Neipperg, Reinhard Wilhelm Graf

GND: 117549886

Neipperg, Reinhard Wilhelm Graf (ab 1726), kaiserlicher Feldmarschall und Diplomat, * 27.05.1684, † Wien 26.05.1774, aus einem schwäbischen Adelsgeschlecht, Sohn des Eberhard Friedrich Freiherrn von N. und der Margaretha Fucretia von Homberg, verheiratet mit Maria Franziska Theresia Gräfin Khevenhüller.

Leben

N. trat schon früh (1702) in kaiserliche Dienste. Ab 1715 Oberst im Regiment seines Vaters, zeichnete er sich im Türkenkrieg 1716/18 bei Temeschwar und Belgrad aus und erwarb sich das Vertrauen des Grafen Claudius Florimund Mercy und des Prinzen Eugen. Dieser beauftragte N. nach dem Passarowitzer Frieden (21.07.1718) als kaiserlichen Kommissar mit der Festlegung der Grenzen des Habsburgerreiches mit den Türken. 1723 zum Erzieher und Obersthofmeister des Herzogs Franz Stefan von Lothringen (nachmalig Kaiser Franz I.) berufen, 1730 Kommandant in Luxemburg, im polnischen Erbfolgekrieg sodann ein recht erfolgreicher Führer der kaiserlichen Armee in Italien und Tirol, wurde N. 1737 zum Gouverneur des Banats ernannt. Vermochte er sich im Türkenkrieg 1736-1739 als Korpskommandant militärisch recht gut zu behaupten, so fiel die Schuld an dem am 1. September abgeschlossenen und am 18. September 1739 Unterzeichneten Friedensschluß von Belgrad ganz auf ihn, da er diesen als Bevollmächtigter Kaiser Karls VI. mit dem türkischen Großwesir Ivaz Mehmed Pascha etwas überstürzt ausgehandelt hatte. Der Wiener Hof, der die aus militärischer wie politischer Schwäche selbstverschuldete Schmach des Belgrader Friedens mit dem Verlust all der in Passarowitz 1718 gewonnenen Gebiete und der Festung Belgrad nicht auf sich nehmen, sondern vielmehr der Öffentlichkeit gegenüber von sich abwälzen wollte, stellte N. vor Gericht. Doch steht fest, daß N. selbst im Wesentlichen nur nach den kaiserlichen Instruktionen gehandelt hatte und auch sehr gut darüber informiert war, daß die Festung Belgrad militärisch kaum zu halten gewesen wäre und das österreichische Heer sich in einem, jeden weiteren Feldzug ausschließenden Zustand befand. Wohl begnadigte ihn Maria Theresia bei ihrem Regierungsantritt und vertraute N. das Oberkommando über die schlecht ausgerüsteten und ausgebildeten Truppen in Schlesien an, doch erwies sich N. auch hier im Verlust der Schlacht von Mollwitz (10.04.1741) gegen Friedrich II. von Preußen als glücklos; die Kriegsuntauglichkeit seiner Armee entschied trotz seiner auch von seinem Gegner Friedrich II. anerkannten Feldherrngabe gegen ihn. N. war zunächst noch als Adlatus von Karl von Lothringen und 1743 im Stabe der Pragmatischen Armee als Berater Georgs II. von England tätig. Seine weiteren Lebensjahre verbrachte er als Vizepräsident des Hofkriegsrates und als Stadtkommandant in Wien. 1755 erhielt N. noch einmal einen bedeutsamen militär-diplomatischen Auftrag. Als Gegenmaßnahme zu dem im Warasdiner Generalat ausgebrochenen Aufstand der Militärgrenzer, dessen tiefere Ursache in den unter Maria Theresia zeitweise geförderten Zwangsbekehrungen der orthodoxen Grenzer hin zu den Unierten sowie in anderen Übelständen der Grenzverwaltung lag, zog N. reguläre Truppen, insgesamt 16 000 Mann, bei Kanizsa am ungarischen Drauufer zusammen und stellte die Meuterer vor die Alternative: entweder Unterwerfung mit Auslieferung der Rädelsführer oder schärfstes Vorgehen gegen sie mit Waffengewalt. In Zusammenarbeit mit dem Oberstleutnant Philipp Levin von Beck erreichte N. bald ihre Unterwerfung. Dieser letzte Aufstand in der österreichischen Militärgrenze fand mit einer von Maria Theresia im Juli 1755 erlassenen Amnestie für das Warasdiner Generalat seinen endgültigen Abschluß.

Literatur

Tupetz, Theodor: Der Türkenfeldzug von 1739 und der Friede zu Belgrad. In: Hist. Z. 40 (1878) 1-51.
Angeli, Moriz von: Der Krieg mit der Pforte 1736-1739. In: Mitteilungen des k. u. k. Kriegsarchivs (1881) 247-338, 409-479.
Regele, Oskar: Die Schuld des Grafen Reinhard Wilhelm von Neipperg am Belgrader Frieden 1739 und an der Niederlage bei Mollwitz 1741. In: Mitt. österr. Staatsarch. 7 (1954) 373-398.
Cassels, Lavender: The struggle for the Ottoman Empire 1717-1740. London 1966.
Rothenberg, Gunther E.: Die österreichische Militärgrenze in Kroatien 1522 bis 1881. Wien, München 1970, 110-112.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)

Empfohlene Zitierweise: Gerhard Seewann, Neipperg, Reinhard Wilhelm Graf, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 303-304 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1444, abgerufen am: 29.09.2022