Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Titulescu, Nicolae

Titulescu, Nicolae, rumänischer Politiker und Diplomat, * Craiova 4.03.1882, † Cannes (Frankreich) 17.03.1941, Sohn des Politikers und Rechtsanwalts Ion T.

Leben

Nach dem Besuch der Grundschule und des Gymnasiums in Craiova studierte T. von 1900 bis 1904 Rechtswissenschaften in Paris, wobei er sich durch hervorragende Studienergebnisse auszeichnete. Die französische Kultur, Lebensauffassung sowie politische Philosophie und Praxis prägten den späteren Politiker und Diplomaten nachhaltig; er wurde zu einem der überzeugtesten und wirkungsvollsten Befürworter einer auf Paris ausgerichteten Außenpolitik Rumäniens. Zunächst jedoch ergriff er unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Heimat die wissenschaftliche Laufbahn. 1904 erhielt der erst 22jährige die Berufung als stellvertretender Professor für bürgerliches Recht an der Universität Jassy. 1909 wurde er auf den Lehrstuhl für bürgerliches Recht der juristischen Fakultät der Bukarester Universität berufen. Der junge Wissenschaftler wandte sich in Theorie und Praxis von dem zu jener Zeit in Rumänien stark verbreiteten Rechtspositivimus ab. Neben seiner Lehrtätigkeit festigten auch zahlreiche juristische Abhandlungen und Kommentare seinen Ruf als Rechtsgelehrten. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war er einer der eifrigsten Mitarbeiter der Fachzeitschriften „Cronica“ und „Curierul Judiciar“, daneben veröffentlichte er 1907 seine von der Fachwelt vielbeachteten Studien zur „Problema responsabilităţii juridice a statului şi a comunelor cu privire la ultimele răscoale ţărăneşti“ (Zur Frage der juristischen Verantwortung des Staates und der Gemeinden bei den letzten Bauernerhebungen) und zur „împărţeala moştenirilor“ (Die Verteilung der Erbschaften). Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Interessen waren zu jener Zeit das Bauernproblem, die soziale Verantwortung des Staates und das allgemeine Wahlrecht. Er setzte sich mit Nachdruck für die Verwirklichung des allgemeinen Wahlrechts ein (das entsprechende Gesetz wurde am 17. Juli 1921 verabschiedet) und war in seiner Eigenschaft als Finanzminister (Juli 1917 - Januar 1918 und Juni 1920 - Oktober 1921) ein konsequenter Verfechter der Finanzreform, die Ende Juni 1921 im Parlament beschlossen wurde. In seinen 1921 veröffentlichten Arbeiten zur „Reforma financiară“ (Die Finanzreform) bzw. „Proectul de lege pentru reforma contribuţiunilor directe“ (Der Gesetzesentwurf zur Reform der direkten Steuern) plädierte er für die Erhöhung der direkten Abgaben auf Kosten der unsozialen indirekten Steuern. Es gelang ihm jeweils, seinen Standpunkt durchzusetzen.
Nach 1921 wandte sich T. nahezu ausschließlich der Außenpolitik zu. Sein Interesse für dieses Feld war spätestens seit seiner gegen Kriegsende durch Take Ionescu erfolgten Berufung zum Mitglied des in Paris gegründeten rumänischen Nationalrats erwacht. Anschließend hatte er Gelegenheit, als Delegierter Rumäniens bei der Pariser Friedenskonferenz seine diplomatische Begabung unter Beweis zu stellen. Die von ihm vorgebrachten Argumente trugen wesentlich zur Anerkennung der neuen rumänischen Grenzen durch die Siegermächte bei. Die ungemein rege außenpolitische Tätigkeit T.s wurde nur noch einmal während seiner zweiten Amtszeit als Finanzminister kurz unterbrochen. Anfang 1922 ergriff er endgültig die diplomatische Laufbahn. Zwischen 1920 und 1927 war T. Gesandter Rumäniens in London, eine Tätigkeit, die er allerdings wegen seiner anderen vielfältigen diplomatischen Aufgaben und Missionen oft unterbrach. Zwischen 1920 und 1936 fungierte er als ständiger Vertreter Bukarests beim Völkerbund, verschaffte sich in dieser Eigenschaft internationale Anerkennung und hatte wesentlichen Anteil an der Gestaltung einer beträchtlichen Anzahl wichtiger Verträge. T. wurde zwei Jahre nacheinander zum Vorsitzenden des Völkerbundes gewählt (1930 und 1931), wobei er sich durch seinen Einsatz für das Zustandekommen der nach seiner Amtszeit berufenen Abrüstungskonferenz auszeichnete. T. war zweimal Außenminister seines Landes (1927-1928 und 1932-1936). In seiner zweiten Amtszeit als Außenminister trat er für eine weitgehende weltweite Abrüstung und für die Verurteilung jeder Art von Aggression ein. Sein Einsatz galt auch der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Rumänien und der Sowjetunion. Eine Annäherung erreichte er bereits damit, daß er sich der vom sowjetischen Außenminister Maksim Maksimovič Litvinov vorgelegten Definition der „Aggression“ anschloß. 1933 Unterzeichnete er für Rumänien in London die entsprechende internationale Konvention. Am 9. Juni 1934 erreichte er auch die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Moskau. Zwecks Sicherung des Weltfriedens unternahm er wiederholte Versuche, ein ausgedehntes System von bi- und multilateralen Nichtangriffspakten herbeizuführen. Seine Aufmerksamkeit galt insbesondere der Bildung von Staatensystemen in Ostmittel- und Südosteuropa. Am 16. Februar 1933 setzte er seine Unterschrift unter den Vertrag, durch den die Kleine Entente einen ständigen Rat erhielt. T. hatte darüber hinaus  wesentlichen Anteil beim Zustandekommen des französisch- bzw. tschechoslowakischsowjetischen Beistandsabkommens (1935). Seine Bestrebungen, auch zwischen Bukarest und Moskau ein ähnliches Abkommen herbeizuführen, blieben hingegen erfolglos. Er verurteilte wiederholt die Politik Mussolinis und Hitlers und nahm bei verschiedenen Anlässen Partei gegen Franco. Sein überschäumendes Temperament und sein Engagement, nicht zuletzt jedoch auch sein beispielloses internationales Prestige, brachten ihm viele Gegner ein. Am 29. August 1936 mußte er für immer die politische Bühne verlassen.

Literatur

Rădulescu, Paul u. Ion Adamescu: Modest omagiu omului păcii. Bucureşti 1934.
Brănişteanu, B.: Nicolae Titulescu. Amintiri, note reflexii. Bucureşti 1945.
Oprea, Ion M.: Nicolae Titulescu. Bucureşti 1966.
Avramovski, Živko: Le gouvernement yougoslave, les négociations du traité soviétoroumain d’aide mutuelle et la chute de Titulescu. In: Rev. Ét. sud-est europ. 4 (1966) 491-512.
Titulescu, Nicolae: Documente diplomatice. (Red. George Macovescu). Bucureşti 1967.
Oprea, Ion M.: Nicolae Titulescu’s diplomatic activity. Bukarest 1968.

Verfasser

Dionisie Ghermani (GND: 118893238)

GND: 118758373


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Empfohlene Zitierweise: Dionisie Ghermani, Titulescu, Nicolae, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 329-331 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1788, abgerufen am: (Abrufdatum)

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