Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Sofronij Vračanski

Sofronij Vračanski (weltlicher Name Stojko Vladislavov), bulgarischer Bischof und Schriftsteller, * Kotel 1739, † Bukarest 04. oder 05.10. 1813, Sohn eines Viehhändlers.

Leben

 S.s Geburtsort Kotel war eine der zahlreichen kleinen bulgarischen Gebirgsstädte, die sich unter der osmanischen Herrschaft zu einem relativen Wohlstand mit entwickeltem Handwerk und Handel emporschwangen und aus denen die meisten bedeutenden Persönlichkeiten der bulgarischen nationalen Wiedergeburt und Befreiungsbewegung hervorgingen. Außer S. stammten aus Kotel u. a. noch Petŭr Beron, Neofit Chilendarski Bozveli, Georgi Mamarčov und Georgi S. Rakovski. S. erhielt eine für die Zeit gute Ausbildung in griechischer Sprache in der „Zellenschule“ (von der Kirche geleitete Schule, deren Lehrplan die wichtigsten Kirchenbücher umfaßte) seiner Geburtsstadt. Nach dem Tode seines Vaters (1750) und bald darauf auch seines Onkels, der ihn adoptiert hatte, geriet er in finanzielle Not und gedachte zunächst, die Stadt zu verlassen. Wegen seiner Bildung wurde er jedoch von den Stadtältesten zum Priester vorgeschlagen und empfing am 12. September 1762 - vom griechischen Bischof, dem die Stadt für die Bevorzugung ihres Kandidaten eine beträchtliche Geldsumme auszahlen mußte - die Priesterweihe. Als Priester und Lehrer begann sich S. auch schriftstellerisch zu betätigen. Er stellte einen handschriftlichen Kodex (Damaskin) mit Predigten und belehrenden Texten zusammen und schrieb zweimal (1765, 1781) die berühmte „Slawisch-bulgarische Geschichte“ des Paisij Chilendarski ab. 1774/75 hielt er sich sechs Monate auf dem Athos auf. 1792 wurde er Priester in Karnobat (Metropolitansprengel Anchialo), 1794 trat er in den Mönchsstand ein und hielt sich in einem Kloster im Dorf Arbanasi bei Tŭrnovo auf. Hier wurde ihm das Angebot unterbreitet, Bischof in der Diözese Vraca zu werden. Dieses ungewöhnliche Angebot des griechischen Patriarchats an einen Bulgaren ist durch die politische Lage zu erklären: Die Rebellion des Osman Pazvandoğlu in Vidin hatte ganz Nordwest-Bulgarien in ein Gebiet militärischer Auseinandersetzungen, Raubüberfälle und Plünderungen verwandelt, so daß es schwer gewesen sein dürfte, einen Kandidaten zu finden. Am 17. September 1794 wurde S. zum Bischof gewählt, im Dezember brach er nach Vraca auf. Unter ungewöhnlich schwierigen Umständen und häufiger Gefährdung seines Lebens versah S. sein Bischofsamt bis 1800. Danach wurde er bis 1803 in Vidin festgehalten. Hier stellte er zwei große handschriftliche Kodices zusammen - der erste mit Belehrungen und Ansprachen zu den Kirchenfeiertagen mit Texten aus der traditionellen kirchlichen Literatur, der zweite mit belehrenden Geschichten und Parabeln mit aufklärerisch-rationalistischem Charakter, philosophischen Sentenzen und den populären Äsop-Fabeln. 1803 ging S. in die Walachei, wo er bis an sein Lebensende verblieb. In der Emigration erreichte die literarische Tätigkeit des S. ihren Höhepunkt. 1806 gab er in Rumänien das Buch „Kiriakodromion sireč Nedelnik“, eine nach griechischen Quellen zusammengestellte Sammlung mit Ansprachen „für alle Sonntage zu den in den orthodoxen Kirchen gelesenen Evangelien während des ganzen Jahres“ heraus. Es entstanden außerdem ein Traktat über den orthodoxen christlichen, den jüdischen und den mohammedanischen Glauben nach russischen und griechischen Quellen (1805), eine Übersetzung des Geschichtswerkes „Theatron politikon“ von Ambrosio Marliano (1809, aus einer griechischen Vorlage) und die Autobiographie „Žitie i stradanija grešnago Sofronija“ (Leben und Leiden des sündigen Sofronij), wahrscheinlich um 1810/13. Von diesen Werken erschien nur das „Kiriakodromion“ zu Lebzeiten S.s, erst 1861 veröffentlichte Georgi Stojkov Rakovski in seiner Zeitung „Dunavski lebed“ (Donauschwan) die Autobiographie, von der seither zahlreiche Ausgaben vorliegen (deutsche Übersetzung: Sofronij von Wraza: Leben und Leiden des sündigen Sofronij. Berlin, Weimar 1972). Während des russisch-türkischen Krieges 1806-1812 gab S. (im Winter 1809/10) eine Proklamation heraus, in der er das bulgarische Volk aufforderte, das russische „Kreuzheer“, das zur Befreiung Bulgariens aufgebrochen sei, nach Kräften zu unterstützen. S.s Stellung in der bulgarischen Entwicklung des 18./19. Jh.s wird durch mehrere charakteristische Fakten gekennzeichnet. Als Priester und vor allem als Bischof lernte er die verzweifelte Lage des bulgarischen Volkes in einer Zeit des zunehmenden Verfalls und der inneren Anarchie im Osmanischen Reich kennen, seine Emigration und seine Proklamation sind logische Folgerungen dieser Erfahrungen. Seine schriftstellerische Tätigkeit ist eines der signifikantesten Zeugnisse für die „beschleunigte Entwicklung“ (Gačev) der bulgarischen Literatur dieser Zeit. S. begann als Schriftsteller alten Typs, der die Thematik und die Formen der verspäteten mittelalterlichen slawisch-orthodoxen Tradition pflegte; er blieb ihr eigentlich fast bis an sein Lebensende (der erste Vidin-Kodex) verpflichtet. Zugleich wandte er sich neuen Inhalten und Formen zu. Am Anfang dieses Weges steht sein Interesse für die patriotische Geschichte Paisijs, am Ende der zweite Vidin-Kodex mit seiner aufklärerischen Tendenz und besonders das schriftstellerische Werk in Rumänien. Mit dem „Kiriakodromion“ wurde S., der am Prozeß der mittelalterlichen handschriftlichen Buchproduktion teilgenommen hatte, zum Begründer des modernen bulgarischen Buchdrucks. Sein religiöses Traktat und die Übersetzung des „Theatron politikon“ zeigen eine weitere Vertiefung seiner aufklärerischen Interessen an. In seiner Autobiographie schließlich gelangte er zu einer neuzeitlichen Kunstexpression, die in der bulgarischen Literatur noch mehrere Jahrzehnte vereinsamt blieb (die erste originale bulgarische Novelle erschien 1860). S.s Autobiographie ist die erste geschlossene romanähnliche Erzählung der neubulgarischen Literatur und ihre hervorragendste Leistung in den ersten Jahrzehnten des 19. Jh.s. Sprachlich nimmt S. eine Mittelstellung zwischen dem Kirchenslawischen und dem Neubulgarischen ein. Die Kirchenslawismen sind bei ihm im Vergleich zu seinem Vorläufer Paisij bereits fühlbar zurückgedrängt.

