Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Sokollu Mehmed Pascha

Mehmed Pascha, Sokollu, Tavil (der Lange), osmanischer Großwesir 1565-1579, Sokol (südlich Višegrad, Bosnien) 1505, † (ermordet) Istanbul 12.10. 1579, Sohn des Bauern Dimitrije.

Leben

Der aus der bekannten bosnischen Familie Sokolović stammende ursprünglich christliche Junge hieß vorerst Bajo. Die Familie selbst wurde nach dem Heimatdorf Sokol (Falke) genannt. Nach der Thronbesteigung Süleymans des Prächtigen geriet der damals etwa 15jährige Bajo im Rahmen der Knabenlese nach Edirne und nahm zusammen mit dem Islam den Namen Mehmed an. Auf Anordnung des Sultans kam er zur Ausbildung in den Palast dieser Stadt. Später wurde er in den Groß-herrlichen Serail in Istanbul versetzt. Stufenweise befördert, erreichte M. bald die Würde eines Waffenträgers. Zu dieser Zeit ließ er seinen Vater Dimitrije, der ebenfalls zum Islam übertrat und den Namen Cemaleddin Sinan annahm, sowie andere Angehörige nach Istanbul kommen, unter ihnen einen Vetter, Mustafa, der später einer der bedeutendsten Beylerbeys von Ofen werden sollte. 1546 schied M., der inzwischen die wichtige Position eines Anführers der Türhüter erreicht hatte, aus dem Seraildienst aus und wurde ohne jegliche maritime Kenntnisse als Nachfolger des kurz zuvor verstorbenen Hayreddin Barbarossa, im Range eines Sandschakbey, zum Admiral der osmanischen Flotte befördert. Als 1549 Semiz Ali Pascha zum Beylerbey von Ägypten ernannt wurde, übernahm M. von ihm die Großstatthalterschaft von Rumelien. Da die Kräfte des Osmanenreiches ab 1548 für den Feldzug gegen das safawidische Persien in Anspruch genommen waren, sah der Schatzmeister Siebenbürgens, Frater Georg Martinuzzi-Utiešenović, die Zeit gekommen, das Land Ferdinand von Habsburg in die Hände zu spielen. Um dies zu verhindern, erhielt M. 1551 in seiner Eigenschaft als Beylerbey von Rumelien den Auftrag, den Interessen der Pforte mit Waffengewalt Geltung zu verschaffen. Die Eroberung der Festungen Becse (Beče) an der Theiß, Becskerek (heute Zrenjanin), Csanád und Lippa (Lipova) an der Muresch markierte u. a. die einzelnen Stationen des Feldzugs; der Belagerung von Temeschwar wurde einstweilen jedoch kein Erfolg beschieden. Als sich M. vor Einbruch des Winters nach Belgrad zurückzog, gelang es den siebenbürgischen und habsburgischen Truppen, die türkischen Eroberungen bis auf Beese und Becskerek zunichte zu machen. 1552 beteiligte sich M. mit den rumelischen Truppen unter dem Oberbefehl des damaligen zweiten Wesirs, Kara Ahmed Pascha, an der Eroberung Temeschwars. M. begleitete ihn mit seinen Truppen während des ganzen Feldzugs, wobei es der osmanischen Armee gelang, Szolnok einzunehmen; die Belagerung von Erlau (Eger), an der sich außer Kara Ahmed und M. noch der Ofner Beylerbey Hadim Ali Pascha beteiligte, mußte wegen der tapferen Verteidigung unter István Dohó, István Mecskey und Gergely Bornemissza erfolglos abgebrochen werden. Im Krieg gegen Persien (Feldzug von Nachitschewan 1553/54) war M. ebenfalls dabei, wonach er dann zum dritten Wesir ernannt wurde. In dieser Eigenschaft zerschlug er 1555 den sich in Rumelien von Saloniki bis nach der Dobrudscha verbreitenden Aufruhr, der vom sog. „Falschen Mustafa“ geleitet wurde, der sich als der vor zwei Jahren Hingerichtete Prinz Mustafa, einen Sohn des Sultans, ausgab. In der Auseinandersetzung der Prinzen Selim (des späteren Selim II.) und Bayezid stand M. den Truppen vor, die Selim zu unterstützen hatten und schlug 1559 Bayezid in der Ebene von Konya. Aus dieser Zeit stammt das herzliche Verhältnis, das M. mit Selim verband, dessen Tochter, die vierzig Jahre jüngere Ismihan, er 1562 sogar heiratete. 1561 stieg M. zum zweiten Wesir auf. Als der Großwesir Semiz Ali Pascha 1565 starb, wurde M. an seine Stelle befördert und behielt diesen Posten - während der letzten Regierungszeit Süleymans, unter Selim II. und während der ersten fünf Jahre Murads III. - bis zu seinem Tode. Im Gegensatz zur friedfertigen Politik seines Vorgängers den Habsburgern gegenüber neigte M. eher zur militärischen Lösung. 1566 wurde ein neuer Feldzug gegen Österreich eröffnet, der am 8. September in der Eroberung der Festung Szigetvár, die die osmanischen Zufahrtswege nach Ofen gefährdete, gipfelte. Miklós Zrínyi, der die Festung verteidigt hatte, fiel in diesem Kampf. Süleyman I., der bei der Belagerung der Festung anwesend gewesen war - ohne sich jedoch in die militärische Führung einzumischen -, war bereits einen Tag vorher verstorben. Um die Kampfbegeisterung der Belagerungstruppen nicht aufs Spiel zu setzen, verheimlichte M. den Tod des Sultans und verkündete ihn erst nach der Einnahme der Burg. Nach diesem Feldzug nahm M. an keiner militärischen Expedition mehr teil. Der neue Sultan Selim II. beließ M. nicht nur im Großwesirat, er betonte sogar wiederholt seine Hochschätzung und sein volles Vertrauen M. gegenüber und ließ ihm freie Hand in der Verrichtung der Staatsgeschäfte. M.s Amtsführung zeichnete sich in der folgenden Zeit durch eine lebhafte diplomatische Tätigkeit aus. So empfing er die Gesandten Persiens, Siebenbürgens, Polens und des Sultanats Atjeh auf Sumatra. Ab 1567 führte er in Adrianopel Friedensverhandlungen mit den Gesandten Kaiser Maximilians II., die am 17. Februar 1568 abgeschlossen werden konnten. Der Friede trug den bestehenden Besitzverhältnissen Rechnung. 1569 brachte ein Feldzug nicht den gewünschten Erfolg, Astrachan den Russen zu entreißen, die das Chanat 1554 erobert hatten. Damit scheiterte auch der Plan, einen Wolga-Don-Kanal zu errichten. Vielleicht steht mit diesem erfolglosen militärischen Unternehmen in Zusammenhang, daß M. 1570, als beschlossen wurde, Zypern den Venetianern abzunehmen, vorerst dagegen war. Sultan Selim II. entschloß sich jedoch für diesen Eroberungszug unter Einfluß seines Günstlings Joseph Nassi, eines reichen Juden, der das gesamte Geldwesen des Osmanenstaates unter Kontrolle hatte und dem der Sultan trotz M.s Widerstand sogar die Würde eines Fürsten von Naxos verlieh. Als M. dann auch im Diwan überstimmt wurde, blieb ihm nichts übrig, als sich für den siegreichen Abschluß des Feldzugs einzusetzen. Die Eroberung der Insel durch Lala Mustafa Pascha 1571 bewirkte, daß unter Führung von Papst Pius V. eine antiosmanische Liga zustandekam: einer starken spanisch-venezianisch-päpstlichen Flotte unter Don Juan d’Austria gelang es, die osmanischen Seestreitkräfte am 7. Oktober 1571 bei Lepanto zu zerschlagen. Da die Liga jedoch nach diesem Sieg auseinanderfiel, konnten die Osmanen ihre Eroberungen behalten. Dank M.s persönlichem Einsatz ist es ihnen sogar gelungen, innerhalb eines einzigen Jahres eine neue Flotte aufzustellen. Als Selim II. 1574 starb, beließ Murad III. M. weiterhin das Großwesirat. M. konnte zu dieser Zeit noch weitere außenpolitische Erfolge verbuchen: 1577 konnte der Friedensvertrag mit Österreich für acht Jahre verlängert und ein Vertrag mit Stephan Báthory von Polen abgeschlossen werden. Zwei Jahre später, 1579, wurde die erste Kapitulation mit England zustandegebracht. Zwar kümmerte sich Murad III. kaum um die politischen Angelegenheiten, entschloß sich aber trotz M.s Bedenken, dessen Einfluß stark zurückgegangen war, für einen Feldzug gegen Persien (1578- 1590). Das Ende des Krieges, das gleich zu Beginn die Eroberung Kaukasiens ein- bringen sollte, erlebte M. freilich nicht mehr: Am 12. Oktober 1579 wurde er von einem als Derwisch verkleideten abgesetzten bosniakischen Timarioten erdolcht.

