Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

Luther, Martin
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Luther, Martin

Luther, Martin, deutscher Reformator, * Eisleben 10.11.1483, † ebd. 18.11.1546, aus thüringischer Bauernfamilie.

Leben

 Die von L. ausgegangene Anregung zur notwendigen Reform der Kirche hatte zum Zeitpunkt seines Todes bereits eine unüberbrückbare Spaltung bewirkt und den Aufbau getrennter Kirchengemeinschaften unvermeidlich gemacht. Die reformatorische Bewegung L.s ergriff große Teile Deutschlands, den baltischen Raum, Skandinavien und zunächst auch alle ostmittel- und südosteuropäischen Länder, die kirchlich und kulturell an den Westen gebunden waren. Vorbereitet durch den Humanismus, frühzeitig und laufend informiert durch deutsche Kaufleute, Diplomaten, Wanderprediger und Studenten ließen sich viele Ungarn, Slowaken, Slowenen, Kroaten, Bewohner der polnisch-litauischen Länder und fast alle Deutschen in diesen Gebieten für das Luthertum gewinnen. In Siebenbürgen und der Ukraine ergaben sich sogar Kontakte mit der orthodoxen Kirche, die allerdings keine wesentlichen Wirkungen hatten. In der 2. Hälfte des 16. Jh.s, in der sich die Verbreitungsgebiete der Konfessionen einigermaßen konsolidierten, verlor das Luthertum allerdings an Terrain: Die Polen wurden rekatholisiert. Die Magyaren gingen größtenteils zum kalvinischen oder unitarischen Bekenntnis über, einige banden sich auch konfessionell an das Haus Habsburg. In Österreich wurde die reformatorische Bewegung systematisch und mit Erfolg zurückgedrängt. Bei den Kroaten kam die Reformation nicht über Anfänge hinaus. Die Orthodoxen blieben durchwegs ihrer Kirche treu; die Förderung des Luthertums in der Moldau unter Despot Vodă war ein Zwischenspiel. Eine dauernde Anhängerschaft und feste kirchliche Institutionen fand das Luthertum schließlich bei den Slowenen und Slowaken, vor allem aber überall dort, wo Deutsche lebten: in Westungarn, den Bergstädten, der Zips, in Siebenbürgen und allgemein in den Städten. L. hat seinen Einfluß auf Südosteuropa durch persönliche Beziehungen unterstützt. In dem großen Haus, das er seit seiner Heirat 1525 führte, besuchten ihn Gäste aus aller Welt. Der „ungarische Luther“, Mátyás Bíró Dévai, fand während seines Wittenberger Studiums bei L. Kost und Wohnung. 1532 lud L. einen „Doktor aus der Moldau“ ein, um mit ihm die Herausgabe von religiösen Schriften in rumänischer, polnischer und deutscher Fassung zu besprechen. Auch Matthias Flacius Illyricus gehörte zu diesem Wittenberger Kreis um L. und Melanchthon. Mit den Reformatoren Südosteuropas stand L. in Briefwechsel, er beriet sie und gab für sie Gutachten ab. Seine Schriften wurden in Südosteuropa ebenso früh gelesen wie in Deutschland.
 Ab 1521 befaßten sich daher Erlasse des Erzbischofs von Gran, König Ludwigs 11. und des ungarischen Reichstages mit Maßnahmen gegen Lutherschriften. Trotzdem fanden seine Kampfschriften, mehr noch sein Katechismus (1529), der Psalter und die Geistlichen Lieder (1524) große Verbreitung; sie wurden nachgedruckt und übersetzt. Mit diesen Übersetzungen in die Volkssprachen gab die reformatorische Bewegung der Entwicklung der Sprachen und Literaturen Südosteuropas starke Impulse (im Ungarischen erste Bibelübersetzung, im Rumänischen erste gedruckte Bücher). In einigen Fällen bedeuteten sie den Beginn einer Schriftsprache überhaupt (im Slowenischen). Die Deutschen Südosteuropas gerieten durch die große Verbreitung von Schriften L.s in den Strahlungsbereich der neuhochdeutschen Schriftsprache und der didaktischen Reformationsliteratur. So entstanden vor allem in 'Westungarn, der Zips und in Siebenbürgen