Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kanitz, Felix Philipp

Kanitz, Felix Philipp, österreichischer Balkanforscher, * Pest 2.08.1829, † Wien 5.1.1904, Sohn eines im 18. Jh. nach Ungarn eingewanderten deutsch-jüdischen Fabrikanten.

Leben

 Nach dem frühen Tod des Vaters schickte die Mutter den zeichnerisch begabten 14-jährigen K. an die Kasseler Kunstakademie, wo er sich als Schüler Ludwig Emil Grimms eine gediegene Ausbildung in Zeichnen, Malen, Radieren und Lithographieren erwarb. Schon in dieser Zeit lieferte er Illustrationen für ein Werk des ungarischen Archäologen Ferenc Kiss. Mit 18 Jahren begab sich K. nach Wien, wo er seinen Lebensunterhalt mit Bildberichten für die neugegründete „Leipziger Illustrierte Zeitung“ verdiente. Er trat in Verbindung zu dem Ethnographen Joseph Vincenz Häufler und dem Archäologen Franz Carrara, die seine weitere Entwicklung beeinflußten. 1850 berührte er zum ersten Mal auf einer Reise nach Niš das Gebiet der Südslawen. Zunächst reiste er aber noch für seine Zeitung in Mittel- und Westeuropa (Weltausstellung in Paris 1855, Reise Kaiser Franz Josephs nach Oberitalien 1857). Er nützte diese Jahre, in den führenden Museen seinen Blick zu schulen und in Dresden, München, Nürnberg (bei Carl Alexander von Heideloff) sein zeichnerisches und malerisches Können zu verbessern. Als Berichterstatter über den 1858 ausgebrochenen türkisch-montenegrinischen Krieg zog er zum zweiten Mal in den Südosten, der ihn für sein weiteres Leben nicht mehr aus seinem Banne entließ. Sein erstes Ziel waren das Fürstentum Serbien und die südlich anschließenden Landschaften, damals noch wenig bekannt. Er durchritt dieses Gebiet in allen Richtungen, lernte die Landessprache und sammelte topographische, archäologische, ethnographische, kunstgeschichtliche und historische Daten. Unter anderem gelang es ihm als erstem, den Lauf des Timok und seiner Quellflüsse exakt zu bestimmen. Seine Ergebnisse veröffentlichte er in zahlreichen Beiträgen zu den „Sitzungsberichten der Wiener Akademie“, in der „österreichischen Revue“, den „Mitteilungen der Wiener Geographischen Gesellschaft“, den „Slawischen Blättern“, der „österreichischen Wochenschrift“ u. a. Mit seinem ersten Buch „Serbiens byzantinische Monumente“ (Wien 1862) leitete K. die Erforschung der mittelalterlichen Kunst des Landes ein. Die Wiedergabe der Denkmäler mit dem Zeichenstift ergänzte er durch sorgfältige Beschreibung. Wohl als erster interessierte er sich für die römischen archäologischen Zeugnisse (Inschriften, Limesreste) in diesem Lande und bemühte sich, sie zu erfassen. Einen vorläufigen Abschluß markierte das umfangreiche Werk „Serbien. Historisch-geographische Reisestudien 1859-1868“ (Leipzig 1868). Seither befaßte sich K. vor allem mit dem noch weniger erschlossenen benachbarten Bulgarien. Er erlernte auch dessen Sprache und durchquerte auf mühsamen Ritten allein 18mal das Balkangebirge. Durch gewissenhafte Aufzeichnung seiner Beobachtungen, z. T. durch Vermessungen und durch Befragung der Einwohner, verbesserte er die Kenntnis Nordbulgariens grundlegend. Er nahm das Isker-Defilee auf und erkannte, daß es den einzigen Durchbruch durch das Gebirge bildet. Er entdeckte die Identität vieler Ortsnamen (z. B. bulgarisch Medvin = türkisch Papasköi). Die von ihm erarbeitete Karte im Maßstab 1 : 420 000 diente 1877/78 den russischen Armeen bei ihren Operationen und 1878 dem Berliner Kongreß zur Abgrenzung von Serbien und Bulgarien. Er legte die Ruinen von Stari Nikup als das Traianische Nicopolis ad Istrum fest und beschrieb zuerst den „thrakischen Reiter“, das Felsrelief von Madara. Seine bulgarischen Studien faßte er zusammen in dem dreibändigen Werk „Donaubulgarien und der Balkan. Historische, geographische, ethnographische Reisestudien aus den Jahren 1866-1879“ (Leipzig 1875/79, 2. Auflage 1882). Die Festlegung der Siedlungsräume von Bulgaren, Serben und Aromunen wurde durch K.s Forschungen entscheidend gefördert. In den späteren politischen Auseinandersetzungen um Mazedonien zogen die beteiligten Parteien seine Bücher als Kronzeugen heran. In seinen letzten Lebensjahren kehrte K. zu seinem serbischen Thema zurück. Viele Aufsätze lieferten wiederum Bausteine für die monumentale Neubearbeitung des Serbien-Buches von 1868, aber erst aus dem Nachlasse erschien „Das Königreich Serbien und das Serbenvolk von der Römerzeit bis zur Gegenwart“ (3 Bände, Leipzig 1904/14, die Bände 2 und 3 ergänzt von Bogoljub Jovanović). K. war außerordentlich vielseitig. Von der Vorgeschichte bis zur politischen Gegenwart, von der Geologie bis zu den Volksliedern, von der Siedlungsweise bis zu den Eisenbahnprojekten, alles registrierte er aufmerksam. Er vermittelte jungen Bulgaren, so dem späteren Unterrichtsminister Ivan D. Šišmanov, einen Studienaufenthalt in Wien und schrieb in der hier erscheinenden Zeitschrift „Srpska Zora“. Seine Kontaktfreudigkeit und sein Geschick öffneten ihm den Zugang zu den verschiedensten Persönlichkeiten. Zahlreiche Orden und Ehrungen bezeugen die Dankbarkeit von Monarchen und Wissenschaft. Sein bedingungsloser Einsatz, die Fülle des von ihm erbrachten Materials und seine literarische Gestaltungkraft machen seine Werke heute noch wertvoll.

Literatur

Weiss, J.: Felix Kanitz, ein Pionier der Balkanforschung. In: Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Wien 73 (1930) 5-21.
Fehér, Géza: Kanitz Fülöp Félix, a „Balkán Kolumbusa“ élete és munkássága. Budapest 1932.
Romanski, Stojan: Bŭlgarija v obrazite na Feliks Kanic. Sofija 1939.
Konstantinović, Zoran: Deutsche Reisebeschreibungen über Serbien und Montenegro. München 1960, 94-107.
Ebenstein-Minčeva, Zdravka: Felix Philipp Kanitz. 100-jähriges Jubiläum eines österreichischen Balkanforschers. In: Österr. Osth. 3 (1961) 250-253.

Verfasser

Gerhard Grimm (GND: 13735374X)

GND: 116039051

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