Alexander I. Pavlovič

GND: 118501852

Alexander I. (Aleksandr) Pavlovič, Kaiser von Rußland 1801-1825, * St. Petersburg 23.12.1777, † Taganrog 1.12.1825, Sohn Pauls l. aus dessen 2. Ehe mit Prinzessin Sophie Dorothea Auguste von Württemberg (Marija Fedorovna), vermählt 1793 mit der fünfzehnjährigen Prinzessin Luise Marie von Baden (Elisaveta Alekseevna) .

Leben

A. ist im Ausmaß seines schillernden Charakters nur schwer zu erkennen. Die „bezaubernde Sphinx“ entzieht sich auch aus der Distanz eines Jahrhunderts dem fertigen Urteil. An zwei Höfen aufgewachsen, in Gatčina bei seinem Vater Paul I. und in der Hauptstadt bei seiner Großmutter Katharina II., die ihn dem gehaßten Sohn in der Sukzession vorziehen wollte, war er von früher Jugend an gezwungen, sich zu verstellen, zu taktieren und zu lavieren. Die geistige Entwicklung im Sinne der Aufklärung bestimmte der Waadtländer La Harpe. Als A. den Thron bestieg, schien er gewillt, die freiheitlichen Ideale des 18. Jh.s für Rußland Wirklichkeit werden zu lassen. Mit den Freunden Czartoryski, Novosil'cev, Kočubej und Stroganov fand er sich bis 1803 im „Inoffiziellen Komitee“ zusammen, um Reformen zu beschließen, die das despotisch regierte Rußland zu einem am Muster Westeuropas, vor allem Englands, ausgerichteten zeitgemäßen Staatswesen umgestalten sollten, in dem das Gesetz als einziger Ordnungsfaktor anerkannt wäre. Bei seinen Reformen und Reformanläufen (1802 Abschaffung der petrinischen Kollegien zugunsten allein dem Herrscher verantwörtlicher Minister; seit 1802 Weiterführung des katharineischen Schulprogramms u. a. durch Universitätsgründungen; 1803 Ukas, wonach es den Gutsherren anheimgestellt war, ihre Leibeigenen in den Stand „freier Ackerbauern“ zu überführen; seit 1808 Kodifizierung des geltenden Rechts zur Schaffung einer einheitlichen Rechtsgrundlage durch Speranskij; 1816-1819 Bauernbefreiung in den baltischen Provinzen; 1818/19 Ausarbeitung eines „Konstitutions-Projekts“ für das Kaiserreich durch Novosil’cev) blieb er immer darauf bedacht, eine Einschränkung der Selbstherrschaft und damit eine Erschütterung des autokratischen Gefüges zu verhindern.
A.s Außenpolitik war bestimmt durch die napoleonischen Kriege, die orientalische und die polnische Frage. In seinen ersten Regierungsjahren war er noch bemüht, sein Reformwerk im Innern durch eine europäische Befriedungs- und Neutralitätspolitik nach außen abzusichern. Nach einer längeren Periode des Einverständnisses mit Frankreich kam es, vornehmlich wegen der gegensätzlichen Interessen auf dem Balkan, zum Waffengang mit Napoleon, der den Russen die verheerenden Niederlagen von Austerlitz und Friedland einbrachten. Der Frieden von Tilsit bedeutete einen kurzen, aber radikalen Umschwung in der russischen Bündnispolitik: A. schloß sich mit Napoleon zusammen. Aus Serbien beorderte er das russische Truppenkontingent zurück, mit dem er - in der Befürchtung, daß sich die Insurgenten sonst an Frankreich wenden könnten - den erfolgreichen Aufstand der Šumadija gegen die Osmanen (1804) unterstützt hatte. In dem angesichts der drohenden Invasion Napoleons von A. eilig geschlossenen Frieden von Bukarest, der den sich bis 1812 hinschleppenden Krieg mit der Pforte beendete, sicherte sich Rußland Bessarabien, den östlich des Pruth gelegenen Teil der Moldau. A., im Innern des eigenen Landes von dem Franzosen bedroht, mußte es hinnehmen, daß die Türken nun mit verstärkter Kraft gegen die Serben vorgingen: 1813 wurde Belgrad wieder besetzt. Napoleons Versuch, Rußland durch den Marsch der Grande Armée in die Knie zu zwingen - der Geist von Tilsit war bald tiefem Mißtrauen und 1812 dem offenen Zerwürfnis gewichen -, veranlaßte A., zusammen mit den Österreichern, Engländern und Preußen den Krieg bis zur Niederringung des Korsen und zur Befreiung Europas von der napoleonischen Herrschaft fortzuführen. Seither war er von einem mystischen Sendungsbewußtsein erfüllt, das sich freilich vortrefflich mit den russischen Expansionsbestrebungen in Einklang bringen ließ. Auf dem Wiener Kongreß beanspruchte A. als Lohn für die Befreiung Europas ganz Polen, mußte sich aber nach Streitigkeiten mit Berlin und Wien mit einer neuen - vierten - Teilung des westlichen Nachbarn zufriedengeben. Rußland erhielt den Hauptteil mit Warschau („Kongreßpolen“), das als „Königtum Polen“ in Personalunion mit dem Kaiserreich vereinigt wurde. Seiner europäischen Machtstellung verlieh A. Ausdruck durch die Stiftung der von der livländischen Baronin Krüdener, Franz von Baader und Jung-Stilling angeregten Heiligen Allianz. Diese sollte eine auf den christlichen Geboten beruhende Politik begründen, wurde aber von Metternich zu einer Manifestation der Erhaltung und Bewahrung bewährter Regierungsprinzipien umgestaltet. Als sich die Griechen 1821 gegen ihre legitime Obrigkeit, den Sultan, erhoben, war A. vor die Wahl zwischen Restaurationsdenken und den eigenen Ansprüchen auf der Balkanhalbinsel gestellt.
Im Innern fand die autokratische Reaktion, die gepaart war mit einem überkonfessionellen Mystizismus A.s und weiter Teile der russischen Gesellschaft, ihren schriftlichen Niederschlag in Karamzins „Denkschrift über das alte und das neue Rußland“ (1811) und ihre Personifizierung in dem verhaßten Günstling Arakčeev, den sich A. zum Vertrauten seines letzten Jahrzehnts erwählt hatte. Nach seinem Tode hielt sich noch lange die Legende von seinem Weiterleben in den Weiten Sibiriens als heiligmäßiger Eremit Fedor Kuz’mič († Tomsk 1846).

Literatur

Tatiščev, S. S.: Alexandre I er et Napoléon. Paris 1891.
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Kizevetter, A. A.: Istoričeskie očerki. Moskau 1912.
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Pypin, A. N.: Issledovanija i stat’i po ėpoche Aleksandra I. 3 Bde. Petersburg 1916/18.
Presnjakov, A. E.: Aleksandr I. Petrograd 1924.
Winkler, M.: Zarenlegende. Glanz und Geheimnis um Alexander I. Berlin 1948(2).
Sementowsky-Kurilo, N. von: Alexander I. von Rußland. Frankfurt 1967.

Verfasser

Klaus Appel

Empfohlene Zitierweise: Klaus Appel, Alexander I. Pavlovič, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 38-40 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=423, abgerufen am: 31.05.2020