Simeon [Bulgarien]

GND: 118797263

Simeon, bulgarischer Fürst (Knjaz) und Zar 893-927, * ca. 864/65, † Preslav 27.05.927, dritter Sohn des Fürsten Boris I. (Michael) und seiner Gemahlin Maria.

Leben

Der wichtigste Hinweis über die Jugendzeit des S. findet sich in der „Antapodosis“ des Bischofs Liudprand von Cremona, der berichtet, S. sei von den Byzantinern als „Halbgrieche“ bezeichnet worden, weil er „von Jugend an in Byzanz die Rhetorik des Demosthenes und die Syllogismen des Aristoteles erlernt habe“, und nach dem Studium bis zum Herrschaftsantritt Mönch gewesen sei. Man vermutet, daß S. im Alter von 13 bis 14 Jahren von seinem Vater nach Konstantinopel gesandt wurde. Die knappen Angaben Liudprands lassen lediglich erkennen, daß S. eine normale, klassische - also keineswegs speziell theologisch ausgerichtete - byzantinische Ausbildung genoß, ohne daß man noch von einem Studium des S. an der „Magnaura-Universität“, die es nach den neuesten Forschungen nicht gab, sprechen könnte. Es ist aber anzunehmen, daß S. durch seinen Aufenthalt in Konstantinopel einen prägenden Eindruck von den politischen und kulturellen Standards der byzantinischen Gesellschaft und damit auch wesentliche Impulse für die später von ihm geförderte Sammlung und Übersetzung byzantinischer Literatur vermittelt bekam. Die Jahre nach seiner Rückkehr aus Byzanz (um 887?) verbrachte S. vermutlich in einem der Klöster (Patlejna?) Preslavs. Nachdem aber sein Bruder Vladimir nach vierjähriger Regierungszeit auf Geheiß seines Vaters abgesetzt und geblendet worden war, trat S. auf der Versammlung zu Preslav Mitte 893 dessen Nachfolge an. Kaum Fürst geworden, begann S. 894 einen Krieg gegen Byzanz, weil Kaiser Leon VI. sein Verlangen abschlug, die mit verschiedenen Nachteilen für die Bulgaren verbundene, vermutlich schon ca. 889 erfolgte Verlegung des Marktes für bulgarische Waren von Konstantinopel nach Thessaloniki rückgängig zu machen. (Damit erwies sich schon sehr schnell, daß die Einbindung Bulgariens in den Kreis der christlichen „Völkerfamilie“ das Umschlagen schwerer Interessenkonflikte in offenen Krieg nicht verhindern konnte.) Die Anfangserfolge S.s veranlaßten die auch gegen die Araber kämpfenden Byzantiner, die noch in ihrer Urheimat, dem Atelkuzu, lebenden Ungarn gegen Bulgarien in den Krieg hineinzuziehen. S. mußte vor ihnen mit seinen Truppen in der Donaufestung Dristra Schutz suchen und Friedensverhandlungen einleiten, die er aber abbrach, als es ihm gelungen war, gegen die Ungarn die Petschenegen aufzuhetzen. Mit ihnen schlug er die Ungarn so entscheidend, daß sie sich ihr neues Siedlungsgebiet im karpato-pannonischen Raum suchten. Die von S. dann mit dem byzantinischen Diplomaten Leon Choirosphaktes wiederaufgenommenen Friedensverhandlungen führten zu einem Waffenstillstand, in dem S. 120 000 byzantinische Kriegsgefangene freiließ. Wohl wegen von Byzanz nicht eingehaltenen Vertragspunkten eröffnete S. erneut den Krieg, schlug die Byzantiner 896 vernichtend bei Bulgarophygon in Thrakien und besetzte Gebiete in Süd- und Westmakedonien. Um 901/2 kam es zu neuen Verhandlungen, doch als die Araber im Juli 904 Thessaloniki plünderten, war Byzanz nochmals gezwungen, mit S. zu verhandeln, um eine Eroberung der Stadt durch die Bulgaren zu verhindern. So wurde im selben Jahr ein endgültiger Friede vereinbart, in dem die vorgeschobenen bulgarischen Grenzen neu fixiert wurden (s. die Grenzinschrift von Narŭš bei Thessaloniki), Byzanz sich zu jährlichen Tributen verpflichtete und vielleicht auch den Absatz bulgarischer Waren in Konstantinopel wieder zuließ. Der Frieden währte bis 912. S. nutzte ihn nicht zuletzt zum Ausbau der von den Ungarn verheerten Residenzstadt Preslav, als deren berühmtestes Bauwerk aus dieser Zeit die wohl mit der Rundkirche zu identifizierende „Goldene Kirche“ gilt. In die gleiche Zeit dürfte die Blüte der Preslaver literarischen Schule fallen - zu ihren Vertretern zählt neben Joan Ekzarcb, Konstantin Preslavski und Černorizec Chrabŭr auch S. selbst -; sie hat mit Hilfe des Übergangs von der Glagolica zur Kyrillica die Rezeption der byzantinischen Literatur und damit die Entwicklung der eigenen slawisch-bulgarischen Literatur entscheidend vorangetrieben. Im Ohrider Raum lief hierzu parallel die missionarische