Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Rüstem Pascha

Rüstem Pascha, osmanischer Großwesir 1544-1553, 1555-1561 und Geschichtsschreiber, * nahe Sarajevo um 1500, † Istanbul 12.07.1561

Leben

 Als Großwesir und Schwiegersohn Sultan Suleymans I. übte R. viele Jahre hindurch einen mächtigen Einfluß aus. Er stammte aus einer ursprünglich christlichen Familie in Bosnien, deren Name Opuković gewesen sein soll. In früher Jugend kam er nach Konstantinopel, wo er in der Pagenschule erzogen wurde. Seine Karriere begann im Hofdienst und führte über die Ämter des großherrlichen Waffenträgers (Silâhdâr) und des Oberstallmeisters (Mîrahûr-i evvel) zur Beamtenlaufbahn. Er wurde zunächst Statthalter von Diyarbekir und dann von Anatolien, 1539 dritter und 1541 zweiter Wesir, bis er am 1. Dezember 1544 das Reichssiegel erhielt. Im Jahre 1539 hatte auch seine Hochzeit mit Mihr-ü Mâh, der einzigen Tochter Sultan Süleymans und dessen Lieblingsfrau Hürrem Sultan (Roxelane) stattgefunden. Unter dem Großwesirat R.s erlangte der Harem einen größeren Einfluß auf die Staatsgeschäfte als zuvor. R. war der Vertraute und Günstling seiner Schwiegermutter und unterstützte die Pläne der ehrgeizigen Sultanin, einem ihrer Söhne den Thron zu verschaffen. Als sich nach der Hinrichtung des Prinzen Mustafa im Jahre 1553 der Zorn der Truppen gegen R. als Mitschuldigen richtete und ein Aufstand der Janitscharen drohte, wurde R. wohl auf seinen eigenen Rat hin vorübergehend abgesetzt. Den Intrigen des Harems gelang es aber schon 1555, seinen Nachfolger Ahmed Pascha aus dem Weg zu räumen und R. wieder in das höchste Amt im Staat einzusetzen, das er bis zu seinem Tod im Juli 1561 innehatte. R. war ein Mann von scharfem Verstand, gutem Gedächtnis und außerordentlicher Tatkraft. Er war ausdauernd und geschickt in Verhandlungsführung und der Abwicklung von Geschäften, dabei ausgesprochen eitel, geldgierig und bestechlich. Er schöpfte alle möglichen Einnahmequellen aus und brachte auf diese Weise nicht nur die Staatsfinanzen in Ordnung, sondern erwarb auch ein beträchtliches privates Vermögen. Aber seine Praktiken wirkten sich in der Folgezeit nachteilig für das osmanische Staatswesen aus. Er betrieb den Verkauf von Ämtern in einem bis dahin nicht üblichen Ausmaß und öffnete damit der Korruption Tür und Tor. Auf seine Amtszeit geht auch die Unsitte zurück, Krongüter und öffentliche Ländereien zu verpachten und andererseits die vom Sultan verliehenen Staatsgüter in fromme Stiftungen umzuwandeln und sie so dem Staatsschatz zu entziehen. Dagegen erwarb sich R. bleibenden Ruhm als Bauherr. Er hinterließ nicht nur die wegen ihrer prächtigen Fayencen berühmte Rüstem-Pascha-Moschee in Istanbul, sondern eine große Zahl von Moscheen, Medresen, Karavanserais und anderen Bauten in der Hauptstadt und verschiedenen Teilen des Reiches, von denen etwa zwei Dutzend von dem berühmten Baumeister Sinan stammen. R. war ein Feind der Dichter und wurde dafür von diesen in Spottgedichten angegriffen. Dagegen begünstigte er historische Studien. Unter seinem Namen ist eine Chronik des Osmanischen Reiches ,,Tevârîḫ-i âl-i ‘Osman“ erhalten, deren Autor nicht bekannt ist. Man nimmt an, daß R. eher der Auftraggeber als der Verfasser der Chronik ist. Sie reicht in ihrer vollständigsten erhaltenen Fassung bis in das Jahr 968 (1560/61), das Todesjahr R.s. Da zwei Drittel dieses Geschichtswerkes auf ältere Chroniken zurückgehen, gewinnt es erst da an Bedeutung, wo Zeitereignisse beschrieben werden. Eine deutsche Übersetzung von wichtigen Teilen dieses Werkes wurde von Ludwig Forrer unter dem Titel „Die osmanische Chronik des Rustem Pascha“ in Leipzig 1923 (= Türkische Bibliothek XXI) veröffentlicht.

Literatur

Knolles, Richard: The Generall Historie of the Turkes,... Together with the Lives and Conquests of the Othoman Kings and Emperours. London 1603.
Hammer: Bd 3.
Navagero, Bernardo: Relazione dell'Impero Ottomano. In: Albèri, Eugenio: Relazioni degli ambasciatori veneti al senato. Florenz 1840.
Zinkeisen: Bd 3.
Pečevî, Ibrâhîm: Ta‘rîḫ. Bd 1. Istanbul 1866.
Busbeck, Ogier Ghiselin von: Vier Briefe aus der Türkei. Hrsg. Wolfram von den Steinen. Erlangen 1926.
Babinger, Franz: Die Geschichtsschreiber der Osmanen und ihre Werke. Leipzig 1927.
Kreševljaković, Hamdija: Veliki vezir Rustem Paša. Sarajevo 1938.
Gökbilgin, Tayyib: Rüstem Paşa ve hakkindaki ithamlar. In: İstanbul Üniversitesi Edebiyat Fakültesi Tarih dergisi VIII/11-12 (1955) 11-43.

Verfasser

Edelgard Albrecht (GND: 104551445)

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Empfohlene Zitierweise: Edelgard Albrecht, Rüstem Pascha, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 65-67 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1613, abgerufen am: (Abrufdatum)

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