Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Ferdinand I., König von Rumänien

Ferdinand I., König von Rumänien 1914-1927, * Sigmaringen 24.08.1865, † Sinaia 20.07.1927, zweiter Sohn des Fürsten Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen und der Infantin Antonia von Portugal, Neffe König Karls I. von Rumänien.

Leben

F. besuchte das Gymnasium in Düsseldorf und die Kadettenschule in Kassel, wurde 1885 preußischer Gardeoffizier und studierte ab 1887 in Tübingen und Leipzig Geschichte, Philosophie und Jura. 1881 und 1886 machte er Besuche in Rumänien, wo er durch Adoption Thronerbe des kinderlosen Königs Karl I. wurde. 1893 heiratete er die englische Prinzessin Maria und lebte in Rumänien bis 1914 im Schatten seines Oheims und seiner Gattin. F. widmete sich vor allem der rumänischen Armee und durchlief ihre Ränge bis zum Korpsgeneral und Heeresinspekteur. Im Zweiten Balkankrieg (29.06.-10.08.1913) in der Koalition gegen Bulgarien war er Oberbefehlshaber der rumänischen Truppen. Im Dezember 1912 forderte Rumänien die Donaufestung Silistra als Kompensation für die osmanische Beute Bulgariens, begehrte im Sommer 1913 aber mehr: F. marschierte am 13. Juli auf Sofia zu, ohne auf viel Widerstand zu stoßen. Im Frieden von Bukarest erhielt daraufhin Rumänien die Süddobrudscha (Kadrilater), die bis zum Zweiten Weltkrieg das Streitobjekt zwischen den beiden Ländern blieb.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges erklärte sich Rumänien neutral, trotz Bevorzugung des Lagers der Mittelmächte durch König Karl I. und die Konservativen Petre P. Carps. Die Neutralitätserklärung vom 3. August wurde auf Anraten des Führers der Nationalliberalen Ion I. C. Brătianus abgegeben, der bis Sommer 1916 eine ehrgeizige Diplomatie geheimer Verhandlungen und Beistandsversprechungen an die Rumänien mehr bietende Koalition verfolgte.
Karl I. starb im Oktober 1914. Mit F. bestieg am 11. Oktober ein Militärexperte den Thron Rumäniens, der von bedeutenden politischen Entscheidungen bislang ferngehalten worden und dem brillanten Brătianu nicht gewachsen war, sich folglich in der Politik von ihm leiten ließ. Anders als sein Vorgänger, war F. von Germanophilie nicht belastet. Er stand voll hinter Brătianu, als dieser im Sommer 1916 nachdrücklich den rumänischen Kriegseintritt empfahl. Die Alliierten hatten nach zwei fast erfolglosen Jahren an der Balkanfront gerade die Brussilow-Offensive gestartet, die eine baldige Niederlage Österreich-Ungarns erwarten ließ. Russische Truppen drangen bis in die Bukowina vor.
Am 4. Juli 1916 stimmte das Kabinett Brătianu für den Kriegseintritt. Am 23. Juli wurde mit Frankreich und England in Chantilly eine Militärkonvention abgeschlossen, die Brătianu aber nicht ratifizierte, da nicht alle seine Forderungen erfüllt wurden:
1. Kriegserklärung nur gegen Österreich-Ungarn, nicht aber auch gegen Bulgarien, 2. Gleichberechtigte Aufnahme - wie die von Italien - in die Entente Cordiale, 3. Friedensschluß der Entente nur, wenn Rumänien alle ihm im Vertrag versprochenen Gebiete erhalten hat (d. h. Siebenbürgen, das ganze Banat, Maramureş, Crişana, Bukowina). Erst am 17. August 1916 wurde dieser Geheimvertrag in Bukarest unterzeichnet, ebenso eine Militärkonvention. Obgleich im Kronrat einige Konservative abermals für die Neutralität stimmten, erklärte die Regierung F.s am 27. August 1916 Österreich-Ungarn den Krieg. Kriegserklärungen Deutschlands, Bulgariens und der Türkei an Rumänien folgten. Die rumänische Offensive an der siebenbürgischen Front (August/September 1916) kam rasch zum Stehen. Die rumänische Armee mußte demütigende Niederlagen hinnehmen: am 6. Dezember 1916 fiel Bukarest, im Januar 1917 waren zwei Drittel des Landes in Feindeshand. Der König und sein liberales Kabinett wichen nach Jassy aus, von wo aus sie bis zum Zusammenbruch der russischen Front eine Verteidigungslinie hielten (verlustreiche Schlachten der schlecht gerüsteten rumänischen Armee bei Mărăşeşti, Mărăşti und Oituz im Sommer 1917). F. befand sich meist bei der Truppe und versprach den Soldaten bei der Heimkehr Land und Wahlrecht.
Währenddessen konstituierte sich in Bukarest eine deutschfreundliche Verwaltung unter dem Konservativen Alexandru Marghiloman, der im Frieden von Bukarest (7.05.1918) von der Reichsregierung harte Bedingungen diktiert wurden (Getreide- und Öllieferungen an die Mittelmächte sowie Abtretung der Dobrudscha an Bulgarien). Der Auseinanderfall des russischen Heeres und die schwindende Bedeutung des Kriegsschauplatzes am Balkan brachten jedoch Rumänien seinen nationalen Kriegszielen näher. Zunächst konnte Bessarabien besetzt werden. Ein Volksentscheid, der am 8. April 1918 den Anschluß des Landes an Rumänien gutgeheißen hatte, ließ F. ausrufen: „Wir werden auch die Bukowina und Siebenbürgen bekommen!“ Die Volksentscheide in Czernowitz am 12. November 1918 und in Karlsburg (Alba Iulia) am 1. Dezember 1918 sprachen sich gleichfalls für den Anschluß aus. Außer dem Erwerb Bessarabiens wurden auf den Pariser Friedensverhandlungen auch diese Gebietserweiterungen Rumäniens sanktioniert. „Großrumänien“ entstand. Am 15. Oktober 1922 wurde F. in Karlsburg zum ersten „König aller Rumänen“ gekrönt. F. folgte auch weiter der Außen- und Innenpolitik Brătianus (Bündnis mit Frankreich und Polen, Kleine Entente, Balkanbund, Agrarreform, allgemeines Wahlrecht). 1926 übertrug F. auf Wunsch Brătianus die Thronfolge auf seinen Enkel Michael, da sein Sohn Karl sich wegen seiner Verbindung mit der nicht standesgemäßen Elena Lupescu diskreditiert hatte.

Literatur

Marie, Queen of Rumania: My country. London 1916.
Dies.: The story of my life. London 1934.
Prost, Henri: Destin de la Roumanie 1918-1954. Paris 1954.
Macartney, C[arlile] A[ylmer] and A[lan] W[arwick] Palmer: Independent Eastern Europe. A history. London 1962.
Tuţui, Gheorghe und Mircea Popa: Hohenzollernii în România. Bucureşti 1962.
Constantinescu Miron u. Ştefan Pascu (Hrsg.): Desăvîrşirea unificării statului naţional român. Unirea Transilvaniei cu vechea Românie. Bucureşti 1968.

Verfasser

Krista Zach (GND: 120069873)

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Empfohlene Zitierweise: Krista Zach, Ferdinand I., König von Rumänien, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 508-509 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=815, abgerufen am: (Abrufdatum)

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