und literarisch-pädagogische Tätigkeit der Method-Schüler Kliment (ca. 894 von S. zum Bischof von Dragvista [ältere Version: Drembica] und Velica ernannt, † 916) und Naum († 910). Als der byzantinische Kaiser Alexander 912 den Vertrag seines Vorgängers aufkündigte, eröffnete S. im folgenden Jahr einen zweiten Krieg gegen Byzanz, dessen Beendigung er nicht mehr selber erlebte. Die Tatsache, daß der Nachfolger des unerwartet verstorbenen Alexanders der noch unmündige Konstantin VII. war, ließ S. die vermeintliche Chance erblicken, auf dem Verhandlungsweg oder auch gewaltsam selber byzantinischer Kaiser zu werden. Die von ihm während dieses Krieges gegen Byzanz errungenen spektakulären Erfolge (914 und 923 Einnahme Adrianopels, 917 Sieg bei Anchialos) bestärkten S. in seinem Vorhaben und ließen ihn weder gegenüber der Vormundschaftsregierung des Patriarchen Nikolaos Mystikos, noch Kaiserin Zoe oder Romanos I. Lakapenos hierauf verzichten. Dies machte aber eine Einigung mit Byzanz, das neben territorialen und finanziellen Zugeständnissen auch Heiratsverbindungen in Aussicht stellte, unmöglich. Zu persönlichen Verhandlungen S.s mit der byzantinischen Regierungsspitze kam es im Verlauf des Krieges zu Beginn und gegen Ende: Im August 913 traf S. mit Nikolaos Mystikos vor Konstantinopel zusammen, ohne daß S. sich zufriedengestellt sah. (Daß S. bei dieser Begegnung zum bulgarischen Kaiser gekrönt wurde [These Ostrogorskys], ist derzeit umstritten; den Kaisertitel, den er betont auf Byzanz ausdehnte, hat S. sich vermutlich im Verlauf des Krieges selbst zugelegt, jedenfalls setzt mit ihm die Tradition des bulgarischen Zartums ein.) Das zweite Treffen fand im November 924 unter denkwürdigen protokollarischen Umständen ebenfalls vor Konstantinopel statt, mit Romanos I. als Kontrahenten. Auch hieraus resultierte kein längerer Friede. Immerhin zeichnete sich unter Romanos die Bereitschaft ab, S. als bulgarischen Kaiser anzuerkennen; so bezeichnete Romanos S. in seiner Korrespondenz auch nicht mehr, wie seine Vorgänger, als „geistlichen Sohn“, sondern als „Bruder“ und somit ebenbürtigen Gegner. Der Krieg, in dessen Verlauf S.s Truppen wiederholt nicht nur bis vor Konstantinopel, sondern auch tief nach Griechenland vorstießen und in dem S. zweimal den Versuch machte, mit den Arabern zu paktieren (vor und um 924), verschonte nach 917 auch die benachbarten Serben und Kroaten nicht. In Serbien gelang es S. zeitweilig, in Konkurrenz mit Byzanz, die politische Kontrolle aufgrund militärischer Interventionen und von ihm eingesetzter Fürsten auszuüben, doch die Kroaten brachten ca. 926 den Bulgaren eine schwere Niederlage bei. In der Kirchenpolitik entsprach der Begründung des bulgarischen Zartums durch S. die Schaffung des bulgarischen Patriarchats (nach 917?), das aber erst unter S.s Sohn und Nachfolger Petŭr (S. hatte aus zwei Ehen vier Söhne und mehrere Töchter) von Byzanz anerkannt wurde. Es wird auch angenommen, daß Papst Johannes X. das Kaisertum des S. und den patriarchalen Status seiner Kirche anerkannt habe, was sich aber nicht mit letzter Sicherheit nachweisen läßt. Wir besitzen von S. relativ wenig Selbstzeugnisse: einige Bleisiegel, eine Grenzinschrift und drei kurze, angeblich von ihm stammende Briefe, die Leon Choirosphaktes in seinen Schriften überliefert (alle Zeugnisse griechisch). Der Inhalt weiterer Schreiben S.s aus der Zeit von 912 bis 924 läßt sich aus der umfangreichen Korrespondenz des Nikolaos Mystikos mit ihm sowie den Briefen Romanos’ I. erschließen. Von den Werken der Preslaver Schule wird die Herausgabe des „Zlatostruj“, einer Auswahl der Predigten des Johannes Chrysostomos, S. zugeschrieben. Ihm speziell gewidmet wurde eine literarisch-enzyklopädische Sammlung, die in Rußland als ,,,Izbornik‘ Svjatoslavs vom Jahre 1073“ überliefert ist. Für die Zeit seiner Regierung ließ S.s Expansionspolitik Bulgarien zur beherrschenden Macht in Südosteuropa neben dem byzantinischen Reich aufsteigen, dessen Kultur richtungweisend für die Weiterentwicklung seines Landes blieb; doch er überschätzte und überbeanspruchte das ihm zur Verfügung stehende Kräftepotential bei dem Versuch, auch noch die Herrschaft über das byzantinische Reich an sich zu reißen. Dazu hätte es der Einnahme Konstantinopels bedurft.

