Călinescu, Armand

GND: 119092743

Călinescu, Armand, rumänischer Staatsmann, * Piteşti 4.06.1893, † Bukarest 21.09.1939.

Leben

C. studierte Philosophie und Rechtswissenschaft in Bukarest und promovierte 1921 zum Doktor der Staatswissenschaften an der Sorbonne. Er begann seine politische Laufbahn 1919, als er der neugegründeten „Bauernpartei“ des Volksschullehrers Ion Mihalache beitrat. 1928 war er bereits Präfekt des Distrikts Argeş. C. gehörte dem linken Flügel der „Nationalen Bauernpartei“ an, die 1926 aus der Koalition mit Iuliu Manius „Nationalpartei“ und Mihalaches Bauernpartei“ hervorgegangen war.
Im 1. Kabinett dieser Koalitionsregierung war C. Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium (1929), dann Unterstaatssekretär im Innenministerium und wurde auch in den einander ablösenden Regierungen beibehalten (Iuliu Maniu und George Mironescu 16.11.1930 bis 18.04.1931; Iuliu Maniu und Vaida Voievod 21.10.1932 bis 13.11.1933), für kurze Zeit war er auch Unterstaatssekretär im Ministerpräsidium (11.08.1932-13.10.1932). Damit begannen C.s Auseinandersetzungen mit der „Eisernen Garde“, einer rechtsgerichteten Bewegung unter der Führung Corneliu Codreanus. Mit mehreren Parteifreunden trat er ostentativ aus der „Nationalen Bauernpartei“ aus und verschrieb sich der Politik Karls II., der ihn zum Innenminister im Kabinett Goga-Cuza (28.12.1937-10.02.1938) ernannte. Er bereitete nun die Königsdiktatur vor und setzte sie schließlich um so leichter durch, als er in den beiden darauffolgenden Regierungen des Patriarchen Miron Cristea (10.02.1938 bis 30.03.1938 und 30.03.1938 bis 6.03.1939) als stellvertretender Ministerpräsident und Minister des Innern amtierte. So gelang es ihm, nach faschistischem und nationalsozialistischem Vorbild eine Einheitspartei, die „Front der nationalen Wiedergeburt“ (Frontul Renaşterii Naţionale) zu gründen, ohne die Zustimmung der Bevölkerung einzuholen (15.12.1938). Diese Partei spielte politisch kaum je eine Rolle. Abgesehen von der Einführung neuer Uniformen und Rangabzeichen, der Einführung des römischen Grußes u. ä. konnte sie weder die innere Sicherheit garantieren, noch die schwerwiegenden außenpolitischen Probleme lösen.
Nach dem Tod des Patriarchen übernahm C. am 7. März 1939 das Ministerpräsidium und mußte sich notgedrungen mit der „Eisernen Garde“ und den Problemen, die der Kriegsbeginn im Westen aufgeworfen hatte, auseinandersetzen. Am 17. März 1939 war bereits im Kronrat beschlossen worden, daß Rumänien jeglicher Aggression, woher sie auch kommen mag, standhalten würde. Außenpolitisch gelang es C., zu einem politischen Gleichgewicht mit den feindlichen Mächten zu gelangen, er hielt jedoch im Grunde den herkömmlichen Verbündeten die Treue. Am 23. März 1939 schloß er ein Wirtschaftsabkommen mit dem Deutschen Reich ab, in dem eine engere Zusammenarbeit bei der Erdölgewinnung sowie Lieferungen von Waffen, Kriegsmaterial und landwirtschaftlichen Maschinen vereinbart wurden. Beinahe gleichzeitig garantierten Großbritannien und Frankreich die Unabhängigkeit des Landes (13.04.1939). Als interimistischer Kriegsminister ordnete C. am 1. Februar 1939 eine Neuaufrüstung an und forderte die sofortige Auslieferung des bestellten und bereits bezahlten Kriegsmaterials von Frankreich (Kanonen, Panzer, Flugzeuge). Er nahm auch das von den Tschechen angebotene Kriegsmaterial deutscher Herkunft an.
In der Innenpolitik mußte sich C. mit der „Eisernen Garde“ auseinandersetzen und verfügte die sofortige Schließung der genossenschaftlichen Lebensmittelversorgung der Legionäre. Codreanu selbst wurde wegen eines Protestbriefes an Nicolae Iorga, in dem er einen hohen Beamten beleidigt hatte, vor Gericht zitiert, was ihm eine sechsmonatige Gefängnisstrafe eintrug. Am 15. April 1938 ließ C. ein Dekret veröffentlichen, das einem neuen Strafgesetzbuch gleichkam. Für die Sicherheit des Staates sollten neue Tatbestände geahndet, schärfere Strafen verhängt werden, u. a. Zwangsaufenthalt. Zwei Tage später, am 17. April 1938, erklärte C. in einer Pressekonferenz, daß ein Komplott der „Eisernen Garde“ gegen die öffentliche Sicherheit aufgedeckt worden sei. Bei der Hausdurchsuchung in Vereinslokalen der Legionäre habe man Waffen und Munition gefunden. Codreanu wurde nun zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt (27.05.1938) und 6 Monate später, in der Nacht vom 29. zum 30. November, zusammen mit 13 Legionären auf der Landstraße Ploeşti-Bukarest wegen angeblichen Fluchtversuchs erschossen. Zehn Monate später rächte sich die „Eiserne Garde“ an C. und ermordete ihn in Bukarest auf offener Straße.
Untersetzt, ein schwarzes Monokel tragend, energiegeladen, hochintelligent und tapfer war C. eher ein politischer Opportunist. Von der Linken kommend, stellte er sich in den Dienst einer rechtsgerichteten Königsdiktatur, um dann die extreme Rechte zu bekämpfen. In seiner Parlamentsrede vom 28. Juni 1939 wollte er die Königsdiktatur, deren Mitbegründer er war, nicht als eine „geistige Revolution“, sondern als eine „Mentalitätsänderung“ verstanden wissen, die aber niemals den Beifall der Massen finden konnte.

Literatur

Savu, Alexandru: Unele aspecte privind poziţia partidelor politice din România în preajma instaurării dictaturii regale. In: An. Inst. Stud ist. 11 (1965) 118-131.
Ders.: Aspecte ale politicii externe în preajma declanşării celui de-al doilea război mondial. In: An. Inst. Stud. ist. 12 (1966) 66-84.
Lobey, Radu: Un assassinat oublié. In: Le Monde, 21./22.09.1969.

Verfasser

George Ciorănescu (GND: 130641340)

Empfohlene Zitierweise: George Ciorănescu, Călinescu, Armand, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 279-281 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=639, abgerufen am: 30.11.2022