Hitler, Adolf

GND: 118551655

Hitler, Adolf, Reichskanzler und „Führer“ des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, * Braunau (Inn) 20.04.1889, † Berlin 30.04.1945, Sohn eines - aus dem niederösterreichischen Waldviertel stammenden - Zollbeamten.

Leben

H. strebte nach Abbruch des Besuchs der Realschule (Linz und Steyr) 1905 vergeblich über die Aufnahme in die Wiener Kunstakademie einen Künstlerberuf an. Stark beeinflußt von den antisemitischen und deutsch-völkischen Strömungen im Wien der Vorweltkriegszeit, entwickelte sich bei ihm eine extrem anti-liberalistische und anti-marxistische Haltung. Von München aus, in das H. 1913 übergesiedelt war, meldete er sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger in die bayerische Armee, wurde als Meldegänger (Gefreiter) mit dem „Eisernen Kreuz“ I. Klasse ausgezeichnet und erlebte das Kriegsende 1918 im Lazarett Pasewalk (zeitweilige Erblindung als Folge einer Gasvergiftung). Seinen Entschluß, sich ganz der Politik zu widmen, setzte er vorübergehender Schulungsredner im Rahmen der Propaganda-Abteilung des Münchener Reichswehrkommandos - mit dem Eintritt in die (im Februar 1920 in „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei“ umbenannte) „Deutsche Arbeiter-Partei“ im September 1919 in die Tat um. Sein Aufstieg im Rahmen dieser Partei (seit 1921 als Vorsitzender mit diktatorischen Vollmachten) und die zunehmende Ausstrahlungskraft seiner demagogischen Rhetorik, insbesondere auf erhebliche Teile der mittelständischen Bevölkerung, in der nach Niederwerfung der Räte-Republik (Mai 1919) stark von völkisch-nationalistischen Zirkeln bestimmten politischen Atmosphäre Münchens wurden durch den gescheiterten Putsch vom 9. November 1923 nur vorübergehend unterbrochen. Nach vorzeitiger Entlassung aus der im „Hitler-Prozeß“ auf fünf Jahre festgelegten Haft (Ende 1924) begann H. den zweiten langfristiger und systematischer angelegten Anlauf zur Gewinnung der beherrschenden Rolle zunächst in der inzwischen in rivalisierende Gruppen zerfallenen NSDAP und danach über diese Partei in Deutschland, nunmehr im wesentlichen mit der Werbung eines breiten Wähleranhangs in den vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelschichten. In der sich in als Deutschland als Existenzkrise der Republik aus wirkenden Weltwirtschaftskrise (1929-1933) gelang der Durchbruch zur Massenbewegung (Reichstagswahlen 1930 „Sprung“ von 12 auf 107 Mandate, Juli 1932 NSDAP stärkste Partei Deutschlands) und - nach Überwindung innerparteilicher Spannungen (mit dem Strasser-Flügel 1930 und Ende 1932) die Berufung H.s zum Reichskanzler (30.1.1933).
Vorgeprägt in der Führerideologie („Führerprinzip“) der NSDAP, die nunmehr in der Propaganda (Goebbels) auf H.s Rolle als Reichskanzler und seit dem Tode Hindenburgs (2.08.1934) als Staatsoberhaupt („Führer“) und Oberster Befehlshaber der Wehrmacht (im Kriege dann als „Feldherr“) überspielt wurde, setzte sich in verschiedenen Etappen (u. a. Notverordnung vom 28.02.1933, Ermächtigungsgesetz vom 23.03.1933, später - nach der Blomberg-Fritsch-Krise - direkte Unterstellung der Wehrmacht am 4.02.1938, schließlich auch Übernahme der Funktion eines „obersten Gerichtsherrn“ am 26.04.1942) die immer stärkere Konzentration aller Macht in Deutschland bei H. durch. In den Zeiten innen- und außenpolitischer Erfolge von der Akklamation der Massen begleitet, hielt er sie, gestützt auf den Propaganda- und Terrorapparat (SS), unter Ausschaltung tatsächlicher oder vermeintlicher Oppositioneller in leitenden Stellungen bis zu seinem Selbstmord in der Reichskanzlei in dem sich seit der Wende von Stalingrad 1943 rasch verkleinernden deutschen Herrschaftsbereich fest.