Literatur

Kukuljević-Sakcinski, Ivan: Mehmed Sokolović. In: Ders.: Glasoviti Hrvati prošlih vjekova. Zagreb 1886, 73-97.
Brosch, Moritz: Geschichten aus dem Leben dreier Großwesire. Gotha 1899, 3-70.
Refik, Ahmed: Sokollu (911:987). Istanbul 1924. (serbokroatische Ausgabe: Sokolović. Sarajevo 1927).
Djurdjev, Branislav: Prva godina ratovanja Mehmeda Sokolovića u Banatu i prva opsada Temišvara. In: Glasn. ist. Društ 7 (1934) 64-79.
Danişmend, Ismail Hami: Izahli Osmanlı Tarihi Kronolojisi. Bd 2-3. Istanbul 1948/61.
Uzunçarşılı, Ismail Hakkı: Osmanlı Tarihi. Bd 2. Ankara 1964(2); Bd 3/2. Ankara 1954.
Gökbilgin, M. Tayyib: Mehmed Paşa. Muhammed Paşa, Sokollu, Ṭavīl. In: Islâm Ansiklopedisi. Bd 7. Istanbul 1957, 595-605 (mit Bibliographie).
Peçevî, Ibrahim: Peçevi Tarihi. Bugünkü ifadeye çeviren: Murat Uraz. 2 Bde. Istanbul 1968/69.
Selānikī, Muṣṭafā: Tāriḫ-i Selānikī. Die Chronik des Selānikī. Neudruck. Mit einem Vorwort von Klaus Schwarz. Freiburg 1970.
Samardžić, Radovan: Mehmed Sokolović. Beograd 1971.

Verfasser

Josef Matuz (GND: 119025671)


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