Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kállay von Nagykálló, Benjamin

Kállay von Nagykálló, Benjamin, österreichisch-ungarischer Staatsmann, * Pest 22.12.1839, † Wien 13.07.1903.

Leben

Nach dem Studium der Sprachen und der Geschichte Südosteuropas vertrat K. auf Betreiben des ungarischen Ministerpräsidenten Graf Julius Andrássy d. Ä. vom 27. Januar 1868 bis 16. Mai 1875 Österreich-Ungarn als Generalkonsul und diplomatischer Geschäftsträger in Belgrad. Im Sinne Andrássys, doch im Gegensatz zum Außenminister Beust setzte sich K. für eine Vergrößerung Serbiens um türkisch-slawische Gebiete ein, um auf diesem Wege Serbien und die übrigen Balkanländer für die Donaumonarchie zu gewinnen. Als Frucht seiner in dieser Zeit betriebenen historischen Studien erschien 1877 „A szerbek története 1780-1815“ (deutsche Ausgabe: Geschichte der Serben, 1878; serbische Ausgabe Újvidék-Novisad 1885; aus dem Nachlaß K.s gab hierzu Ludwig von Thallóczy zwei Bände heraus: A szerb felkelés története 1807-1810, 1909; deutsche Ausgabe: Geschichte des serbischen Aufstandes 1807-1810, 1910). In seiner serbischen Geschichte erwies sich K. als überzeugter Anhänger Josef Dohrovskýs und Pavel Jozef Šafáriks und bekannte sich zur Theorie, nach der „Srb“ der Urnámé aller Slawen gewesen sei. Ferner bezeichnete er darin den überwiegenden Teil Bosniens und der Herzegowina sowie Süddalmatien als ursprüngliches Siedlungsgebiet des serbischen Volkes. 1875-1878 verteidigte K. als Mitglied des ungarischen Abgeordnetenhauses sowie als Leiter des Parteiblattes der Konservativen unter Baron Pál Sennýey, „Kelet Népe“ (Volk des Ostens), wiederholt die Balkanpolitik Andrássys und publizierte hierzu „Oroszország keleti törekvései“ (1878, deutsche Ausgabe: Die Orientpolitik Rußlands, 1878; serbische Ausgabe Novisad 1885). 1878 schickte ihn Andrássy als Vertreter der Donaumonarchie im internationalen Ausschuß für Ostrumelien nach Istanbul und machte ihn noch kurz vor seinem Rücktritt am 30. September 1879 zum Sektionschef im Außenministerium. Als „rechte Hand“ Haymerles führte K. nach dessen Tod die Geschäfte des Außenministeriums bis zum Amtsantritt Kálnokys vom 10. Oktober bis 10. Dezember 1881 und nahm führenden Anteil am Abschluß des Geheimvertrages zwischen österreich-Ungarn und Serbien (16. und 28.06.1881), den er persönlich mit den serbischen Diplomaten verhandelte. Am 4. Juli 1882 zum gemeinsamen Finanzminister ernannt, blieb seine einundzwanzigjährige Amtszeit untrennbar mit dem von ihm begründeten Kolonisations- und Aufbauwerk in den besetzten Provinzen Bosnien und Herzegowina verbunden, deren Verwaltung seinem Ministerium oblag. Zusammen mit einem Stab hervorragender Mitarbeiter (Freiherr Hugo von Kutschern, Ritter von Horowitz, Generalkonsul Carl Ritter von Sax) betrieb K. höchst energisch und in autokratischer Regierungsweise die Modernisierung der beiden Länder in allen Zweigen des öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens. Zu den Grundprinzipien seiner Regierung gehörte die Beibehaltung der gesellschaftlichen Struktur, auf der auch die osmanische Herrschaft aufgebaut war, nämlich des muslimischen Feudalismus, womit das sozialpolitisch wichtigste Problem der Kmeten- ablösung nicht gelöst werden konnte. K.s Stellung zu den drei nationalen und religiösen Volksgruppen wurde vom Grundsatz der Trennung der Orthodoxen von den Muslimen bestimmt, weil er annahm, daß diese sich früher oder später dem Katholizismus nähern würden. Nachdem er die Gefahren seiner anfänglich sehr serbenfreundlichen Politik erkannt hatte, suchte er den verschiedenen Nationalismen ein neues, von ihm initiiertes „bosnisches“ Nationalbewußtsein entgegenzustellen, dem die von ihm geförderte Zeitschrift „Bošnjak“ (Der Bosnier) als Sprachrohr auch für die Entwicklung der „Landessprache“ dienen sollte. Doch die Idee des bosnischen Patriotismus