H.s Politik gegenüber Südosteuropa war im wesentlichen von seinem weitgespannten, einem universalen radikalen Antisemitismus untergeordneten, in den Büchern „Mein Kampf“ (1925/26) und „Zweites Buch“ (1928) niedergelegten Expansionsprogramm vorherbestimmt, das in einer ersten großen Phase die militärische Niederringung Frankreichs und die Eroberung neuen „Lebensraums“ im europäischen Rußland vorsah, in einer zweiten Phase mit dem Ziel der Erkämpfung einer „Weltmachtstellung“ für das von ihm geführte „Germanische Reich deutscher Nation“ auch nach Übersee ausgreifen wollte. Die Länder Südosteuropas hatten in dieser Perspektive vor allem in der Phase der Errichtung des Kontinentalimperiums erhebliche Bedeutung als Wirtschaftsfaktoren, als Rohstoff- (Erdöl, Bauxit) und Lebensmittellieferanten für das im Kriege befindliche Deutschland. Die Unterstützung der auf Kooperation drängenden revisionistischen Staaten Ungarn und Bulgarien mußte sich folglich ebenso in Grenzen halten wie die der ideologischen Bundesgenossen, der kleineren faschistischen Parteien in Südosteuropa, zumal gerade die wirtschaftlich interessantesten Länder, Jugoslawien und Rumänien, zu den Gewinnern des Weltkrieges 1914/18 gehörten. Hinzu kam, daß H. bei der Bildung der „Achse“ 1936 Italien die westlichen Länder Südosteuropas als politische Interessensphäre hatte überlassen müssen. Die Generallinie, im Interesse der Förderung des Warenaustausches mit allen Ländern Südosteuropas gute Beziehungen zu unterhalten und mit den etablierten Staatsführungen zusammenzuarbeiten, ließ sich über den Kriegsbeginn (September 1939) hinweg im großen und ganzen (Ausnahmen: 1. Wiener Schiedsspruch vom 2.11.1938, in dem Ungarn einen Teil der südlichen Slowakei erhielt und Hinnahme der Einverleibung der Karpato-Ukraine durch Ungarn am 15./16.03.1939) bis zum deutschen Sieg unter Mithilfe von Repräsentanten der sozialen Oberschicht über Frankreich (Mai/Juni 1940) durchhalten, obwohl H. im geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt (23.08.1939) das sowjetische Interesse an Bessarabien hatte anerkennen müssen. Die durch das sowjetische Ultimatum von Rumänien erzwungene Abtretung Bessarabiens und der Nordbukowina (28.06.1940) und die Unterstützung der Revisionsforderungen Ungarns und Bulgariens durch die Sowjetunion zwangen H. zu einer ersten Kursänderung. Im 2. Wiener Schiedsspruch (30.08.1940) sprach H. Nordsiebenbürgen und den Szekler-Zipfel Ungarn zu (und ließ im Vertrag von Craiova vom 7.09.1940 die südliche Dobrudscha an Bulgarien übergehen), legte sich jedoch zugleich mit der Garantie Rest-Rumäniens und der Entsendung einer Militärmission nach Rumänien politisch gegen ein weiteres Vorgehen der Sowjetunion fest und gewann damit eine zusätzliche Ausgangsbasis für den geplanten Eroberungszug nach Osten.
