Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Krŭstevič, Gavril Baev

Krŭstevič, Gavril Baev, bulgarischer Politiker in türkischen Diensten, * Kotel um 1820, † Istanbul 16.11.1898.

Leben

 K.s Geburtsort, das ostbulgarische Städtchen Kotel, ist auch die Heimat der berühmten Diplomatenfamilie Bogoridi, mit deren Mitgliedern K. zeitlebens persönlich und amtlich eng verbunden war. Der junge K. erhielt zunächst in Kotel Elementarunterricht, ging dann nach Karlovo zu dem bekannten Initiator des bulgarischen Schulwesens Rajno Popovič. Die wohlhabenden Bürger Koteis erkannten seine Begabung und schickten ihn nach Istanbul, wo er auf Kosten Stefan Bogoridis und zusammen mit dessen drittem Sohn Aleksandŭr die renommierte griechische Schule in Kuruçeşme besuchte. Bogoridi ermöglichte K. danach ein Jurastudium in Paris, das dieser 1836 begann und bald erfolgreich beendete; nebenher hörte K. historische Vorlesungen und sammelte in Pariser Bibliotheken Material für eine Geschichte Bulgariens. Der erste, bis zum Jahre 468 reichende Band dieser Geschichte (Kratko izsledvane na bŭlgarskata drevnost) erschien 1871 in Istanbul, drei weitere Bände blieben ungedruckt. Nach seinen Pariser Studien kehrte K. nach Istanbul zurück und arbeitete zunächst als Bogoridis Privatsekretär, vom Mai 1845 bis zum Frühjahr 1849 als dessen Stellvertreter auf der Insel Samos, deren nomineller Fürst Bogoridi war. Anschließend bekleidete er den Posten eines Richters am Plandelsgericht in Istanbul, dann am Kassationsgericht. K.s Biographen (Bobčev und Balabanov) beschreiben ihn als hochgebildeten und polyglotten Mann von ausgeglichenem Charakter; diese Eigenschaften prädestinierten ihn für verschiedene Sondermissionen im Auftrag der Hohen Pforte wie auch für eine Beratungstätigkeit im Staatsrat. Wie bereits sein Lehrmeister Bogoridi vergaß K. jedoch nie seine bulgarische Abstammung. Er war aktiv in die Kirchenkämpfe um das bulgarische Exarchat eingeschaltet, redigierte die erste bulgarische Zeitschrift, die „Bŭlgarski knižici“ (Bulgarische Bücherfreunde), schrieb neben seiner richterlichen und diplomatischen Tätigkeit laufend in bulgarischen Zeitungen und Zeitschriften wie „Ljuboslovie“ (Philologie), „Carigradski vestnik“ (Istanbuler Zeitung), „Čitalište“ (Lesehalle) u. a. Ein neuer Lebensabschnitt begann für K. nach der Teilung Bulgariens in das Fürstentum und die halbautonome Provinz Ost-Rumelien durch den Berliner Kongreß vom Juni 1878. Generalgouverneur von Ost-Rumelien wurde Aleksandŭr Bogoridi, besser bekannt unter seinem türkischen Namen Aleko Pascha; „Direktor“ (Minister) des Inneren und Stellvertreter des Generalgouverneurs wurde K., damals nach Aussage Jirečeks bereits ein „alter zitternder Herr mit schneeweißem Haar“. Aleko Pascha zog sich im Laufe seiner Amtszeit den Unwillen der Russen zu und entfremdete sich auch dem Hof in Istanbul, so daß er nicht wieder ernannt wurde. Am 8. Mai 1884 berief der Sultan K., der von den Türken Gavril Pascha genannt wurde. K. amtierte etwas über ein Jahr: In der Nacht vom 17. zum 18. September 1885 wurde er von Aufständischen im Regierungsgebäude in Plovdiv festgenommen, in einer makabren Prozession in der Stadt herumgeführt und dann über Sofia nach Istanbul abgeschoben. Wenige Tage später erfolgte die Vereinigung Ost-Rumeliens mit dem Fürstentum. K. blieb in Istanbul, wo er 1898 verstarb. Vergessen war er nicht: Als die Todesnachricht nach Sofia gelangte, sagte Stefan S. Bobčev in der Nationalversammlung, „Bulgarien verliert in ihm einen seiner wertvollsten Söhne“.

Literatur

Jireček, Constantin: Das Fürstentum Bulgarien. Prag, Wien, Leipzig 1891.
Gavriil’ Krustevič † na 16-j noemvrij 1898 g. In: Bŭlg. Sbirka (1898) 9, Blg. I-IV.
Kisimov, P.: Našija periodičeski pečat i postepennoto narodno probuždanie predi polovin vek. In: Bŭlg. Sbirka (1898) 5, 415-421.
Gavrila Krŭstevič. In: Bŭlgarski Pregled (1898) 4, 151-152.
Bobčev, Stefan S.: Kakŭv beše Gavriil Krŭst’ovič (Lični spomeni i obšti beležki). In: Bŭlg. Sbirka (1899) 1, 5-20.
Balabanov, Markov D.: Gavriil Krŭstovič, naroden děec, knižovnik, sŭdija, upravitel. Sofija 1914.
Šopov, A.: Gavrijl Krŭstevič i dvama negovi sŭvremennici. In: Bŭlg. Sbirka (1914) 9, 577-583.

Verfasser

Wolf Oschlies (GND: 107216760)

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Empfohlene Zitierweise: Wolf Oschlies, Krŭstevič, Gavril Baev, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 516-517 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1208, abgerufen am: (Abrufdatum)

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