wenige Tage darauf wurde er zum viertenmal Außenminister und am 22. November 1861 Großwesir. Seine Bemühungen um einen ausgeglichenen Staatshaushalt und um Einziehung des Papiergeldes (kaime) waren nicht von Erfolg gekrönt, doch verschaffte er seiner Regierung auf den internationalen Börsenmärkten eine Atempause. Anfang 1863 trat er zurück, wurde erneut Vorsitzender des Justizrates, dann Kriegsminister, begleitete Abdülaziz auf seiner Reise nach Ägypten und wurde bereits am 1. Juni 1863 unter Beibehaltung seines Amtes als Kriegsminister zum zweitenmal Großwesir. In diese Zeit fallen die wachsende Verschuldung des Osmanischen Reiches, der er mit der bekannt ungeeigneten Methode der Steuererhöhungen zu begegnen suchte, und die Erweiterung der Privilegien für den ägyptischen Vizekönig, die von vielen Seiten getadelt wurde. Sein größtes Verdienst war die Einleitung der Verwaltungsreform 1864 durch Schaffung des Donauwilajets unter Midhat Pascha, die im allgemeinen so gute Erfolge zeitigte, daß man sie 1867 auf den größten Teil des Osmanischen Reiches ausdehnte. Die Absetzung M.s von seinen Ämtern als Großwesir und Kriegsminister im Juni 1866 wurde durch seinen Gegensatz zu Abdülaziz veranlaßt, dessen Heiratspläne mit einer Tochter des ägyptischen Statthalters er kritisiert hatte. Im Februar 1867 in einem neuen Kabinett Ali Pascha zum fünftenmal Außenminister, begleitete er seinen Monarchen auf dessen Europareise - die erste eines osmanischen Herrschers überhaupt und von ihm angeregt und durchgesetzt - und bemühte sich, den Sultan vor Verstößen gegen dortige Etikette und gute Sitten zu bewahren. Der Abtretung von Kreta, das von Aufständen geschüttelt wurde, widersetzte er sich und erklärte, daß es erst eines neuen Navarino bedürfe, um die Pforte zu einer solchen Demütigung zu zwingen. Bald darauf an einem Herzübel ernsthaft erkrankt, reiste er im Winter 1867/68 über Italien an die Riviera und starb in Nizza.

Literatur

Stambul und das moderne Türkenthum. Politische, sociale und biographische Bilder von einem Osmanen. Neue Folge. Leipzig 1878.
Bamberg, Felix: Geschichte der orientalischen Angelegenheit im Zeitraume des Pariser und des Berliner Friedens. Berlin 1892.
Inal, Ibnülemin Mahmud Kemal: Osmanlı devrinde son sadrıazamlar. Istanbul 1940/50.
Karal, Enver Ziya: Osmanlı tarihi. Bd 6-7. Ankara 1954-56.
Baysun, Cavid: Cevdet Paşa: Tezâkir 1-40. 4 Bde. Ankara 1953/67.
Davison, Roderic H.: Reform in the Ottoman Empire, 1856-1876. Princeton 1963.

GND: 131861689

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