Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kruja, Mustafa

Kruja, Mustafa (Mustafa Merlika Kruja), albanischer Politiker, * Kruja 15.03.1887, † Niagara Falls 27.12.1958.

Leben

K. besuchte die Volksschule in seinem Heimatort, die Mittelschule in Janina und schließlich die Höhere Verwaltungsschule (Mülkiye) in Istanbul, wo er 1910 das Diplom in Politik und Sozialwissenschaften ablegte. Nach Abschluß seiner Studien kehrte er nach Albanien zurück und wurde Direktor des Bildungswesens in der Präfektur Elbasan. Während des Aufstandes von 1912 kämpfte er an der Spitze einer Gruppe von albanischen Aufständischen in der Umgebung von Kruja und im Mati- Tal gegen türkische Regierungstruppen. In der ersten albanischen Nationalversammlung, die in Valona am 28. November 1912 die Unabhängigkeit Albaniens ausrief, vertrat er seinen Heimatort. Als 1914 eine von Esad Pascha Toptani angezettelte Revolte gegen die Regierung Wied ausbrach, verstärkte K. mit 200 Mann die Reihen der Verteidiger der von den Aufständischen belagerten Hauptstadt Durazzo. Nach der Abreise des Fürsten Wied ging K. zunächst nach Bari, kehrte dann aber bald wieder nach Albanien zurück, um es beim Einmarsch der österreichisch-ungarischen Truppen erneut zu verlassen. Den Ersten Weltkrieg verbrachte K. in Italien; er gehörte nach dem Kriege dann auch zu den Exponenten einer proitalienischen Politik, er sah in Italien das einzige Gegengewicht gegen die Ambitionen der Nachbarstaaten Albaniens, vor allem Jugoslawiens. Als am 28. Dezember 1918 in Durazzo mit Erlaubnis der italienischen Besatzungstruppen eine Provisorische Regierung unter Tur ban Pascha gebildet wurde, übernahm K. das Ministerium für Post und Telegraphenwesen. Sein Ministeramt währte indes nicht lange, da der Kongreß von Lushnja (21.-31. Januar 1920) eine Gegenregierung unter Sulejman Pascha Delvina aufstellte, die in Tirana ihren Sitz nahm und der es gelang, die Italiener aus Valona zu vertreiben. Die Provisorische Regierung in Durazzo hatte damit ausgespielt. Die politische Karriere K.s war damit jedoch keinesfalls beendet. 1921 wurde er als Abgeordneter in das albanische Parlament gewählt. Noch im gleichen Jahre schloß er sich der „Hl. Union“ (Bashkim i Shenjtë) an, zu der verschiedene radikale Nationalisten wie Hasan Prishtina, Luigj Gurakuqi u. a. gehörten. Dieser „Hl. Union“ gelang es am 19. Oktober 1921, das Kabinett Vrioni zu Fall zu bringen. 1923 gehörte K. dem „Nationalen Schutzkomitee für Kosovo“ (Mbrojtja Kombëtare e Kosovës) an, das die Zogu-Regierung in Tirana der Zusammenarbeit mit Jugoslawien beschuldigte. Dieses Komitee, an dessen Spitze Bajram Curri stand, inszenierte im Mai 1923 einen Aufstand in den Berggebieten an der serbischen Grenze und besetzte den Gendarmerieposten Kruma. Während der „Demokratischen Revolution“ 1924 stand K. auf seiten der Regierung und übernahm den Posten des Präfekten von Skutari. Nach dem Fall der Regierung Fan Noli und der Machtübernahme durch Ahmed Zogu flüchtete K. zum drittenmal auf italienischen Boden und lebte mit seiner Familie 8 Jahre in Zara (Zadar). Er leitete dort eine kleinere Gruppe albanischer Emigranten (Grup të Xarës), die enge Kontakte zur italienischen Regierung unterhielt und auch von ihr subventioniert wurde. 1927 schloß er sich dem rechten Flügel von Fan Nolis „Bashkimi Kombëtar“ (Nationale Union) an, die sich die Entmachtung Zogus zum Ziel gesetzt hatte. Erst nach der Okkupation Albaniens durch die Italiener (7. April 1939) kehrte K. in sein Heimatland zurück; er diente dem italienischen Statthalter Francesco Jacomoni als Berater in kulturellen Angelegenheiten und wurde am 3. Juni 1939 zum italienischen Senator ernannt. Als am 8. April 1940 in Tirana das „Istituto di studi albanesi“ gegründet wurde, wurde K. dessen erster Präsident. Vom 3. Dezember 1941 bis zum 10. Januar 1943 war K. albanischer Ministerpräsident. Am 12. Oktober 1943 wurde auf K., während er sich gemeinsam mit seinem Sohn Sejfulla Merlika auf einer Fahrt durch Tirana befand, ein Attentat verübt; K. wurde bei diesem Anschlag, der von der
 kommunistisch gelenkten Befreiungsbewegung organisiert gewesen sein soll, nur leicht an der Hand verletzt. Nach der kommunistischen Machtergreifung floh K. nach Italien. K. hat sich nicht nur als Politiker, sondern auch als Übersetzer und Schriftsteller hervorgetan; besondere Bedeutung verdient sein Wörterbuch der albanischen Sprache, das in 12 Manuskriptbänden ca. 30 000 Schlagwörter mit Beispielen, dialektalen Varianten etc. umfaßte. Die vom „Istituto di studi albanesi“ bereits begonnene Drucklegung konnte wegen des Kriegsendes nicht mehr durchgeführt werden.

Literatur

Swire, J.: Albania. The Rise of a Kingdom. London 1929.
Koliqi, Ernest: Shtatëdhetëvjetori i lindjes së Mustafa Kruja. In: Shêjzat - Le pleiadi 1 (1957) 70-76.
Jacomoni di San Savino, Francesco: La politica dell'Italia in Albania. Bologna 1965.
Ruka, Shahin; Atentati kundër Mustafa Krujës. In: Nëndori 13 (1966) 10, 107-112.

Verfasser

Peter Bartl (GND: 133417492)

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Empfohlene Zitierweise: Peter Bartl, Kruja, Mustafa, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 511-513 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1205, abgerufen am: (Abrufdatum)

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