Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Jireček, Konstantin Josef

 Jireček, Konstantin Josef, tschechischer Historiker und Balkanologe, * Wien 24.07.1854, † ebd. 10.01.1918, Sohn des Literarhistorikers und Kulturpolitikers Josef J. und mütterlicherseits Enkel des Slawisten Pavel Jozef Šafárik.

Leben

Eigentlich auf die Vornamen Josef Hermenegild getauft, benutzte J. zur Unterscheidung von seinem Vater überwiegend seinen Firmungsnamen Konstantin. J., der die deutsche Sprache erst mit sieben Jahren erlernte, besuchte 1864-1872 das Wiener Theresianum, studierte 1872-1875 in Prag an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Geschichte und promovierte 1875 mit seiner „Geschichte der Bulgaren“ (tschechisch Prag 1875, deutsch ebd. 1876), die - kurz vor dem Aprilaufstand 1876 und der endgültigen Befreiung Bulgariens erschienen - von der Kritik begeistert aufgenommen wurde. Eine von J. wesentlich ergänzte und erweiterte zweite Auflage erschien 1878 russisch, bulgarische Übersetzungen folgten 1886 und 1929, schließlich wurden 1939 von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften die wichtigen, von J. in der russischen Ausgabe eingetragenen Verbesserungen und Ergänzungen als Materialien ediert. J.s „Geschichte“, der bereits seine „Bibliographie de la litterature bulgare moderne 1806-1870“ (Wien 1872) vorangegangen war, stellt einen Meilenstein in der bulgarischen Historiographie dar; nach den verfügbaren Quellen und unter Einbeziehung geographischer und archäologischer Materialien wissenschaftlich-kritisch gearbeitet, zeugt sie von wacher Sympathie für die Bulgaren und ihr historisches Schicksal, dessen Darstellung in den Kapiteln über den Untergang des zweiten Reiches, die türkische Okkupationszeit und die Wiedergeburt (vŭzraždane) besondere Anerkennung durch die Fachkritik fand (Marin Drinov, Felix Kanitz).  Mit der historisch-geographischen Studie „Die Heerstraße von Belgrad nach Constantinopel und die Balkanpässe“ (Prag 1877) habilitierte sich J. 1877 für „Geographie und Geschichte Südosteuropas“; ihr folgte zwei Jahre später die aus den Archiven Ragusas gearbeitete Monographie „Die Handelsstraßen und Bergwerke von Serbien und Bosnien während des Mittelalters“ (Prag 1879), die detailreich und übersichtlich die Verbindungswege von Dalmatien zur alten Handels- und Heeresstraße Belgrad-Nisch-Sofia-Konstantinopel beschreibt. J., der schon 1874 seine erste große Reise nach Serbien und Kroatien unternahm und in den Folgejahren immer wieder auch als kompetenter Reiseschriftsteller (vornehmlich in der Prager „Osvěta“) hervortrat, war bis Ende der siebziger Jahre zu einem hervorragenden Kenner des Balkans und insbesondere Bulgariens geworden. So nimmt es nicht wunder, daß der junge bulgarische Staat, dem es nach der Befreiung an Spezialisten fehlte, Interesse an dem bulgarophilen Tschechen zeigte, ihn nach Sofia als Generalsekretär des Ministeriums für Volksaufklärung berief (1.11.1879-27.04.1881) und schließlich zum Leiter des Ministeriums und zuletzt Minister für Volksaufklärung (1.07.1881-5.07.1882) machte. J. widmete sich in diesen Ämtern besonders dem Aufbau und der Organisation des bulgarischen Schulwesens, dessen Verstaatlichung er in konsequenter Fortsetzung der seit Vasil Aprilovs Gabrovoer Schulgründung (1835) gepflegten Gemeindetraditionen ablehnte. In mehreren Kommissionen (z. B. auch über Agrarfragen, Gendarmerie, Ämterwesen) unermüdlich tätig und als kenntnisreicher Gelehrter hochgeschätzt, genoß J. auch beim Hof und in literarischen Kreisen großes Ansehen und blieb auch nach seinem Ministeramt in beratender Funktion und als Vorsitzender des Unterrichtsrates im Ministerium tätig. Eine weitere Mitarbeit als Generalsekretär lehnte J. jedoch ab, um sich als Direktor der Nationalbibliothek und des Museums (10.08.1883-31.08.1884) intensiver seinen wissenschaftlichen Arbeiten widmen zu können und ausgedehnte landeskundliche Reisen