Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kairis, Thomazos

Kairis, Thomazos (Mönchsname Theofilos), griechischer Philosoph und Pädagoge, * Andros 30.10. 1784, † Syros 21.1. 1853. Als Sohn des Nikolaos K. gehörte K. einer der ältesten Archontenfamilien von Andros an, aus der auch Erzbischöfe und andere kirchliche Würdenträger stammen; seine Mutter Asemina (geb. Kambanaki) kam ebenfalls aus einer bekannten Honoratiorenfamilie. Die Schwester Evanthia K. (1799 bis 1866), eine bemerkenswerte Frauengestalt des neuen Griechenland, trat als Schriftstellerin und Übersetzerin hervor.

Leben

 Seine Schulbildung erhielt K. in Kydoniai (Ayvalik), bis zum Befreiungskrieg einer der bedeutendsten griechischen Städte, sowie auf Patmos und Chios. 1801 trat er mit dem Namen Theofilos in den Mönchsstand ein, studierte anschließend bis 1807 in Pisa, 1807-1810 in Paris Philosophie und war danach als Lehrer in Smyrna, ab 1812 in Kydoniai mit großem Erfolg tätig: Auch der französische Historiker und Gräzist Ambroise Firmin-Didot ließ sich von ihm unterweisen. 1819 in den Verschwörerbund der Filiki Eteria auf genommen, trat K. zu Beginn des Befreiungskrieges zunächst als Verkünder patriotischer Ideen, dann als Organisator der Freischärler aus Kydoniai und als Soldat hervor, suchte stets in Konflikten unter den Griechen zu vermitteln und nahm sich der Notleidenden an. In den ersten Nationalversammlungen vertrat K. Andros. Er hieß den Regenten Ioannis Kapodistrias im Januar 1828 offiziell willkommen. In seiner kontrovers beurteilten Ansprache belehrte er den Grafen über die Vorstellungen der Konstitutionalisten von seinem Amt: „Nicht du (regierst) ..., sondern wahrhaft das Gesetz Gottes, die Gerechtigkeit, die Gesetze Griechenlands regieren durch dich.“ Die von ihm auf Andros gegründete Waisenanstalt (1836-1839) wurde bald über ihren ursprünglichen Zweck hinaus zu einer berühmten Schule, die bildungshungrige junge Männer aus dem ganzen Land und sogar Mädchen aufnahm. Außer Philosophie, Philologie, Ethik, Rhetorik, Poetik, Mathematik, Physik und Astronomie erteilte K. in den Oberklassen auch Religionskunde. Hier vermittelte er den Schülern seine philosophisch-religiöse Konzeption der Theosebeia, die er unter dem Einfluß der französischen Aufklärung und des Deismus als Antwort auf die ihn seit früher Jugend quälenden Glaubenszweifel entwickelt hatte. Seine philosophischen Gedankengänge wurden auf eine streng monotheistische, das Problem der Trinität ausklammernde Anschauung bezogen, von der aus er insbesondere seine Ethik entfaltete (Epitomi theosevikis didas- kalias, Athen 1839, London 1852). Die zwischen Krise und Erstarrung schwankende Kirche verfolgte mit Unterstützung der Behörden seine Lehre als neue Religion, zumal K. mit eigenen Hymnen und Gebeten (hrsg. London 1852) neue, außerkirchliche religiöse Zeremonien einführte. Da K. der Synode über seine Stellung zu den Dogmen der Kirche ausweichend antwortete und das ökumenische Patriarchat seine Lehre verdammte, wurde er seiner Priesterwürde entkleidet, nach Skiathos verbannt und schließlich in die Emigration entlassen. Nach der Etablierung der konstitutionellen Monarchie und des Rechtsstaates kehrte er 1844 zurück, wurde aber wegen nicht erwiesener Prose- lytenwerbung 1852 in einem dubiosen Prozeß zu zwei Jahren und zehn Tagen Gefängnis sowie zu sieben Jahren Polizeiaufsicht verurteilt. Der kranke K. starb in dem elenden Kerker von Syros; seinen Leichnam ließ die Behörde exhumieren und zerstören, um seine Schüler an einem nachträglichen Bestattungszeremoniell zu hindern. Am 31. Januar 1853 hob der Areopag das erstinstanzliche Urteil auf. K. war ein bescheidener Mann: Er nahm einen ihm verliehenen hohen Orden nicht an und schlug 1837 einen Ruf auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Athen aus. Im Lichte der Philosophiegeschichte sind seine Theoreme belanglos und stellen ein für die Zeit typisches Produkt der Halbbildung dar. Der Skandal um seine Lehre gab den konservativen Würdenträgern der Kirche Auftrieb, die 1839 die Abberufung des Farmakidis aus der Synode erreichten.

Literatur

Paschalis, Dimitrios: Theofilos Kairis. Athen 1928.

Verfasser

Gunnar Hering (GND: 1078119694)


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