religiöse Streit- und Lehrschriften, Predigtsammlungen, Gesangbücher und protestantische Dramen, meist in der Form des Schuldramas. In Siebenbürgen waren es besonders Johannes Honterus, Kaspar Helth und Ferenc Dávid, die z. T. in eigenen Druckereien religiöse Schriften veröffentlichten. In den slowenisch-kroatischen Grenzgebieten wurde die Reformation von den Magnatenfamilien Zrínyi, Erdődy und Ungnad unterstützt. Hans Ungnad war es zu verdanken, daß eine kroatische und slowenische Literatur im Dienste der Reformation verbreitet wurde. Auf seinem Gut in Urach druckten die südslawischen Reformatoren Trubar, Antun Dalmatin und Konzul Bibeln und Katechismen. Organisator des reformatorisch-kirchlichen Lebens in der Slowakei war Jiŕi Tŕanovský, dessen Sammlung religiöser Lieder (Cithara Sanctorum) eines der größten klassischen "Werke der slowakischen nationalen Dichtung wurde. An dem zu seinen Lebzeiten mehrmals akut werdenden europäischen Problem der Türkengefahr hat L. regen Anteil genommen. Sein Briefwechsel beweist, daß er sich über sie in Neuen Zeitungen, Briefen und mündlich verbreiteten Tagesnachrichten informierte und etwa anläßlich der Belagerung Wiens 1529, des Türkenzugs von 1532 und der Besetzung Ofens 1541 die Sorge seiner Zeitgenossen vor der aus Südosteuropa sich heranwälzenden islamischen Macht teilte. Seine Schriften lassen ihren auf den ersten Blick widersprüchlichen Aussagen zum Trotz eine tiefergehende Beschäftigung mit der politisch-militärischen wie der religiösen Problematik der Türkenfrage erahnen. In der Ende 1528, „itzt, weil eben der Türck uns nahe kömpt“ abgefaßten Stellungnahme „Vom kriege widder die Türcken“ überwog noch die quietistische Mahnung, sich zuerst einen gnädigen Gott zu schaffen und sich vom Papst zu lösen; doch die Beschäftigung mit einer auf die Türken bezogenen Auslegung der Prophezeiungen Daniels und der Abzug der Türken von Wien veranlaßten L. noch 1529 zur realistischeren „Heerpredigt widder die Türcken“, einem eindeutigen Aufruf zum Kampf (er wolle „auch die faust vermanen“). Ende 1529 arbeitete L. zudem am Vorwort zum „Libellus de ritu et moribus Turcorum“ des Ungenannten Mühlbächers, das seinen Respekt vor der intensiven Erfassung aller Lebensbereiche durch den totalitären Anspruch der islamischen Religion zum Ausdruck bringt; dennoch seien Türken und Papisten als Vertreter einer falschen Lehre zu verurteilen. 1541, wenige Tage nach dem Einzug Süleymans II. in Ofen, schrieb L. im Auftrag seines Kurfürsten die „Vermanunge zum Gebet wider den Türcken“, die, zusammen mit dem Neudruck einiger seiner früheren Türkenschriften, seine mehr vom theologisch-metaphysischen Aspekt gesehene Auseinandersetzung mit dem Türkenproblem wiederholte. Dabei trat neben die defaitistische Ermahnung der Gläubigen, die Türken als Strafe Gottes für ihre Sünden zu betrachten, der offene Vorwurf gegen die Feinde des Protestantismus, an der Türkengefahr mitschuldig zu sein („anti-papistisches Trauma“). Obwohl L. den Mangel an Solidarisierung und Koordination im christlichen Europa als Ursache der vordringenden Türkengefahr erkannte, vermehrte er die Politik kleinlicher Eigensucht einzelner Mächte und Gruppen aus religiöser Überzeugung um eine weitere Partei.

Literatur

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Verfasser

Ute Monika Schwob (GND: 1050326059)

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Empfohlene Zitierweise: Ute Monika Schwob, Luther, Martin, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 63-65 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1274, abgerufen am: (Abrufdatum)

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