zu unternehmen (Sommer 1883 und 1884); viele Materialien dieser Zeit gingen in seine späteren Werke „Cesty po Bulharsku“ (Wege durch Bulgarien, Wien 1888) und „Das Fürstenthum Bulgarien“ (Wien 1891) ein. Der bulgarische Historiker Vasil N. Zlatarski hat nach Archivmaterialien 1906 ein ausführliches Bild von J.s Sofioter Tätigkeit gezeichnet; aufschlußreich sind auch J.s bulgarisches Tagebuch (Bŭlgarski dnevnik, 30 oktomvrij 1879 - 26 ok- tomvrij 1884 g. 2 Bde, Plovdiv, Sofia 1930/32, im l.Band mit einer bulgarischen Übersetzung seines curriculum vitae aus der Zeitschrift „Osveta“ 1904) und seine Korrespondenz (Iz archiva na Konstantin Ireček, 3 Bde, Sofia 1951/63). Der Ruf auf den Lehrstuhl für allgemeine Geschichte an der 1882 gegründeten tschechischen Universität zog J. nach Prag zurück (1.10. 1884); er hielt Vorlesungen über die Geschichte der Slawen, insbesondere der Balkanvölker, und wertete sein umfangreiches bulgarisches Material aus. Seine beiden bedeutenden Werke „Cesty po Bulharsku“ und „Das Fürstenthum Bulgarien“ knüpfen an seine Dissertation organisch an und schließen im wesentlichen den Kreis seiner größeren bulgaristischen Studien ab. In der zweiten Hälfte seiner wissenschaftlichen Lebensarbeit stehen westbalkanische Forschungen (über Serbien, Dalmatien, Dubrovnik, auch Albanien) im Zentrum, die er vom Sommersemester 1893 an als „Professor der slawischen Philologie und Altertumskunde“ (sic!) in Wien neben Vatroslav Jagić mit großer Intensität betrieb; im August 1907 wurde J. Vorstand des Seminars für osteuropäische Geschichte der Wiener Universität. Bedeutende Monographien dieser Zeit sind u. a. „Das Gesetzbuch des serbischen Zaren Stefan Dušan“ (in „Archiv für slavische Philologie“, Jg. 1900), „Das christliche Element in der topographischen Nomenclatur der Balkanländer“ (Wien 1897), „Die Romanen in den Städten Dalmatiens während des Mittelalters“ (Wien 1901/04) und schließlich die unvollendete „Geschichte der Serben“ (bis 1537, Gotha 1911/18) und „Staat und Gesellschaft im mittelalterlichen Serbien“ (Wien 1912/19). Detailreich und auf gründlichem, auch philologischem Quellenstudium fußend, sind sie Meisterwerke einer nüchtern-objektiven Historiographie, die sich große Gesten und spekulative Werturteile versagt, jedoch die Materialfülle immer auch im erhellenden Bezug zu den historischen und geistigen Aktionen und Strömungen der Nachbarräume bewältigt. J. war ordentliches bzw. korrespondierendes Mitglied der wissenschaftlichen Akademien in Wien, Prag, Belgrad, Sofia, Zagreb, Budapest, St. Petersburg und München. Er „galt als der beste Kenner der Vergangenheit der Balkanhalbinsel“ (Murko). Sein umfangreiches Archivmaterial erwarb nach seinem Tode 1918 die Bulgarische Akademie der Wissenschaften, seine Bibliothek ging an das österreichische „Forschungsinstitut für Osten und Orient“. Unter seinen Schülern waren Jovan Radonić, Stanoje Stanojević, Nikola Radojčić, Aleksa Ivić u. a.

Literatur

Zlatarski, Vasil N.: Dějnost'ta na d-r Konst. Ireček v Bŭlgarija. In: Periodičesko spisanie na bŭlgarskoto knižovno družestvo v Sofija 66 (1906) 1-30.
Cvjetković, Božo und Josef Nagy: Trudovetě na profesora dr K. J. Ireček. In: ebd. 66 (1906) Blg.
Šišić, Ferdo: K. J. Jireček kao historik. In: Savremenik 13 (1918) 113-119.
Jagić, Vatroslav: Jireček kao čovjek. In: ebd. 13 (1918) 120-122.
Murko, Mathias: J. K. Jireček. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichte 1 (1918/19) 537-579. (Tschechische Übers, in: Ders.: Rozpravy z oboru slovanské filologie. Praha 1937.)

Verfasser

Peter Rehder (GND: 128962550)

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Empfohlene Zitierweise: Peter Rehder, Jireček, Konstantin Josef, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 267-269 [Onlineausgabe]; URL: http://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1035, abgerufen am: (Abrufdatum)

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