Literatur

Penev, Bojan: Istorija na novata bŭlgarska literatura. Bd 3. Sofija 1933.
Petkanova-Toteva, Donka: Nedelnikŭt na Sofronij Vračanski. Izvori i idei. In: Izv. Inst. bŭlg. Lit. 9 (1960) 199-246.
Kiselkov, Vasil St.: Sofronij Vračanski. Život i tvorčestvo. Sofija 1963.
Gačev, G.D.: Uskorennoe razvitie literatury. Moskva 1964.
Ničeva, Keti: Ezikŭt na Sofronievija ,,Nedelnik“ v istorijata na bŭlgarskija knižoven ezik. Sofija 1965.
Kopreeva, T. N.: Neizvestnyj literaturnyj istočnik Žitija Sofronija Vračanskogo. In: Trudy otdela drevnerusskoj literatury 23 (1968) 161-275.
Amaudov, Michail: Sofronij Vračanski. In: Ders.: Tvorci na bŭlgarskoto vŭzraždane. Bd 1. Sofija 1969(2).
Boeva, Ljudmila: Žitijnye povesti i stanovlenie avtobiografičeskich povestvovatel’nych žanrov v trech slavjanskich literaturach. In: God. Sof. Univ., Fakultet po slavjanski filologii 68 (1975) 2, 91-143.
Dies.: Obraz avtora v žitijach protopopa Avvakuma i Sofronija Vračanskogo. In: Starobŭlgarska literatura 2 (1977) 182-200.
Dilevskij, P. M. und A. N. Robinson: Sofronij Vračanskij. Leningrad 1976.

Verfasser

Dimiter Statkov (GND: 1051480892)

GND: 118959514


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Empfohlene Zitierweise: Dimiter Statkov, Sofronij Vračanski, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 152-154 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1671, abgerufen am: (Abrufdatum)

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