Das Scheitern des eigenwilligen Angriffs Mussolinis gegen Griechenland (ab 28.10. 1940) machte ein verstärktes politisches und militärisches Engagement H.s unumgänglich. Die Einbeziehung aller südosteuropäischen Länder in den „Dreimächtepakt", gedacht als Rahmen für die Einfügung dieses Gebiets in den deutsch-geführten Großwirtschaftsraum, scheiterte mit dem Putsch in Belgrad (27.03.1941), der eine weitere, die folgenschwerste, Veränderung von H.s Politik in Südosteuropa nach sich zog. Nun wurde nicht nur die Einbeziehung Jugoslawiens in den schon vorbereiteten Entlastungsvorstoß gegen Griechenland improvisiert, sondern H. entschloß sich, das anti-serbische Ressentiment hervorkehrend, zur Zerschlagung Jugoslawiens. Die Schaffung eines von der Ustascha geführten „Groß-Kroatien“ (mit Bosnien und der Herzegowina), die Unterstellung Serbiens unter deutsche Militärverwaltung, die Vergrößerung Italiens, Ungarns und Bulgariens auf Kosten Jugoslawiens (letzteres auch auf Kosten Griechenlands) und die mühsame Verständigung mit Mussolini über die deutsch-italienische Interessengrenze in Jugoslawien und Griechenland nach der schnellen Beendigung des Feldzuges (6.04. - 2.06.1941) mußten zwangsläufig zu stärksten Belastungen der bisher insgesamt erfolgreichen Südosteuropa-Politik H.s führen. Die Folgen zeigten sich in der Bildung und im stetigen Anwachsen nationalistischer und (nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22.06.1941) kommunistischer Partisanenbewegungen in beiden besiegten Ländern. Die Einbeziehung aller Staaten Südosteuropas in die „Endlösung“, die systematische Ausrottung der Juden in ganz Europa, durch den Widerstand Italiens und Ungarns, ab 1943 auch Rumäniens nur zum Teil vollendet, belastete die Stellung H.s in den Donau- und Balkanländern zusätzlich. Ein im Herbst 1943 unter dem Eindruck des Vordringens der Roten Armee in Richtung Südosteuropa halbherzig unternommener Versuch, die anti-kommunistischen Widerstandsbewegungen (vor allem Mihajlović) für sich zu gewinnen, zeitigte angesichts der Wendung der Kriegsaussichten nur begrenzte Erfolge. Nach dem Frontwechsel Rumäniens und Bulgariens (23.08. bzw. 9.09.1944) versuchte H. ohne Ergebnis, die bisher unterdrückten bzw. vernachlässigten faschistischen Gruppen in diesen Ländern („Eiserne Garde“; A. Cankov) gegen die neuen Regierungen auszuspielen. Nur in Ungarn, das H. am 19. März 1944 von deutschen Truppen hatte besetzen lassen und das nun auch in die „Endlösung“ einbezogen wurde, konnte er nach dem mißglückten Frontwechsel des Reichsverwesers Horthy (15.10.1944) das Regime der Pfeilkreuzler (Szálasi) installieren.
Das Bestreben, die wirtschaftlich wertvollen Gebiete Südosteuropas so lange wie möglich zu halten, bestimmte H.s Strategie in der letzten Kriegsphase wesentlich mit. Vor allem das ungarische Erdölgebiet und die Erzgruben in Jugoslawien sollten der eigenen Kriegführung erhalten bleiben. Daher wurde der Rückzug der Heeresgruppe E aus dem Süden im Januar 1945 an der Drina angehalten, und die letzte deutsche Offensive (ab 6.03.1945) galt der Sicherung des ungarischen Erdölgebietes. Indem sich H.s Südosteuropa-Politik nur noch auf das Ustascha-Regime in Kroatien und die Pfeilkreuzler in Ungarn stützen konnte, hatte sie ihre seit langem brüchig gewordene Grundlage schon vollends eingebüßt, ehe die letzten deutschen Truppen Ungarn und Kroatien räumten (4.04. bzw. 9.05.1945).

Literatur

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Krecker, Lothar: Deutschland und die Türkei im Zweiten Weltkrieg. Frankfurt a. M. 1964.
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Olshausen, Klaus: Zwischenspiel auf dem Balkan. Die deutsche Politik gegenüber Jugoslawien und Griechenland von März bis Juli 1941. Stuttgart 1973.

Verfasser

Andreas Hillgruber (GND: 118702815)

Empfohlene Zitierweise: Andreas Hillgruber, Hitler, Adolf, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 164-167 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=962, abgerufen am: 21.05.2024