Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Joseph Anton Johann

Joseph Anton Johann, Erzherzog von Österreich, Palatin von Ungarn, * Florenz 9.03.1776, † Ofen 13.1.1847, siebter Sohn Peter Leopolds I., Großherzogs von Toskana, des späteren Kaisers Leopold II., und der Prinzessin Maria. Ludovica, Tochter König Karls III. von Spanien.

Leben

J. wuchs in Florenz auf und kam erst 1790 nach Wien, als sein Vater Kaiser Joseph II. auf dem Thron folgte. 1792 nahm J. an den Krönungsfeierlichkeiten Franz’ II. in Ofen teil. Nach dem jähen Tod seines Bruders, des Erzherzogs Alexander Leopold (12.07.1795), der als Palatin von Ungarn wegen seiner gemäßigten Art Sympathien erworben hatte, verlangten namhafte Persönlichkeiten des Landes vom Kaiser die Zustimmung zur Wahl J.s zum Palatin. Es war ein Sieg der konservativen Kräfte, daß der junge Erzherzog am 20. Juli 1795 nur zum Statthalter in Ungarn ernannt wurde. Franz II. mußte jedoch unter dem Druck in Ungarn selbst sowie infolge der französischen Bedrohung, die eine intensivere Beteiligung Ungarns an der Verteidigung der Monarchie erforderlich machte, nachgeben; J. wurde daraufhin am 12. November 1796 vom ungarischen Landtag in Preßburg zum Palatin gewählt. Zu Beginn seiner Regierung war J.s wichtigste Aufgabe, Ungarns finanzielle und militärische Beteiligung an den Franzosenkriegen zu gewährleisten. 1797, 1800 und 1809 wurde die adelige Insurrektion organisiert; die ersten beiden Male kam es wegen der Friedensschlüsse von Campoformido und Luneville nicht mehr zum Einsatz der adeligen Banderien; 1809 - das letzte Mal überhaupt, als der Adel Ungarns in den Krieg zog - erlitten diese im Gefecht von Raab (14. VI.) eine vernichtende Niederlage. J. und sein Bruder Erzherzog Johann führten dabei den Oberbefehl. Die militärischen Mißerfolge der Monarchie führte J. auf deren Aufbau zurück. Er legte seine Gedanken in einem Memorandum nieder, das er am 21. Juli 1810 an den Kaiser weiterleitete. Die Vorzüge der ungarischen Verfassung (konstitutionelle Formen) sollten demnach auch auf die österreichischen Erblande ausgedehnt werden („Hungarisierung Österreichs“), widrigenfalls ergebe sich aus organisatorischen Gründen die Errichtung einer bloßen Personalunion mit Ungarn. J. wollte mit seinen Vorschlägen auch Tendenzen entgegenwirken, wonach Ungarn seine Verfassung verlieren und organisatorisch den übrigen Teilen der Monarchie gleichgestellt werden sollte. J.s Vorschläge zur Regenerierung der Gesamtmonarchie blieben wegen der Erstarrung des Systems wirkungslos. J. beschränkte sich deshalb in der Folgezeit auf die Wahrung der ungarischen Verfassung und Förderung einer friedlichen Aufbauarbeit. Er drängte zum Ausgleich der Gegensätze und lehnte Gewaltmaßnahmen ab. Seinen Bemühungen sind die Einberufung des Landtags 1825, der Erfolg des 1832-1836er Landtags, die Amnestie für die inhaftierten Reformpolitiker Baron Miklós Wesselényi, Lajos Kossuth und László Lovassy 1840, ferner die Verhinderung der Auflösung des Kossuthschen „Schutzvereins“ 1843 zu verdanken. J.s Differenzen mit Fürst Metter nich, dem ungarischen Hofkanzler Antal Reviczky und dem Kaiser ließen sich letztlich auf die komplizierte staatsrechtliche Stellung zurückführen, in der sich J. befand: Als Präsident der Statthalterei war er der königlichen Hofkanzlei in Wien untergeordnet und leitete an oberster Stelle die Verwaltung; als Palatin war er nach dem Gesetz Stellvertreter des Königs, Mittler zwischen Nation und Herrscher, Präsident der Magnatentafel des Landtages und Obergespan des Komitates Pest, und schließlich als Erzherzog war er nur dem Kaiser zum Gehorsam verpflichtet. Besonders Graf Stadion und Fürst Metternich sorgten dafür, daß das Mißtrauen des Kaisers J. gegenüber wachblieb, da die konstitutionellen Sympathien des Erzherzogs ihren Regierungsprinzipien widerliefen. Nur dem diplomatischen Geschick J.s war es zu verdanken, daß er sein Amt bis zum Tode behalten konnte. Die Gründe für die große Beliebtheit J.s in Ungarn sind auch darin zu suchen, daß er ständig in Ofen wohnte und sich das Ungarische aneignete. Viele kulturelle Unternehmungen wurden von J. in entscheidendem Maße gefördert wie das Nationalmuseum, die Akademie der Wissenschaften, das Ludovizeum (Offiziersschule) und die später nach ihm benannte Technische Universität. Er entwickelte sein Gut in Alcsut (Komitat Pest) zu einem Musterbetrieb und erwarb als Vorsitzender der Pester „Verschönerungs-Commission“ (Szépészeti Bizottmány) große Verdienste um die Ordnung, Verschönerung und den Ausbau der Stadt Pest (Errichtung der Kettenbrücke über die Donau). In seinen letzten Lebensjahren betrieb er die Wahl seines Sohnes aus zweiter Ehe, des Erzherzogs Stephan, zum Palatin. J. war dreimal verheiratet: 1. mit Großherzogin Aleksandra Pavlovna, Tochter des Zaren Paul I., 2. mit Prinzessin Hermine von Anhalt-Bernburg-Schaumburg und 3. mit Prinzessin Maria Dorothea von Württemberg. Sein Andenken und seine Verdienste wurden vom ungarischen Landtag geehrt (1. Gesetzartikel vom Jahre 1848). J.s Papiere wurden von Sándor Domanovsky herausgegeben (József nádor iratai 1792-1809, 3 Bände, Budapest 1925/35).

Literatur

Wertheimer, Eduard: Palatin Erzherzog Josefs Gedanken zur Regenerirung Ungarns und Österreichs im Jahre 1810. In: Ungarische Revue 1 (1881) 343-356. (Ungarisch: Budapesti Szemle 26 (1881) 102-112.)
Domanovszky, Sándor: József nádor élete. 2 Bde. Budapest 1944.

Verfasser

Andras Gergely (GND: 120497050)


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