Literatur

Zlatarski: Bd 1/2, 278-515.
Runciman, Steven: A History of the First Bulgarian Empire. London 1930, 133-183.
Bŭlgarija 1000 godini (927-1927). Bd 1. Sofija 1930 [enthält verschiedene Aufsätze zu S.s Reich].
Dujčev, Ivan: Relations entre les Slaves méridionaux et Byzance aux Xe-XIIe siècles. In: Cahiers de civilisation médiév 9 (1966) 533-556.
Ders.: Medioevo-bizantino-slavo. Bd 3. Roma 1971, 175-221.
Cankova-Petkova, Genoveva: Der erste Krieg zwischen Bulgarien und Byzanz unter Simeon und die Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen zwischen Bulgarien und Konstantinopel. In: Byzant. Forsch. 3 (1968) 80-113.
Stavridu-Zafraka, Alkmini: I sinantisi Simeon ke Nikolau Mistiku (Avgustos 913) sta plesia tu vizantino-vulgariku antagonismu. Thessaloniki 1972.
Nicholas I, patriarch of Constantinople: Letters. Greek Text and English Translation by R. J. H. Jenkins and L. G. Westerink. Washington D. C. 1973.
Browning, Robert: Byzantium and Bulgaria. A comparative study across the early medieval frontier. London 1975 (mit Bibliographie).
Izbornik Svjatoslava 1073 g. Sbornik statej. Moskva 1977.

Verfasser

Günter Prinzing (GND: 1062916441)

Empfohlene Zitierweise: Günter Prinzing, Simeon [Bulgarien], in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 123-126 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1652, abgerufen am: 21.05.2024