Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Gesemann, Gerhard Friedrich Franz

Gesemann, Gerhard Friedrich Franz, deutscher Literarhistoriker und Volksforscher, * Lichtenberg (Braunschweig) 16.12.1888, † Bad Tölz (Oberbayern) 31.03.1948.

Leben

G. studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Wolfenbüttel vor allem Germanistik und Volkskunde in München, Berlin und Kiel. Nach der Promotion bei Friedrich Kaufmann (1913) unterrichtete er am serbischen Gymnasium in Belgrad. Er erlebte den Zusammenbruch Serbiens im Ersten Weltkrieg und schilderte ihn in dem literarisch gestalteten Tagebuch „Die Flucht“ (München 1935). 1920 habilitierte er sich bei Erich Berneker in München mit der Edition der Erlanger Handschrift (veröffentlicht als „Rukopis starih srpskohrvatskih narodnih pesama“, Sremski Karlovci 1925). 1922 wurde er als außerordentlicher Professor für Slawistik an die Deutsche Universität Prag berufen und wurde dort ein Jahr später Ordinarius. Mit einer kurzen Unterbrechung wirkte er hier bis 1945. Nachdem ihm der Verlust seiner Balkan-Spezialbibliothek und zahlreicher Manuskripte das Arbeiten auf seinem engeren Forschungsgebiet unmöglich gemacht hatte, widmete er sich in seinen letzten Lebensjahren in Oberbayern philosophischen und literarischen Studien.
G. durfte als einer der besten Kenner der südslawischen Volksdichtung seiner Zeit gelten. Er hat sie sowohl in ihren literarischen Fixierungen erforscht wie persönlich im Lande aus dem Munde von Überlieferungsträgern aufgenommen. Seine vorzügliche Sprach- und Landeskenntnis, sein Einfühlungsvermögen und seine gewinnende Persönlichkeit ebneten ihm den Weg zu den Menschen des Südostens. Neben wissenschaftlichen Untersuchungen vorwiegend in Aufsätzen (Archiv für slavische Philologie, Slawische Rundschau) vermittelte er durch werkgetreue und formgewandte Übersetzungen (Helden, Hirten und Hajduken. Montenegrinische Volksgeschichten, München 1935; 72 Lieder des bulgarischen Volkes, Berlin 1944) dem mitteleuropäischen Publikum diese Zeugnisse des Volksgeistes. Seine bahnbrechende wissenschaftliche Leistung ist aber der weitgespannte Versuch, über die Volksdichtung zu einer Charakterologie der südslawischen Völker im vorbürgerlichen Zeitalter vorzustoßen und durch die vergleichende Einbeziehung von Parallel-Erscheinungen in anderen europäischen Reliktgebieten (Maina, Korsika, schottisches Hochland) die geistige und soziale Struktur Alteuropas zu erfassen (Heroische Lebensform. Zur Literatur und Wesenskunde der balkanischen Patriarchalität, Berlin 1943).

Literatur

Mühlmann, Wilhelm Emil: Zum Gedächtnis von Gerhard Gesemann. In: Z. slav. Philol. 22 (1953/54) 237-243.

Verfasser

Gerhard Grimm (GND: 13735374X)

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Empfohlene Zitierweise: Gerhard Grimm, Gesemann, Gerhard Friedrich Franz, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 41-42 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=872, abgerufen am: (Abrufdatum)

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