führte nicht, wie erwartet, zur Unterdrückung der nationalen Gefühle bei Serben und Kroaten. Unbeabsichtigt förderte sie nur das serbische Element, das zum Unterschied zu den polizeistaatlich gemaßregelten Kroaten ständige Unterstützung aus Serbien genoß und langsam auch die muslimische Volksgruppe für eigene Ziele einzuspannen verstand. So sah sich K. seit 1893 gezwungen, den Kroaten anzunähern. Verhältnismäßig spät (um 1900) erkannte er die Bedeutung der kroatischen Frage für die Existenz der Gesamtmonarchie und für die Integration Bosnien-Herzegowinas in diese. Weder den Muslimen noch den orthodoxen Serben hat K. eine freie kirchliche Selbstverwaltung zugebilligt; durch direkte Eingriffe in zentrale Angelegenheiten beider Religionsgemeinschaften hielt er sie stets unter staatlicher Kontrolle und wußte sich auch die Unterstützung des höheren orthodoxen Klerus zu sichern. Im Katholizismus stellte er den im Volke beliebten Franziskanern den Bekehrungseifer der 1882 ins Land gerufenen Jesuiten zur Seite. Im Unterrichtswesen verfolgte K. eine elitäre Erziehungspolitik, die eine Allgemeinbildung der Landbevölkerung ausschloß und durch die Wahl ihrer Standorte die schulischen Einrichtungen den bürgerlichen Schichten vorbehielt. Dem Aufbau einer Infrastruktur, insbesondere des Verkehrswesens durch Straßen- und Eisenbahnbau, folgte ein von K. entworfenes Industrialisierungsprogramm für beide Provinzen, das ganz auf die Verwertung der Naturschätze des Landes und diesen gemäß auf den Ausbau der Montanindustrie, der Holzverarbeitungsbetriebe und der chemischen Industrie ausgerichtet war. Die Organisation der industriellen Betriebe erfolgte in halbstaatlicher Regie (in staatlichem Besitz oder unter staatlicher Kontrolle), wodurch sich eine sinnvolle Eingliederung der Provinzen in die Gesamtwirtschaft der Monarchie ermöglichen ließ. Günstigere Besteuerung und Dividendengarantien regten die Kapitaleinfuhr und die Investitionstätigkeit in hohem Maße an. Neben Förderung von Handel und Gewerbe bewährte sich die Einrichtung einer staatlichen Forstverwaltung (1882), die Einführung eines Sanitäts- und Gesundheitswesens (1894 Eröffnung des ersten allgemeinen Krankenhauses in Sarajevo) und schließlich die Reform der Landwirtschaft durch Bau von Fachschulen (seit 1886), Einführung moderner Geräte, Einrichtung von Musterwirtschaften und Verbesserung der Kulturen (Kartoffel, Tabak, Obstbau). Mit dem 1888 eröffneten Landesmuseum in Sarajevo schuf K. ein Zentrum für die wissenschaftliche Erforschung des Landes, die er aus Überzeugung als wesentliche Grundlage für eine weitblickende Politik in der Entwicklung der ihm anvertrauten Länder betrachtete. Politisch infolge seiner doch weitgehenden und von ihm zu spät durchschauten Abhängigkeit von der ungarischen Nationalitätenpolitik wenig erfolgreich, behielten hingegen die von K. geschaffenen Grundlagen in der Verwaltung und vor allem in der Wirtschaft der beiden Länder bis in die Gegenwart hinein ihre Wirksamkeit.

Literatur

Thallóczy, Lajos: Kállay Béni tiszt, tag emlékezete. In: Akadémiai értesítő 20 (1909) 307-337.
Schmid, Ferdinand: Bosnien und die Herzegovina unter der Verwaltung Österreich-Ungarns. Leipzig 1914.
Kruševac, Todor: Sarajevo pod austro-ugarskom upravom 1878-1918. Sarajevo 1960.
Redžić, Enver: Kállays bosnische Politik. Kállays These über die bosnische Nation. In: Österr. Osth. 7 (1965) 367-379.
Dedijer, Vladimir: Die Zeitbombe. Sarajewo 1914. Wien, Frankfurt, Zürich 1967.
Bauer, Ernest: Zwischen Halbmond und Doppeladler. 40 Jahre österreichische Verwaltung in Bosnien-Herzegowina. Wien, München 1971.
Hauptmann, Ferdo: Bosanske financije i Kállayeva industrijska politika. In: Glasnik arhiva društva arhivskih radnika Bosne i Hercegovine 12/13 (1972/73) 59-84.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)


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