Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kállay von Nagykálló, Miklós

Kállay von Nagykálló, Miklós, ungarischer Staatsmann, * Nyíregyháza 23.1.1887, † New York 14.1.1967, aus einer alten Grundbesitzerfamilie des mittleren Adels, die traditionell die Politik des Komitats Szabolcs im Nordosten Ungarns beherrschte.

Leben

 K. studierte in Budapest, Genf, München und Halle Rechtswissenschaft und promovierte in Budapest. Danach trat er in den Komitatsdienst ein, war 1920-1922 Oberstuhlrichter in seinem Heimatkreis Nagykálló und 1922-1929 Obergespan der Komi- tate Szabolcs und Ung. Nach Budapest gerufen, war er 1929-1930 Staatssekretär im Handelsministerium. Im folgenden Jahr kam er als Kandidat der Regierungspartei ins Parlament. Am 1. Oktober 1932 wurde er Landwirtschaftsminister im Kabinett von Gyula Gömbös, trat jedoch am 9. Januar 1935 aus Protest gegen die autoritären Neigungen seines Regierungschefs zurück und verließ auch die Regierungspartei. 1936 bis 1942 war K. Präsident des Landesbewässerungsamtes. 1937 wurde er zum Mitglied des Oberhauses auf Lebenszeit ernannt. Obwohl K. nicht zu den erfahrensten Politikern gehörte, ernannte ihn Reichsverweser Miklós Horthy am 9. März 1942 als Nachfolger des entlassenen László Bárdossy zum Ministerpräsidenten. Seine Ernennung markierte den Erfolg der konservativen Ratgeber des Reichsverwesers, die sich gegen Bárdossys bedingungslose Unterstützung Deutschlands wehrten. Fürs erste setzte K. die Kriegsanstrengungen gegen die Sowjetunion fort und verstärkte sie sogar, was zur Vernichtung der ungarischen Expeditionsarmee im Januar 1943 am Don führte. Sobald K. gewahr wurde, daß Deutschland verloren war, verminderte er die Teilnahme ungarischer Truppen an den Kämpfen im Osten; er knüpfte geheime Verbindungen zu den Westalliierten, um ihnen, und nicht der Sowjetunion gegenüber zu kapitulieren; er ermunterte die liberal-demokratische Opposition, Ungarns Bündnis mit Deutschland zu kritisieren und lehnte deutsche Forderungen nach schärferen Maßnahmen gegen die fast 1 Million Juden ab. Alliierte Flugzeuge wurden beim Überfliegen Ungarns nicht beschossen, alliierte Kriegsgefangene, die nach Ungarn entkommen waren, wurden dort wie Ehrengäste behandelt, und Ende 1943 äußerte eine offiziöse Budapester Zeitung in einem von K. inspirierten Leitartikel, daß Ungarn gern kapitulieren würde, aber wegen der Abwesenheit der alliierten Armeen nicht könne. Obwohl K. weiterhin wichtige Güter an Deutschland lieferte, wurde Hitler ungehalten über ihn, besonders als die Deutschen von den ungarischen Geheimverhandlungen erfuhren. Am 19. März 1944 besetzte die Wehrmacht Ungarn ohne Widerstand. Während K. in die türkische Gesandtschaft floh, wurden alliiertenfreundliche Politiker verhaftet und die Mehrheit der Juden nach Auschwitz deportiert. K. verließ bald die türkische Gesandtschaft und wurde von den Deutschen zuerst nach Mauthausen, dann ins Konzentrationslager Dachau und schließlich nach Italien deportiert, wo er im Mai 1945 von US-Truppen befreit wurde. Aus Italien emigrierte er 1951 nach New York, wo er Mitglied des Ungarischen Nationalkomitees im Exil wurde. Obwohl K. einer der erbittertsten Feinde des nationalsozialistischen Deutschlands war und auch soziale und wirtschaftliche Verbesserungen im Lande anstrebte, wurde er im Nachkriegsungarn heftig wegen der Verfolgung von Kommunisten und der Weigerung, der Sowjetunion gegenüber zu kapitulieren, angegriffen. K.s Memoiren (Hungárián Premier: A Personal Account of a Nation’s Struggle in the Second World War, New York 1954) sind apologetisch, enthalten aber historisch wertvolles Material.

Literatur

Ullein-Reviczky, Antal: Guerre allemande, paix russe. Neuchâtel 1947.
Kertesz, Stephen D.: Diplomacy in a Whirlpool. South Bend, Ind. 1953.
Horthy, Nikolaus von: Ein Leben für Ungarn. Bonn 1953.
Macartney, Carlile Aylmer: October Fifteenth. 2 Bde. Edinburgh 1961.
Ránki, György: Emlékiratok és valóság Magyarország második világháborús szerepéről. Horthysta politika a második világháborúban. Budapest 1964.
Allianz Hitler-Horthy-Mussolini. Dokumente zur ungarischen Außenpolitik (1933-1944). Hrsg. Magda Ádám (u. a.). Budapest 1966.
Fenyő, Mario: Hitler, Horthy and Hungary. German-Hungarian Relations, 1941- 1944. New Haven, Conn. 1972 (mit Bibliographie).

Verfasser

István Deák (GND: 124078257)


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